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Narbenbehandlung mit Silikon-Gel

29.09.2003
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Narbenbehandlung mit Silikon-Gel

von Gudrun Heyn, Berlin

Wenn Narben an exponierter Stelle zu einem hässlichen Blickfang werden, verlangen sie nach Therapie. Umso dringender ist eine Behandlung jedoch, wenn körperliche Beschwerden auftreten. Zur Prophylaxe und zur Therapie auffälliger oder störender Narben ist nun ein neuartiges Silikon-Gel auf dem Markt, das auf einem Symposium während der Jahrestagung der Vereinigung für operative und onkologische Dermatologie vorgestellt wurde.

Nach einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Medical Research Management gibt es in Deutschland derzeit 12 bis 20 Millionen Narbenpatienten. Behandelt werden allerdings nur etwa 2 bis 3 Prozent. Die Gründe, warum Betroffene Hilfe suchen, sind Juckreiz, Rötungen, Schmerzen und der Verlust an Bewegungsfreiheit, speziell im Bereich von Gelenken.

Eine Narbe ist der Endpunkt einer komplexen Kaskade von physiologischen Reaktionen nach tieferer Verletzung der Haut. Im Verlauf der Wundheilung wird Form, Farbe und Funktion wieder hergestellt. Die entstehende Narbe ist im Idealfall kaum sichtbar.

Doch häufig treten bei der Bindegewebsneubildung Störungen auf. Die Folge sind zumeist hypertrophe Narben oder Keloide, die zu den am weitesten verbreiteten pathologischen Narbenarten gehören. Unterschieden werden daneben auch varioliforme Narben und so genannte Ice-pick-Narben, die oft nach Akne oder auch nach Herpes entstehen. Außerdem können Dehiszenzen, Atrophien, Hypo- und Hyperpigmentierungen sowie Rötungen zu einem auffälligen Hautbild führen.

Pathologische Narben weichen in ihrem äußeren Erscheinungsbild deutlich von ihrer Umgebungsstruktur ab. So zeichnen sich etwa Ice-pick-Narben durch einen Substanzdefekt aus. Bei hypertrophen Narben und Keloiden ist dagegen eine Substanzvermehrung typisch.

Keloide und hypertrophe Narben

Hypertrophe Narben sind wulstige Narbenbildungen, die durch die Proliferation des Bindegewebes über das normale Hautniveau hinausragen. Sie entstehen schnell nach oder während der primären Wundheilung, bleiben aber auf das ursprüngliche Operations- oder Traumagebiet beschränkt. Ihr Wachstumsverhalten ist das Hauptunterscheidungskriterium gegenüber Keloiden, denn Keloide sind krebsscherenartige Wucherungen über die eigentliche Läsion hinaus. Außerdem entwickeln sich Keloide zumeist bei verzögerter Wundheilung oder sogar erst längere Zeit danach.

Während Keloide keine spontane Rückbildungstendenz zeigen, ziehen sich hypertrophe Narben nach einem individuell unterschiedlichen Zeitraum irgendwann wieder zurück. „Erfahrungsgemäß ist dies in einer Zeitspanne zwischen einem halben Jahr und drei Jahren zu erwarten“, sagte Dr. Christian Beier vom Zentrum der Dermatologie und Venerologie in Frankfurt am Main. Die Unterscheidung der beiden Narbenarten ist daher wesentlich für den Therapieerfolg.

Bei der Entstehung von Keloiden spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle, wie etwa das Patientenalter, eine genetische Disposition, die Rasse und die Lokalisation. So ist bei Jugendlichen in einem Alter zwischen 12 und 18 Jahren das Risiko einer Keloidbildung besonders groß. Vermutet wird, dass dabei Hormone einen wesentlichen Einfluss haben.

Pathogenese noch immer unklar

„Trotz vieler neuer Erkenntnisse in den vergangenen Jahren auf molekularer, zellulärer und genetischer Ebene kennen wir die vollständige Pathogenese von hypertrophen Narben und Keloiden noch nicht“, sagte Beier. Eine der Hauptursachen wird in der Imbalance zwischen Kollagensynthese und Kollagenabbau vermutet. Histologisch zeigt sich bei Keloiden eine verbreiterte Dermis und vermehrte sowie verdichtete Kollagenbündel. Im Vergleich zu gesunden Fibroblasten ist die Apoptoserate der Fibroblasten in Keloiden um die Hälfte reduziert. In unterschiedlichem Maße beeinflussen Zytokine, Zelladhäsionsrezeptoren (Integrine) und Wachstumsfaktoren (zum Beispiel TGF-β) auf der einen Seite und Störungen der Degradationsmechanismen der umgebenden Matrix auf der anderen Seite die komplexen pathologischen Vorgänge.

