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Dement oder pseudodement?

07.09.1998
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-Medizin

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Dement oder pseudodement?

Im späten Stadium einer Demenz ist die Diagnose klar, zu Beginn aber fällt die Abgrenzung von anderen Erkrankungen schwer. Kognitive Störungen mischen sich mit Verhaltensänderungen, und nicht jeder, der ständig etwas vergißt, ist dement. Details zur Differentialdiagnose wurden auf einer Pressekonferenz in Berlin erklärt.

Das wichtigste ist die Unterscheidung zwischen Demenz und Pseudodemenz. Letztere gibt es in verschiedenen Ausprägungen, erklärte Dr. Lothar Blaha, Bezirkskrankenhaus Deggendorf-Mainkofen. Pseudodement werden Menschen, wenn sie zu wenig angeregt oder gefordert werden. Der klassische Fall tritt nach der Pensionierung auf. Schwere Konflikte können Demenz-ähnliche Blockaden hervorrufen und der Mißbrauch von Tranquilizern wirkt sich ebenfalls auf die kognitiven Leistungen aus.

Besonders depressive Pseudodemenz und Demenz werden leicht verwechselt. Ältere Menschen mit depressiven Verstimmungen leiden oft unter Konzentrationsschwäche, Gedächtnisstörungen oder Antriebslosigkeit. Umgekehrt werden Demente häufig depressiv. Würde ein echter Demenzpatient aber mit Antidepressiva behandelt, könnten sich die Hirnleistungsstörungen noch verstärken, warnte Blaha. Antworten Patienten ständig "ich weiß es nicht", betonen sie ihre Defizite; werten sie ihre Fähigkeiten ab und bemühen sie sich nicht, leistungsfähig zu bleiben, sind sie eher depressiv. Herrscht eine echte Demenz vor, erkennen die Angehörigen oft das Ausmaß der Erkrankung nicht. Der Krankheitsbeginn kann nur vage datiert werden, die Patienten versuchen ihre Vergeßlichkeit zu verbergen oder durch Notizen auszugleichen und klagen seltener. Ihre Tagesstimmung ist wechselhaft.

Wann ist überhaupt an eine Demenz zu denken? Bernd Zimmer, niedergelassener Allgemeinmediziner aus Wuppertal, zählte auf: wenn ältere Menschen häufig dieselben Fragen stellen, wenn sie nach Worten suchen, Fragen nicht beantworten können, Begriffe im falschen Kontext verwenden, wenn sie sich im Tag irren, unkontrolliert größere Geldmengen im Laden ausbreiten oder sich nicht mehr unter die Leute trauen. Oft ändere sich auch die Persönlichkeit. Manche Patienten werden unerwartet aggressiv oder viel vertraulicher, als sie es jemals vorher waren.

Der Schweregrad einer Demenz kann nicht aus der Selbsteinschätzung des Patienten abgeleitet werden, warnte Blaha. Je weiter fortgeschritten die Erkrankung, desto besser sei die subjektive Befindlichkeit des Patienten. Objektiver läßt sich die tatsächliche Leistungsfähigkeit des Patienten aus verschiedenen Testverfahren ableiten. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß Akademiker manche Tests (zum Beispiel von 100 schrittweise immer 7 abziehen) auch dann noch lösen können, wenn die Erkrankung schon fortgeschritten ist. Weniger gebildete Patienten hingegen werden als dement eingestuft, obwohl sie einfach nicht rechnen können.

Über einen Wortschatztest, der stufenweise immer seltenere Vokabeln abfragt, könne der Bildungsgrad des Patienten eingeschätzt werden, meinte Dr. Siegfried Lehrl, Universität Erlangen-Nürnberg. (In einer Reihe von Phantasiewörtern wie Presedant, Prelevend, Primidant, Präsilend ist ein existierendes Wort - Prätendent - zu kennzeichnen.)

Liegt eine Demenz vor, sollte auch ihre Ursache geklärt werden. Zehn Prozent der Fälle sind möglicherweise heilbar, weil Hämatome, Hypothyreosen, Hypoglycämien, Infektionskrankheiten oder Gehirntumore vorliegen. Zehn Prozent der Demenzen haben vaskuläre Ursachen (Multiinfarkt-Demenz, MID), ungefähr die Hälfte ist degenerativer Natur, hierzu gehört auch Morbus Alzheimer. Der Rest sind Mischformen.

Reine Vasoaktiva wie Pentoxyphyllin seien bei Multiinfarkt Demenz günstig, so Professor Helmut Woelk vom Psychiatrischen Krankenhaus Gießen. Encephalotrope Stoffe wie Piracetam, also Arzneimittel, die vermutlich auf den Gehirnstoffwechsel wirken, seien bei Alzheimer indiziert. Nicergolin, eine Substanz mit Wirkung auf Thrombozyten-Aggregation und neuronalen Stoffwechsel, sei bei vaskulärer und degenerativer Demenz einsetzbar.

Die Präparate beginnen frühestens nach drei bis vier Monaten zu wirken. Spricht der Patient dann immer noch nicht auf die Therapie an, sollte das Präparat gewechselt werden. Schneller wirkt ein mentales Aktivationstraining (MAT), wie es von der Gesellschaft für Gehirntraining konzipiert wurde, sagte Lothar Blaha. Nach fünf Tagen bessere sich der Zustand, nach vier Wochen sei allerdings die maximale Wirkung erreicht, ergänzte Lehrl. Das Gehirntraining sollte jede medikamentöse Therapie unterstützen.

Sollte ein Patient über seine Erkrankung aufgeklärt werden? Bernd Zimmer beantwortete diese Frage mit einem klaren Ja. Nach seiner Erfahrung möchten Patienten informiert werden, solange sie noch im Stande sind, ihre Angelegenheiten zu regeln und Wünsche auszusprechen.

PZ-Artikel von Stephanie Czajka, Berlin

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