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Arzneimittel: Sicherheitsrisiken nicht nur imStraßenverkehr

06.10.1997  00:00 Uhr

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Govi-Verlag

Arzneimittel: Sicherheitsrisiken nicht nur im Straßenverkehr

Durch rund ein Fünftel der in Deutschland eingesetzten Medikamente kann die Sicherheit im Straßenverkehr reduziert werden. Diese Größenordnung ergibt sich aus der Anzahl der auf dem Markt befindlichen Medikamente mit Verkehrswarnhinweis und ihrem Verbrauch. Der Standardtext des Warnhinweises nennt das Risiko bei der aktiven Verkehrsteilnahme und der Maschinenbedienung. Ferner spricht er die Gefahren bei gleichzeitiger Alkoholeinnahme an. Die tatsächliche Rolle der Medikamenteneinnahme für die Unfallentwicklung im Straßenverkehr und auch für Arbeitsunfälle ist allerdings bis heute mangels geeigneter statistischer Daten nicht bekannt und damit auch nicht quantifizierbar (man schätzt, daß 25 Prozent der Unfälle durch Medikamente mitverursacht werden).

Durch eine Vielzahl von Studien läßt sich demonstrieren, daß Medikamente das sicherheitsrelevante Leistungsvermögen zum Teil erheblich stören können. In therapeutischer Dosierung bewirken zum Beispiel Benzodiazepine oder trizyklische Antidepressiva speziell zu Beginn einer Behandlung Leistungsstörungen, die etwa denen einer Blutalkoholkonzentration von 0,5 Promille gleichkommen, sie teils aber auch deutlich übersteigen. Besonders leistungsmindernd fällt die Kombinationswirkung von sedierenden Arzneimitteln mit Alkohol aus. Das Spektrum der Medikamentengruppen, die Leistungsverschlechterungen bewirken können, ist groß. Es reicht von den Psychopharmaka über Hypnotika, Herz/Kreislaufmittel, Analgetika, Antihistaminika bis hin zu Muskelrelaxanzien und Mitteln der Augenheilkunde. Es gibt allerdings in vielen dieser Gruppen auch Arzneimittel ohne nachteilige Wirkungen auf das Leistungsvermögen. Ist eine Sedierung im Rahmen der Therapie unvermeidbar, dann muß der Arzt den Patienten explizit darauf hinweisen, daß das Kraftfahren zumindest zu Beginn der Behandlung unterbleiben muß. Bei Selbstmedikation muß der Apotheker diese Aufklärung wahrnehmen.

Der Straßenverkehr ist zwar ein wichtiges Thema für die allgemeine Sicherheit, er stellt aber keineswegs das größte Risikopotential dar. Rund 40 Prozent der Unfalltoten in Deutschland sterben infolge von Verkehrsunfällen, aber 60 Prozent der Getöteten und sogar 94 Prozent der jährlich weit über 8 Millionen Unfallverletzungen stammen aus anderen Lebensbereichen. Unfallverletzungen geschehen in Deutschland zu je rund einem Viertel in den Bereichen Arbeit, Haushalt und Freizeit, immerhin noch zu 15 Prozent im Bereich Schule und lediglich zu 6 Prozent im Straßenverkehr. Mit den Lebensbereichen, in denen Unfälle passieren, sind auch Altershäufungen verknüpft: ein Viertel der Verletzten war unter 15 Jahre, ein weiteres Viertel 15 bis 24 Jahre, 15 Prozent waren über 64 Jahre alt. Das bedeutet, daß die sogenannten "aktiven Jahrgänge" von 25 bis 64 Jahren, die der Standardwarnhinweis in erster Linie anspricht, nur zu gut 30 Prozent von Unfallverletzungen betroffen waren.

Entsprechend wirkt sich durch Arzneimittel reduzierte Sicherheit nicht nur im Straßenverkehr oder in der Arbeitswelt aus, wie es der Verkehrswarnhinweis suggeriert, vielmehr muß der Blick für das potentielle Risiko der Medikamente auch in anderen, quantitativ und qualitativ bedeutsamen Bereichen der Alltagssicherheit geschärft werden. Bemerkenswerterweise werden die für praktisch alle Patienten - vom Kind bis zum Greis - geltenden Risiken durch Arzneimittel im Heim- und Freizeitbereich bisher kaum thematisiert. Kinder und ältere Menschen sollen deshalb unter diesem Aspekt näher betrachtet werden.

Kinder sind bis heute hinsichtlich der medikamentenbedingten Reduzierung des Leistungsvermögens kaum beachtet worden, obwohl ihre grundsätzliche Unfallgefährdung erheblich ist. Kinder und Jugendliche im Alter bis zu 24 Jahren erleiden mit 4 Millionen rund die Hälfte aller Unfälle mit Verletzungen. Stürze gehören bei ihnen aufgrund des großen Bewegungsdranges zu den häufigsten Unfallarten. Medikamente sind hier insbesondere dann als risikosteigernd anzusehen, wenn sowohl die zu behandelnde Erkrankung als auch das eingesetzte Arzneimittel negative Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit haben.

Bereits ab 45 bis 50 Jahren findet sich im Heim- und Freizeitbereich eine Zunahme von Unfällen durch Stürze beim Gehen sowie auf Treppen oder Leitern. Auslöser sind altersbedingt nachlassende sensorische und psychomotorische Fähigkeiten. Verkehrsunfälle älterer Fahrer (> 65 Jahre) unterscheiden sich auch aus diesem Grunde von denen jüngerer: meist handelt es sich um Vorfahrtverletzungen speziell in komplexen Verkehrssituationen, um Schwierigkeiten beim Einfädeln in den fließenden Verkehr sowie beim Wenden und Zurücksetzen. Wenn ältere Menschen nur noch mit Mühe die Anforderungen moderner Technik erfüllen können und leistungsmäßig wenig Reserven haben, steigt das Risiko deutlich an, durch Erkrankungen und Medikamentengebrauch in eine unfallträchtige Situation zu geraten. Speziell für ältere Menschen relevant sind Behinderungen des Bewegungsapparates, Herz/Kreislauf- und Gefäßerkrankungen, Diabetes, neurologische Erkrankungen, psychische Erkrankungen sowie Mißbrauch und/oder regelmäßige Einnahme psychotroper Substanzen.

Wenn das therapeutische Konzept es zuläßt, sollten der Arzt oder Apotheker vorzugsweise auf Medikamente zurückgreifen, die die Leistung nicht oder nur geringfügig beeinträchtigen.

Eine Neufassung des Warnhinweises unter Berücksichtigung des Begriffs Alltagssicherheit und der über den Gebrauch von Kraftfahrzeugen oder Maschinen hinaus betroffenen Bevölkerungskreise erscheint dringend erforderlich.

PZ-Titelbeitrag von Klaus-Wolfgang Herberg, KölnTop

 

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