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Keller: die Apotheker müssenModellversuche mitgestalten

06.10.1997  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

Keller: die Apotheker müssen
Modellversuche mitgestalten

PZ-Interview

Am 8. August 1998 fand eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Deutschen Apothekerverbandes (DAV) statt, deren Diskussion in einigen Fachzeitschriften als eine einmalige Auseinandersetzung interpretiert wurde. Die Pharmazeutische Zeitung hat diese Diskussion bewußt nicht öffentlich gemacht, weil wir der Meinung waren, daß es nicht die Aufgabe der ABDA-eigenen Presse sein kann, eine noch nicht abgeschlossene Diskussion in die Öffentlichkeit zu tragen. Das hätte aus unserer Sicht dem DAV, besonders in seiner Rolle als Vertragspartner der Gesetzlichen Krankenkassen, nur schaden können. Nachdem die Diskussion intern zu Ende geführt ist, sprachen wir mit Hermann Stefan Keller, dem DAV-Vorsitzenden , über das Ergebnis.

PZ: Herr Keller, können Sie den Hintergrund der Diskussion auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 8. August erläutern ?

Keller: Auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung, die auf Antrag des Apothekerverbandes Nordrhein einberufen wurde, sollte der Niedersachsen-Vertrag und die Aut-idem-Auswahl als Bestandteil dieses Vertrages in Ruhe diskutiert werden. Außerdem standen weitere Sachthemen, wie Pharmaceutical Care, Elektronisches Rezept und aktuelle Probleme, wie die Änderung der Arzneimittelpreisverordnung, auf der Tagesordnung. Das Programm war also umfangreich, bot aber viel Platz für sachliche Diskussionen. So war auch die Sitzung geplant: durch Informationen und Beratungen die Diskussion innerhalb des DAV über diese Themen offen zu führen.

PZ : Wie kam es zu dem Bild, das in einigen Zeitungen gezeichnet wurde, der DAV stehe vor der Spaltung ?

Keller: Ausgang für diese Spekulationen waren offensichtlich Anträge aus Sachsen, die vorsahen, daß bei Verträgen mit bundesweiter politischer Bedeutung, wie der in Niedersachsen, eine Diskussion vorher ausführlich in den DAV-Gremien geführt werden muß. Dem hat sich die Mitgliederversammlung mehrheitlich angeschlossen. Dem ist auch nicht zu widersprechen. Solche Verträge sollten nur mit dem Votum des DAV umgesetzt werden, egal ob es sich um regionale Modellversuche oder bundesweite Verträge handelt. Wir hatten leider bei der Diskussion zu diesen Anträgen eine etwas emotionale und personenbezogene Aussprache, bei der die Sache zunächst hinten anstand. Mit Vorträgen zweier Gäste aus Niedersachsen, die aus der Sicht der Krankenkasse und der Apothekerkammer zu dem Modell Niedersachsen Stellung bezogen, wurde wieder eine Versachlichung erreicht. In den anschließenden Abstimmungen kam es dann auch zu einer klaren Meinungsbildung des DAV, die zusammengefaßt heißt:

1. Das Niedersachsen Modell ist nicht vorbildlich für den gesamten DAV.
2. Solche Modelle müssen, bevor sie praktiziert werden, im Vorstand diskutiert werden. Das heißt, Meinungsverschiedenheiten werden zukünftig intern ausdiskutiert.
3. Der Antrag aus Sachsen, den Verhandlungsführer des DAV mit den Krankenkassen abzuwählen, wurde von der Mitgliederversammlung angelehnt. Die Vorsitzende des sächsischen Apothekerverbandes und Mitglied des geschäftsführenden DAV-Vorstandes, Frau Koch, stellte nach dieser Entscheidung die Vertrauensfrage. Sie wurde von der Mitgliederversammlung im Amt bestätigt.

PZ: Welche Bedeutung hat retrospektiv diese Diskussion für Sie als Vorstitzenden des DAV?

