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Die Trumpfkarte der Vergangenheitheißt Verklärung

21.09.1998
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-Politik

Govi-Verlag

Die Trumpfkarte der Vergangenheit
heißt Verklärung
Pharmacon Westerland

Auch acht Jahre nach Wiedervereinigung kommen Ostdeutsche und Westdeutsche eher schlecht als recht miteinander aus. In den neuen Bundesländern macht sich eine DDR-Nostalgie breit; manche Westdeutsche denken, daß die alten Bundesländer ohne die finanzielle Belastung der Wiedervereinigung weit besser dastünden, als sie es heute tun. Der Schriftsteller Günter de Bruyn wirft seinen Landsleuten vor, durch eine rosa Brille auf ihre Vergangenheit zu blicken.

"Die Erinnerung ist ein Filter, in dem das Schlechte hängen bleibt," sagte de Bruyn in einem Vortrag während der Eröffnung des Pharamacons Westerland. "In der Erinnerung holen wir uns das, was in der Gegenwart fehlt." Der Blick zurück veredle die Vergangenheit.

De Bruyn sieht hierin den wesentlichen Grund für die Unzufriedenheit vieler Ostdeutscher mit ihrer Situation nach der Wiedervereinigung. Aber auch die Westdeutschen sehen ihre Vergangenheit nicht objektiv. Auch im Westteil der geteilten Republik sei nicht alles so rosig gewesen, wie es heute mancher darstelle. Der Grund für eine solche Verklärung sei meist Bequemlichkeit. De Bruyn: "Es ist schöner sein Leben zur Legende zu machen, als sich mit den eigenen Fehlern, Schwierigkeiten und Mißerfolgen auseinanderzusetzen."

Für die meisten Westdeutschen ist die wieder steigende Sympathie der Ostdeutschen für das Leben in der DDR nicht nachvollziehbar. Nach de Bruyns Einschätzung ist die DDR-Nostalgie eine Folge unrealistischer Erwartungen der Ostdeutschen und erfüllbarer Versprechen Westdeutscher Politiker und Medien.

In den Jahren nach dem Zusammenschluß hätten die Ostdeutschen schmerzlich erfahren, daß sich die Lebensumstände nicht in der erwarteten und versprochenen Geschwindigkeit verbesserten. Das Leben wurde schwieriger, da der Staat sich aus manchen Bereichen zurückgezogen habe. Mit ihren Problemen, etwa der Arbeitslosigkeit, fühlten sich die Ostdeutschen alleingelassen.

Da es diese Schwierigkeiten früher nicht gab, erscheine die Vergangenheit in der DDR rosig, da es dort die aktuellen Schwierigkeiten nicht gegeben habe. Die großen Probleme aus dieser Zeit würden ausgeblendet, so de Bruyn, weil eben nur das Schöne aus der Vergangenheit in Erinnerung bleibe. Die Vorteile der Gegenwart, werden dagegen ignoriert. Es sei unzweifelhaft, daß sich in den neuen Bundesländern der Zustand der Wohnungen und Straßen, die Qualität der Autos oder die Freizügigkeit bei Reisen objektiv verbessert habe.

Ein weiterer Grund, warum sich Ost- und Westdeutsche immer noch nicht näherkommen, sind Vorurteile und Verallgemeinerungen über den jeweils anderen. Sie seien nicht aus den Köpfen zu vertreiben, beklagt de Bruyn, weil eine vorgefertigte Meinung das Leben einfacher mache. Ein solides Vorurteil entbinde von einer differenzierteren Sicht, und mit einigem Geschick lasse sich jede Situation so darstellen, daß die Erwartung erfüllt werde.

Den Medien wirft der Schriftsteller vor, die Kluft zwischen Ost und West zu vergrößern. Presse, Fernsehen und Radio suchten nach dem Trennenden zwischen Ost und West, stellten es verzerrt und übertrieben dar. Dies sei eine fatale Entwicklung, denn "das Fremdheitsproblem ist zu ernst, als das man es übertreiben dürfte."

Wirklich zusammenwachsen könnten die Menschen in Deutschland nur, wenn sie sich stärker auf ihre kulturellen und historischen Gemeinsamkeiten besinnen und gleichzeitig mehr Verständnis für die unterschiedlichen Erfahrungen in den vergangenen Jahrzehnten aufbrächten. De Bruyn: "Einheit bedeutet nicht Einheitlichkeit." Pluralismus und Föderalismus sollten die Grundlage für das Zusammenwachsen der Bundesländer und die nationale Identität der Deutschen sein.

Sich auf eine nationale Identität zu berufen, sei nicht die Vorstufe zum Nationalismus, betonte der Schriftsteller. "Wir haben eine Sprache und eine Kultur, die uns verbinden. Man darf das Nationale nicht den Nationalisten überlassen." Mit dem Gedankengut von Alt- oder Neonazis habe dies nichts zu tun.

De Bruyn glaubt nicht, daß die Europäisierung das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland überflüssig mache. Auch in einem Europa ohne Grenzen werden die Nationalstaaten ihre Bedeutung haben. Die auf bürokratischem Weg entstandene europäische Union biete keinen Ersatz für eine nationale Identität. Nach wie vor werden sich die Menschen mit ihrem Herkunftsland identifizieren. "Europa rückt zwar näher zusammen, aber die kulturelle und kreative Vielfalt bleibt erhalten."

PZ-Artikel von Daniel Rücker, WesterlandTop

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