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"Wir haben Fakten, Zahlen und gute Argumente"

21.09.1998
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-Politik

Govi-Verlag

"Wir haben Fakten, Zahlen und gute Argumente"
PZ-Interview

Die Sommerpause geht zu Ende, die Bundestagswahl steht vor der Tür, und der Berufsstand muß sich erneut artikulieren - zu seinen Aufgaben, zu seinen Sorgen, zu seinen Zielen, zu seiner Zukunft. Die PZ fragte nach bei Hans-Günter Friese, Präsident der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, was sich hinter dem gemeinhin als "Herausforderungen" bezeichneten Veränderungen im einzelnen verbirgt.

PZ:Als oberster Repräsentant des deutschen Apothekerstands haben Sie eine Reihe von Begriffen neu und erneut in die Diskussion gebracht. Da ist zunächst die Pharmazeutische Betreuung. Wie werden Sie in diesem Herbst diese Philosophie weiter im Bewußtsein der Kollegen, der Bevölkerung und der Politiker implantieren?

Friese: Die Pharmazeutische Betreuung zählt zu den großen Zunkunftsaufgaben des Berufsstandes. Inzwischen laufen eine ganze Reihe von Pilotstudien und Modellprojekten unter Verantwortung der ABDA und zahlreichen Mitgliedsorganisationen. Die ersten Projekte werden gegen Jahresende abgeschlossen werden, und die Ergebnisse werden der Öffentlichkeit vorgestellt. Weiterhin wird vom 20. bis 22. November das 3. ABDA-Symposium zur Pharmazeutischen Betreuung in Berlin stattfinden. Der Schwerpunkt des Symposiums wird in der praktischen Seminararbeit liegen. Die Voranmeldungen lassen wiederum auf eine Rekordteilnahme der Kolleginnen und Kollegen hoffen.

PZ: Ist Pharmazeutische Betreuung die Investition in die Zukunft, die der Berufsstand tätigen muß?

Friese: Ohne Zweifel, ja! Sie ist eine patientenorientierte pharmazeutische Dienstleistung, bei der die Apotheker nahezu konkurrenzlos sind.

PZ: Bei verschiedenen Gelegenheiten haben Sie für eine pharmazeutische Spezialisierung plädiert. Welchen Wert hätte dann die Approbation heute noch? Berechtigt sie zur Führung einer Apotheke, oder bedarf es künftig einer Spezialisierung beziehungsweise Weiterbildung, um den Apotheker zum Führen einer Apotheke zu befähigen und zu berechtigen?

Friese: Die für alle Tätigkeitsfelder unseres Berufsstandes auch zukünftig einheitliche Approbation bildet das Rückgrat unserer Ausbildung. Ich hoffe, daß der Gesetzgeber die im letzten Jahr aufgenommene Diskussion entsprechend der Ergebnisse der Beratungskommission nun auch zügig in eine moderne Approbationsordnung umsetzen wird.

Die Anforderungen in den einzelnen Tätigkeitsfeldern des Apothekers steigen aber ständig, so daß eine Spezialisierung nach dem Universitätsstudium dringend erforderlich ist. Eine abgeschlossene Weiterbildung als Voraussetzung zum Führen einer Apotheke wird es aber aus rechtlichen Gründen nicht geben können. Es ist aber für die Zukunft nicht auszuschließen, daß bestimmte Leistungen nur nach Erwerb einer bestimmten Qualifikation angeboten werden dürfen.

PZ: Zur Zeit werden Qualitätsmanagementsysteme (QMS) kontrovers diskutiert. Wie stehen Sie zu diesen Systemen? Könnte QMS ein Instrument zur Existenzsicherung der Apotheke sein?

Friese: Qualitätsmanagementsysteme dienen nicht der Kontrolle von Apotheken durch irgendwelche Aufsichtsorgane, sondern sie sollen kundenorientiert die Leistungsfähigkeit der Apotheken verbessern. Unter diesem Aspekt haben sich diese Systeme in Produktions- und Dienstleistungsbereichen bereits in großem Umfang etabliert. Auf der Ebene der Freiwilligkeit halte ich QMS für sinnvoll, weil so organisatorische Abläufe in der Apotheke optimiert werden können, um so Zeit für den pharmazeutischen Kernbereich "freizuschaufeln", der dann mit Standards ausgefüllt werden kann.

PZ: Ist für Sie eine Honorierung der pharmazeutischen Leistungen als Folge der Spezialisierung und des neuen Aufgabenbereichs Pharmazeutische Betreuung künftig denkbar?

Friese: Eine qualitätsorientierte Pharmazeutische Betreuung wird in größerem Umfang ohne entsprechende Honorierung nicht möglich sein. Vorher muß aber zweifelsfrei nachgewiesen werden, daß die Effizienz der Pharmazeutischen Betreuung einer Honorierung auch gerecht wird; ein hoher Anspruch, den es zu erfüllen gilt.

PZ: Die Arzneimittelpreisverordnung wird von vielen Seiten torpediert. Welche Argumente sprechen dafür, weiter an ihr festzuhalten?

