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Der Gesundheitsmarkt, die zukünftigeLokomotive der Wirtschaft

29.09.1997
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Govi-Verlag

Der Gesundheitsmarkt, die zukünftige Lokomotive der Wirtschaft

Die Marktwirtschaft kennt keinen gleichförmigen Verlauf. Aufschwung und Abschwung, Konjunktur und Rezession wechseln einander regelmäßig ab. Kurze und mittlere Wirtschaftsschwankungen mit einer Dauer von 3 bis 11 Jahren sind aus der Erfahrung allgemein bekannt. In der Marktwirtschaft treten aber auch lange Schwankungen mit einer Periode von 40 bis 60 Jahren auf. Sie werden Kondratieff-Zyklen genannt. Krisen gehören zum Wesen der Marktwirtschaft, sie treten in der Auslaufphase eines Konjunkturzyklus auf. Krisen können wenige Monate dauern und sich auf wenige Branchen beschränken, sie können sich aber auch über mehrere Jahre erstrecken und die gesamte Wirtschaft einer Region oder eines Landes erfassen.

Die letzte Wirtschaftskrise ereignete sich in den 70er Jahren, als die OPEC die Rohölpreise dramatisch erhöhte und den Industriegesellschaften keine Zeit zur Anpassung ließ. Sie markierte den Abschwung des vierten Kondratieff-Zyklus. Tiefe Krisen treten insbesondere in den Übergangsphasen zweier Kondratieff-Zyklen auf, weil in dieser Zeit das Nutzungspotential des aktuellen Langzyklus weitgehend erschöpft und der neue noch nicht ausreichend entwickelt ist, um der Wirtschaft die notwendigen Wachstumsimpulse zu liefern.

Kondratieff-Zyklen sind Innovationsschübe, die von bestimmten technisch-ökonomischen Neuerungen, den Basisinnovationen, ausgelöst werden und mit starken Produktivitätssteigerungen verbunden sind. Im ersten Kondratieff-Zyklus konnte durch die Erfindung der Dampfmaschine mechanische Energie in einem bis dahin nicht gekannten Maße bereitgestellt werden, die insbesondere den rasanten Aufschwung der Textilindustrie ermöglichte. Der zweite Kondratieff-Zyklus war die große Zeit des Stahls; zugleich wurden durch die Eisenbahn die Transportkosten für Waren und Menschen drastisch gesenkt, wodurch Handel und Industrie wesentlich größere Ausdehnungsmöglichkeiten erhielten. Der dritte Zyklus wurde durch die elektrotechnische und chemische Industrie getragen. Es war der erste Langzyklus, der von der praktischen Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse profitierte. Die Entdeckung des Elektrodynamo-Prinzips und die Erkenntnisse des Aufbaus der Materie, wie sie die Quantentheorie lieferte, führten zur Entwicklung zahlloser elektrischer und chemischer Produkte. Basisinnovationen des vierten Kondratieff-Zyklus waren die Petrochemie und das Automobil. Sie brachten den Massenverkehr auf der Straße und in der Luft, zugleich markierten sie den Höhepunkt der Industriegesellschaft.

Derzeit befinden wir uns in einem Kondratieff-Zyklus, der seine Antriebsenergie aus der Verwertung der Basisinnovation Informationstechnik bezieht. Er markiert die Entstehung der Informationsgesellschaft und den Übergang in eine Phase des Strukturwandels, die nicht mehr von Rohstoffen und Energieverbrauch, sondern vom produktiven und kreativen Umgang mit Informationen bestimmt wird.

Die Aufschwungphase des fünften Kondratieff geht (zunächst für Europa und Japan) mit den 90er Jahren zu Ende. Die Statistik spricht eine eindeutige Sprache: Lagen die Wachstumsraten der Informationstechnik in den 60er und 70er Jahren oberhalb von 16 Prozent und in den 80er Jahren bei 12 Prozent, so sind sie im Zeitraum 1990 bis 1996 unter 8 Prozent gefallen. Falls die Weichen jetzt nicht konsequent auf den nächsten, den sechsten Zyklus, ausgerichtet werden, dann kann in den nächsten Jahren nicht mit einer nachhaltigen Verbesserung der wirtschaftlichen Lage gerechnet werden. Was läßt sich heute über den nächsten Langzyklus sagen? Durch welche Basisinnovationen wird er ausgelöst und getragen werden?

Die neuen Lokomotiven: Umwelt und Gesundheit

Eines der Segmente mit den größten Rationalisierungsreserven ist der Umweltbereich. Die Produktivitätsreserven des Umweltsektors sind beträchtlich, allein die schon heute möglichen Einsparungen werden für die USA auf 1000 Milliarden US-Dollar pro Jahr, weltweit auf über 2500 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. In Deutschland arbeiten in diesem Bereich inzwischen genauso viele Menschen wie in der Automobilindustrie - bei einem Viertel des Umsatzes. Dieser Markt bietet genau jene arbeitsintensiven Arbeitsplätze, die wir dringend brauchen.

Ein zweites Segment mit großen Rationalisierungsreserven bildet der Gesundheitssektor. Seelische, soziale und körperliche Gesundheit ist Voraussetzung für die Entfaltung produktiver Kräfte wie Kreativität, Motivation, Leistung, Lern- und Einsatzbereitschaft. Der Schlüsselbegriff zur Erschließung des Humankapitals heißt Gesundheit: ganzheitlich verstanden, also körperlich, sozial und seelisch. Sie ist nicht nur ein riesiger Markt, sie ist auch Voraussetzung für das, was mit dem Begriff "psychosoziale Kompetenz" gemeint ist.

Kondratieff-Zyklen sind nicht nur Innovationsschübe, sie sind auch Produktivitätsschübe. Die Suche nach Produktivitätsreserven in unserer Zeit führt zum Gesundheitssektor. Hier lagern die Reserven, die im produktiven Bereich dringend benötigt werden und die durch psychosoziale Kompetenz erschlossen werden können. Sicher wäre es eine Illusion, zu glauben, man könnte alle destruktiven Verhaltensweisen aus der Welt verbannen. Zwischen Illusion und Resignation besteht jedoch ein breites Spektrum an Handlungsoptionen.

Westeuropa betritt die neue Arena mit einigen guten Voraussetzungen: hoher Stand der Medizin- und Umwelttechnik, gut ausgebaute Gesundheitsinfrastruktur (Kurbetriebe, Krankenhäuser, Sanatorien, Handel, Forschungseinrichtungen), gut entwickelte Nachfrage nach ökologischen Produkten, vor allem aber eine bereits hoch entwickelte Sensibilität für Gesundheit im ganzheitlichen Sinn. Der sechste Kondratieff wird kommen und er wird ein Gesundheits-Kondratieff sein. Der Motor dieses Langzyklus kann schon heute ziemlich genau angegeben werden: psychosoziale Kompetenz. Die Frage ist nicht, ob er realisiert werden kann, sondern welche Firmen, Länder und Regionen ihn gestalten und wer am meisten von seiner Antriebskraft profitieren werden.

PZ-Titelbeitrag von Leo A. Nefiodow , Sankt AugustinTop

 

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