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Vor der Pest schützt Rattus norwegicus

21.09.1998
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Govi-Verlag

Vor der Pest schützt Rattus norwegicus

Die Pocken sind so gut wie ausgerottet; die Pest tritt nur noch selten auf, und auch die Cholera ist nur dann ein wirkliches Problem, wenn die medizinische Versorgung der Kranken mangelhaft ist. Der Leipziger Professor Dr. Christian Tauchnitz geht davon aus, daß die drei großen Seuchen der vergangenen Jahrhunderte endgültig besiegt sind. Allein die Virusgrippe habe noch das Potential zu einer Pandemie, sagte er auf dem Fortbildungskongreß der Bundesapothekerkammer in Westerland.

Die einzige Gefahr, die noch von den Menschenpocken (Variola major/minor) ausgehe, sei die vage Möglichkeit eines terroristischen Anschlages, sagte Tauchnitz. In diesem Fall würde etwa jeder vierte Infizierte an der Krankheit sterben. Eine andere Form der Infektion ist ausgeschlossen. Weltweit gibt es heute nur noch zwei Laborstämme in Novosibirsk und Atlanta, die im Sommer 1999 vernichtet werden sollen.

Realistischer ist dagegen eine Tierpocken-Erkrankung. In Afrika komme es immer wieder zu Infektionen mit Affenpocken. In Deutschland treten einzelne Katzenpockeninfektionen auf, zum Teil mit tödlichem Ausgang. Die Tiererreger können auch von einem Menschen auf einen anderen weitergegeben werden. Im Vergleich zu den Menschenpocken sei die Letalität allerdings gering, so Tauchnitz.

Eine Ausrottung des Pest-Erregers Yersinia pestis sei nicht vorstellbar. Er habe ein Rückzugsreservoir in den Nagetieren der Wüste Gobi und im mittleren Westen der USA. Angst vor einer Infektion sei nur bei einem Aufenthalt in einem der Endemiegebiete begründet. Erkrankungen treten in diesen Ländern sporadisch auf.

Die Gefahr einer Epidemie bestehe allerdings nicht. Zu verdanken haben die Mitteleuropäer dies auch einem ansonsten wenig beliebten Tier, der Rattenart Rattus norwegicus. Sie hat sich in den vergangenen Jahrhunderten stark ausgebreitet und dabei den Hauptwirt des Pesterregers, die Hausratte (Rattus rattus) verdrängt. Da gleichzeitig der Menschenfloh (Pulex irritans) ebenfalls fast ausgerottet wurde, fehlt heute dem Erreger die Voraussetzung, sich in Europa auszubreiten.

Zumindest in Europa hat auch die Cholera ihren Schrecken verloren. 1995 infizierten sich hier lediglich 937 Menschen mit Vibrio cholerae. In Deutschland gab es in diesem Jahr bislang fünf Erkrankungen, keine verlief tödlich. Auch in den anderen Industrienationen ist die Krankheit selten. So erkrankten 1995 lediglich 26 Nordamerikaner und sieben Ozeanier. In allen Fällen war die Cholera eingeschleppt worden.

Anlaß zur Sorge besteht überall dort, wo die Trinkwasserqualität mangelhaft ist. In Lateinamerika gab es 1995 85.000 Fälle, in Afrika 71.000 und in Asien 51.000. Auch die Letalität ist dort höher. So starben in Somalia von 6724 Cholera-Kranken 780. Grund für die höhere Todesrate ist die schlechte Versorgung der Kranken.

Bei richtiger Therapie können Kranke immer gerettet werden, sagt Tauchnitz. Wichtig sei allein der orale oder parenterale Flüssigkeit- und Elektrolytersatz. Antibiotika sind dagegen unnötig, weil die Erkrankung ausschließlich auf die Toxinwirkung des Erregers zurückzuführen sei. Eine Sepsis oder Enteritis sei unmöglich.

Bei der Diphtherie handelt es sich ebenfalls um eine Toxinerkrankung. Mit der Einführung des Heilserums 1894 wurde der Erreger Corynebacterium diphtheriae beherrschbar. Seit der generellen Schutzimpfung mit Diphterie-Toxoid gebe es in Deutschland praktisch keine Erkrankungen mehr.

Neue Aktualität hat Diphtherie durch zahlreiche Erkrankungen in Osteuropa erhalten. Obwohl die Krankheit bislang nur selten nach Deutschland eingeschleppt wurde, rät Tauchnitz zu einer Auffrischung der Impfung alle zehn Jahre. Wenn die Krankheit ausgebrochen ist, wird mit einem humanen Antidiphtherieserum behandelt. Antibiotika wie Makrolide oder Penicillin haben nur eine unterstützende Wirkung.

Großen Respekt hat Tauchnitz vor dem Influenza-Virus. Die große Grippeepidemie 1918/19, bei der mit 20 Millionen Toten mehr Menschen umkamen als im ersten Weltkrieg, habe gezeigt welches Potential das Virus habe. Besonders gefährlich seien die Viren aufgrund ihres Antigendrifts und Antigenshifts. Dadurch entstünden immer wieder Stämme, gegen die auch geimpfte Menschen schutzlos sind.

Zur Zeit aktive Stämme in Europa seien dem Subtyp H3N2 zuzuordnen. In England komme auch der Typ H1N1 vor. Als großes Glück bezeichnete es Tauchnitz, daß sich die Hongkonger Vogelgrippe vom Typ H5N1 nicht weiter ausgebreitet habe. Ende 1997 erkrankten dort 18 Menschen, von denen 6 starben. Die therapeutischen Möglichkeiten nach dem Ausbruch einer Grippe sind begrenzt, da nach wie vor effektive Virustatika fehlen. Als völligen Unsinn bezeichnete der Leipziger Wissenschaftler den Einsatz von Antibiotika bei Grippe. Lediglich bakterielle Superinfektionen könnten so behandelt werden. Das Grippevirus reagiere auf Antibiotika selbstverständlich nicht.

PZ-Artikel von Daniel Rücker, WesterlandTop

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