Ziele in der Narbentherapie sind daher Rötung, Juckreiz und Schmerzen zu reduzieren, sowie das Volumen der pathogenen Narbe zu verringern, sie weicher und damit elastischer zu machen und das kosmetische Erscheinungsbild zu verbessern. Aus medizinischer Sicht ist eine Behandlung von Narben besonders dann angezeigt, wenn eine funktionelle Verbesserung erreicht werden kann, etwa bei Spannungsgefühlen oder bei verminderter Beweglichkeit. „Aber auch psychosoziale Konflikte auf Grund entstellender Hautverletzungen sollten von den Ärzten nicht unterschätzt werden“, sagte Beier. Dabei richtet sich die Therapiemöglichkeit nach dem Stadium und der Beschaffenheit der Narbe.

Problematisch sind vor allem Keloide. „Durch ihr progredientes Wachstum ist die Prognose oft schlecht“, sagte Dr. Andreas Arens von der Fachklinik Hornheide an der Westfälischen-Wilhelms-Universität, Münster. Zu den primären Therapieoptionen zählen in erster Linie die Silikonbehandlung, intraläsionale Corticoidapplikation sowie die Kompressionsbehandlung. Ferner wird auch die Kryotherapie und die Lasertherapie eingesetzt. Sekundär wird operativ behandelt.

Bereits seit 20 Jahren ist Silikon in der Wund- und Narbentherapie bekannt. Musste bisher jedoch das Silikon mühsam in Form einer dünneren bis dickeren Platte oder als Kissen auf der Narbe mit Pflastern fixiert werden, lässt sich das neue Silikon-Gel Dermatix einfach auf die Haut auftragen. Es bildet dabei über der Narbe einen dünnen Schutzfilm, der luftdurchlässig, aber wasserundurchlässig ist. Der damit erreichte Okklusions- und Hydratationseffekt beeinflusst positiv die Hydratationsbalance. Die Narbe wird weicher und elastischer. Außerdem werden physiologische Prozesse im heilenden Gewebe gefördert. So halbiert Silikon das Risiko der Entwicklung von Keloiden und hypertrophen Narben. Juckreiz und typische Beschwerden wie Narbenschmerzen nehmen ab. „Schon nach zwei Monaten werden erste Erfolge sichtbar“, berichtete Dr. Sabine Fischer von Patienten aus ihrer Praxis in Leipzig. Dabei kann eine Silikontherapie beliebig oft angewendet werden.

Früh mit der Behandlung beginnen

„Wir empfehlen möglichst früh nach abgeschlossener Wundheilung mit dem Auftragen von Silikon-Gel zu beginnen“, sagte Professor Dr. Günther Sebastian von der Medizinischen Fakultät der Universität Dresden. Zwei bis sechs Monate lang sollte es täglich ein- bis zweimal angewendet werden. Ein besonderer Vorteil ist dabei die Elastizität und Dehnbarkeit des neuen Produkts. Besonders stark beanspruchte Körperstellen, wie etwa Gelenke, Schultern und Rücken stellen nun bei der Behandlung kaum noch ein Problem dar. Zirka fünf Minuten braucht die tixotrope Substanz nach dem Auftragen zum Trocknen.

Das Silikon-Gel kann alleine angewandt oder mit anderen Narbentherapien kombiniert werden. Besonders angezeigt ist letzteres etwa bei Keloiden, die operativ behandelt werden müssen. Die Wahrscheinlichkeit in der Monotherapie mittels eines chirurgischen Eingriffs ein Rezidiv zu bekommen beträgt bei Keloiden 80 bis 100 Prozent. „Silikon und Kortison sollten daher immer zusätzlich gegeben werden“, betonte Arens.

Bei der Anwendung von Dermatix sind keine unerwünschten Wirkungen bekannt. Daher ist es auch gut zur Narbenbehandlung bei Kindern geeignet. Außerdem enthält es keine Geruchs- und Farbstoffe, so dass es nicht zu unerwünschten Hautreaktionen oder Juckreiz kommt. Mit Ausnahme von Schleimhäuten und Augenpartien ist es an allen Körperstellen einsetzbar. Top

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