Keller: Ich bin der Auffassung, daß es zum Selbstverständnis eines Verbandes gehören muß, innerhalb seiner Gremien offen und ehrlich zu diskutieren. Dies wird und wurde vielleicht manchmal zu wenig geübt. In einem demokratischen Meinungsbildungsprozeß ist es nur so möglich, zu Beschlüssen zu kommen, die von einer breiten Mehrheit mitgetragen werden und die die Richtung der Politik für alle verbindlich machen.

PZ: Lassen Sie mich noch auf einen Punkt zurückkommen, der bei der Diskussion um den Niedersachsen-Vertrag die Hauptrolle spielte: Die Qualität spiele bei der Auswahl keine Rolle, nur der Preis sei maßgebend. War dieser Einwand gerechtfertigt oder nicht?

Keller: Hier lag wahrscheinlich ein Fehler im Informationsaustausch, der in Niedersachsen oder auch in Frankfurt verursacht wurde. Denn nicht allen war der Wortlaut des Vertragsentwurfes bekannt. Das gab zu Spekulationen Anlaß. Wenn man den Text aber genau liest und ihn im Kontext zu den entsprechenden Paragraphen des SGB V interpretiert, sind diese Spekulationen nicht mehr gerechtfertigt. Nimmt man nur die Preisschiene, dann hat dieser Vertrag sicher in einem gewissen Sinne Nachteile, weil im Preissegment unterhalb des §129 ausgewählt wird. Sieht man allerdings die generelle Verpflichtung zu aut idem, ergibt sich eine Sichtweise, bei der der Preis primär keine Rolle spielt. Hier ist die Verantwortung des Apothekers angesprochen und das entspricht wiederum den ABDA-Thesen zur besseren Versorgung des Patienten mit Arzneimitteln unter der Mitverantwortung des Apothekers. Deshalb muß jeder Vertrag in seiner Gesamtheit dahingehend beurteilt werden, ob die preisliche Verantwortung mit der Verantwortung für die Qualität, mit der Möglichkeit für die Beratung durch den Apotheker zur Stärkung der apothekerlichen Kompetenz eingebunden ist. Nur wenn dies gegeben ist, kann man solchen Verträgen näher treten. Nach meinen augenblicklichen Informationen ist der Niedersachen-Vertrag nach wie vor nicht unterschrieben, weil beide Seiten Nachbesserungen haben wollen. Ich gehe davon aus, daß das Thema zur Zeit erledigt ist.

PZ: Die Tendenz der Niedersachsen, aktiv in die Modelle und die Strukturverträge einzusteigen, ist doch als positiv zu werten ?

Keller: Die Apotheker und insbesondere die Apothekerverbände müssen sich auf die Realität einstellen. Es gibt Strukturverträge, und es gibt Modellversuche im Gesundheitswesen. Und wir Apotheker sind aufgefordert, bei diesen Verträgen und Modellen mitzumachen. Man kann sich sicher über den Modus streiten. Aber wir sind gefordert, Modelle anzubieten. Jeder Landesverband muß für sich entscheiden, in welcher Form er die Apotheker an Modellen mit Krankenkassen oder Kassenärztlichen Vereinigungen beteiligen kann. Natürlich ist es für uns schwer, in diese Modelle und Strukturverträge einzusteigen, weil der Gesetzgeber vorgesehen hat, daß die Krankenkassen dies mit den Ärzten alleine regeln. Bisher ist es auch so, daß solche Modelle und Strukturverträge ohne Apotheker laufen. Wir sollten allerdings nicht den Anspruch aufgeben, mitzureden und eigene Vorschläge zu machen. Deshalb ist das Generalthema auf dem Deutschen Apothekertag „Der Apotheker als Partner im Gesundheitswesen". Hier werden die Möglichkeiten diskutiert, wie sich die Apotheker einbringen können.

PZ-Interview von Hartmut Morck, EschbornTop

 

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