Friese: Die Arzneimittelpreisverordnung garantiert den gesundheitspolitisch gewollten einheitlichen Apothekenabgabepreis und ersetzt gleichzeitig Preisverhandlungen mit riesigem bürokratischem, kostenträchtigem Aufwand. Wer etwas anderes will, soll Alternativvorschläge unterbreiten, die vom Verwaltungsaufwand her einfacher und außerdem noch für den Verbraucher kostengünstiger sind. Ich sehe, auch wenn ich ins Ausland schaue, solche Alternativen nicht. Das heißt jedoch nicht, daß die Systematik der Arzneinmittelpreisverordnung in gewissen Zeitabständen den sich ändernden Marktstrukturen angepaßt werden muß.

PZ: Bonn hat eine Novellierung der Apothekenbetriebsordnung angestoßen. Frage: Braucht die Apotheke künftig noch ein Labor, oder reicht es, wenn sich einzelne Apotheken eben im Zuge der Spezialisierung auf die Prüfung von Stoffen und Herstellung verlegen?

Friese: Das Apothekenlabor sollte nicht nur traditionell als Ort der Prüfung von Arzneistoffen und Herstellung von Arzneimitteln gesehen werden. Das Labor bietet zunehmend auch die Chance für neue Dienstleistungen, wie im Bereich physiologisch-chemischer Untersuchungen sowie der Umweltanalytik. Auch die Übernahme von Spezialrezepturen in den ambulanten Bereich wäre heute kaum möglich, wenn die Laborpflicht vor zehn Jahren aufgegeben worden wäre. Ich sehe die Nutzungsmöglichkeiten für das Apothekenlabor in der Zukunft eher wachsen.

PZ: Viele Modelle und Projekte mit vernetzten Verorgungsstrukturen begreifen sich als closed shop und haben Apotheker und damit pharmazeutischen Sachverstand ausgegrenzt. Ärzte fürchten einen Eingriff in ihre Therapiehoheit, Krankenkassen rechnen sich immer noch höhere Einsparungen ohne eine Beteiligung von Apothekern aus. Was werden Sie tun?

Friese: Die Einbindung der Apotheker in vernetzte Strukturen hat der Gesetzgeber im SGB V zwar nicht vorgeschrieben, er hat die Mitarbeit der Apotheker aber auch nicht verboten. Es liegt also auch an uns selbst, vor Ort für die Versorgungsnetze interessante Angebote zu machen. Ich denke hier zum Beispiel an die in diesem Jahr von den Rechenzentren aufgebauten Möglichkeiten der Arzt- oder auch netzspezifischen Verordnungsstatistik und -analyse sowie die darauf basierende therapeutisch-ökonomische Verordnungsberatung. Auch die Pharmazeutische Betreuung könnte eingebracht werden. Voraussetzung einer Kooperation, die in ersten Modellen bereits vorbereitet oder gar schon ausprobiert wird, sind jedoch die Anerkennung der Apotheker als gleichberechtigte Partner und die adäquate Beteiligung am Erfolg.

PZ: Die Apothekerschaft hat in der vergangenen Jahren in vielen Gesprächen ihre Positionen beim Bundesgesundheitsministerium und der Bundesregierung darlegen und begründe können und ist dabei ohne Zweifel auf Verständnis gestoßen. Wie hat sich die ABDA auf einen möglichen Regierungswechsel vorbereitet?

Friese: Es ist richtig, die Politik der ABDA in Bonn ist in den letzten Jahre nicht ohne Erfolg gewesen. Dieser Erfolg beruht auf klaren an der Sache orientierten Konzepten, die nicht nur bei der Regierungskoalition, sondern auch bei der Opposition weitgehend auf Akzeptanz gestoßen sind. So werden das Fremd- und Mehrbesitzverbot, der Versand von Arzneimitteln oder die Arzneimittelpreisverordnung, also wichtige Kernbereiche der ABDA-Politik, von der Koalition und auch der Opposition unterstützt. Schaut man sich Schnittmengen der gesundheitspolitischen Ziele der großen Parteien an, sind diese doch erheblich, auch wenn die Wege zum Teil deutlich differieren. Wir sollten das Wahlergebnis abwarten und uns die dann erforderlichen konkreten Vorhaben genau ansehen. Im übrigen haben wir in der Vergangenheit mit den Gesundheitspolitikern aller demokratischen Parteien auf der Ebene von Fakten und Zahlen gesprochen und werden dies auf der Grundlage von sachlichen Argumenten auch zukünftig tun.

PZ: Anfang Oktober tritt in München der 50. Deutsche Apothekertag zusammen. Welche Impulse erwarten Sie von dem Parlament der Apotheker?

Friese: Der Apothekertag steht unter dem Motto "Apotheke - Mehrwert für die Patienten". Ich hoffe auf interessante Beiträge und Diskussionen zu diesem Thema.

PZ-Artikel von Gisela Stieve, EschbornTop

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