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Pilotprojekt zur Zweitverordnung in England

07.09.1998
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Govi-Verlag

Pilotprojekt zur Zweitverordnung in England

Ein Anstieg chronischer Erkrankungen in der britischen Bevölkerung hat dazu geführt, daß immer mehr Patienten auf Wiederholungsrezepte zurückgreifen, um ihren täglichen Bedarf an Medikamenten zu decken. In einem landesweiten Pilotprojekt untersucht derzeit die National Pharmaceutical Association (NPA), ob und wie Apotheker dazu beitragen können, Wiederholungsrezepte kosteneffizienter zu beliefern. Vor allem soll geklärt werden, ob die Intervention des Apothekers die Doppelverordnung von Medikamenten und die Verschwendung von Arzneimitteln verhindern kann.

"Uns geht es darum, festzustellen, ob es durch rechtzeitige Intervention des Apothekers möglich ist, Doppelverordnungen sowie nicht vom Patienten benötigte Medikamente zu identifizieren. Sollte das gelingen, würde das deutliche Einsparungen bei den Verschreibungskosten bringen", sagte NPA-Sprecherin Georgina Craig. "Wir sind davon überzeugt, daß Interventionen des Apothekers volkswirtschaftlich sinnvoll sind." Die NPA legt Wert auf die Feststellung, daß "die Intervention keine pharmakologische Kontrollfunktion über die Verordnung" darstellt. Britische Ärzteverbände wachen dennoch mit Argusaugen über das auch im europäischen Ausland auf Interesse stoßende Pilotprojekt.

Apotheken aus den Regionen Sunderland, West Surrey, Shropshire und South Staffordshire nehmen an der Untersuchung teil. Das britische Gesundheitsministerium sowie die Universitäten York und Aberdeen (Schottland) arbeiten als Koordinatoren mit. In jeder der vier Regionen haben Primärärzte des staatlichen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) nach dem Zufallsprinzip Patienten für die Untersuchung ausgewählt. Der Patient muß einer Teilnahme schriftlich zustimmen. Als Probanden kommen nur Patienten mit stabilen chronischen Erkrankungen in Frage.

Die Rezepte des Patienten werden vom verordnenden Hausarzt mit einem roten Stempel gekennzeichnet, damit der Apotheker ihn als Versuchsteilnehmer erkennen kann. Alle Apotheker der genannten Regionen wurden auf ihre Rolle vorbereitet. Reicht der Patient ein rot gestempeltes Rezept ein, muß der Apotheker telefonisch auf einem automatischen Band seine Offizinadresse und Registrationsnummer hinterlassen. Die einmalige Meldung genügt, auch wenn mehr Studienpatienten in die Apotheke kommen.

Keine Verschwendung

Der Apotheker kann auf zweierlei Weise verhindern, daß Arzneimittel verschwendet werden. Erstens: Bei einer Verordnung über beispielsweise drei Monate entscheidet er, welche Menge des Arzneimittels er dem Patienten auf einmal mitgibt. Je geringer die Menge, desto früher muß der Patient wieder in die Apotheke bestellt werden. Zweitens: Stellt der Apotheker fest, daß der Patient noch eine ausreichende Menge des verordneten Arzneimittels zu Hause hat, gibt er die verordnete Medikation nicht ab. Folgende Materialien wurden für die einjährige Untersuchung verteilt:
  • dreiteilige, computerlesbare Rezeptformulare. Auf dem zweiten und dritten Formular ist zusätzlich eine handschriftliche Verordnung möglich (Ärzte sehen das nicht gerne, da ihrer Meinung nach Patienten anstatt zum Mediziner zum Apotheker gehen können, sollten sie während der Studie zusätzliche Pharmaka benötigen.)
  • Patientenmedikationskarten, weil für einen bestmöglichen Service dem beratenden Apotheker die Medikationsgeschichte bekannt sein muß.
  • Gemeinsame Arbeitsgruppen Apotheker und Ärzte sollen die Kommunikation verbessern. Erfahrungen haben laut NPA gezeigt, daß interdisziplinäre Projekte besser funktionieren, wenn Apotheker und Ärzte eng miteinander in Kontakt stehen.
  • Ein Empfehlungsbogen für den Patienten soll Überweisungen vom Arzt zum Apotheker oder umgekehrt dokumentieren. Kopien werden beim Aussteller der Empfehlungen aufbewahrt.
  • Fortbildungsveranstaltungen. An der Studie teilnehmende Kollegen wurden unmittelbar vor Studienbeginn klinisch nachgeschult.
  • Ein umfangreiches Paket mit Informationen für die beteiligten Apotheken wird ständig zum Versand bereitgehalten. Zusätzlich erhält jede Apotheke eine Zusammenstellung der wichtigsten Interventionsschritte zum internen Gebrauch.
  • Eine Presseinformation soll vor allem Apotheker außerhalb der vier beteiligten Regionen informieren. Nützlicher Nebeneffekt: Sollte eine nicht an der Untersuchung teilnehmende Apotheke auf ein rot gestempeltes Rezept stoßen, weiß der Apotheker, wie er damit umzugehen hat.

Die NPA geht davon aus, daß sich mit Hilfe der Apotheker jährlich "Millionenbeträge bei den NHS-Arzneimittelkosten sparen ließen. 1997 wurden in Großbritannien nach offiziellen Angaben insgesamt 577 Millionen Rezepte ausgestellt und eingelöst. Es gibt keine offiziellen Statistiken, wieviele der 577 Millionen Rezepte Wiederholungsverschreibungen waren. In Großbritannien entfallen rund zwölf Prozent der jährlichen Gesundheitsausgaben auf rezeptpflichtige Medikamente. 1997 gab der NHS dafür 5,47 Milliarden Pfund (16,4 Milliarden DM) aus. Mit einer Vorlage der Studienergebnisse wird Ende 1998 gerechnet.

PZ-Artikel von Arndt Striegler, London

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