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Mehr Verantwortung für die Zukunft übernehmen

08.09.1997
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-Politik

Govi-Verlag

Mehr Verantwortung für die Zukunft übernehmen

Fast 3000 Apotheker und Apothekerinnen aus mehr als 80 Ländern kamen zum 57. Weltkongreß der Pharmazie und der Pharmazeutischen Wissenschaften der Fédération Internationale Pharmaceutique (FIP) vom 31. August bis 5. September nach Vancouver, um entsprechend dem Motto der Tagung "Verantwortung für die Zukunft übernehmen", die Weiterentwicklung des Berufstandes zu diskutieren. Die Analyse zeigte, daß weltweit die Rolle des Apothekers in der Gesellschaft neu definiert werden muß.

Dr. Dieter Steinbach, Präsident der FIP, betonte in seiner Eröffnungsansprache am Montag morgen, wie auch in der Councilsitzung am Sonntag, die pharmazeutische Welt sei schwieriger geworden. Deshalb sei es sein Bestreben gewesen, während seiner Präsidentschaft der FIP ein größeres politisches Mandat zu verschaffen, um die in den FIP-Arbeitsgruppen entwickelten Thesen auf den nationalen Ebenen besser durchsetzen zu können. Dabei habe seine Organisation die Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gesucht, um mehr Autorität zu erlangen.

Ein Ergebnis dieser Arbeit sei das gemeinsame FIP/WHO-Dokument über Good Pharmacy Practice (GPP), das in Tokio 1993 von den FIP-Gremien verabschiedet wurde und nun in der Endfassung auch den Segen des WHO-Expertengremiums bekommen habe. Die Richtlinie verpflichte alle pharmazeutischen Organisationen, mit den nationalen Regierungen zusammenzuarbeiten, um geeignete nationale Standards für die pharmazeutische Praxis zu definieren und zu etablieren. Teil der GPP sei die Pharmazeutische Betreuung, international als Pharmaceutical Care bezeichnet. Dafür habe die FIP weltweit eine Pionierfunktion übernommen mit dem Ziel, dem Apotheker eine verantwortliche Rolle in der Arzneimitteltherapie sowohl in der Selbstmedikation als auch bei verschriebenen Arzneimitteln zu verschaffen. Idee der Pharmazeutischen Betreuung sei aber, die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Nur so könne die Existenz der Institution Apotheke gesichert werden. Dazu gehöre allerdings auch, daß der Apotheker eine bedeutendere Rolle bei der Auswahl des Arzneimittels spielen müsse.

Ein entsprechendes Statement, das die Autorität des Pharmazeuten insbesondere bei der generischen Substitition definieren soll, stieß allerdings nach intensiver Diskussion in der Councilsitzung und in einem für alle FIP-Mitglieder offenen Symposium auf den entschiedenen Widerstand der Industriepharmazeuten. Sie stellten prinzipiell den verantwortlichen, kompetenten Austausch eines Arzneimittels durch den Apotheker in Frage. Trotzdem wurde das Statement mit einigen Änderungen vom Council gegen die Stimmen der Industrie und bei Enthaltungen von drei Mitgliedsorganisationen mit großer Mehrheit angenommen.

Zwei weitere Statements hingegen, eines über die gute Praxis bei der Weitergabe von Arzneimittelspenden, ebenfalls mit der WHO abgestimmt, und eines über die ethischen Grundregeln für Pharmazeuten - fanden über Interessengrenzen hinweg die ungeteilte Zustimmung des FIP-Beirates.

Mit dem Motto der Tagung "Mehr Verantwortung für die Zukunft übernehmen" forderte Steinbach in seiner Eröffnungsansprache alle Kolleginnen und Kollegen weltweit auf, durch neue Konzepte Barrieren einzureisen und dem Berufsstand einen neuen Horizont zu geben. Die Pharmazeuten müßten sich, wie auch andere Heilberufe, dem Wandel der Gesellschaft anpassen und sich den Problemen der Zeit stellen.

Steinbach begrüßte die von der WHO und der FIP gestartete Initiative in Sachen HIV/Aids. In einer gemeinsamen Erklärung, die am 2. September von Dr. Fernando Antezana, Direktor der WHO, und dem FIP-Präsidenten unterschrieben wurde, wird die Rolle des Pharmazeuten im Kampf gegen HIV und Aids definiert, wobei die Aufklärung durch den Pharmazeuten als Hauptengagement beschrieben wird.

Als weiteres Beispiel für die Ausweitung von Kooperationen nannte Steinbach die von der FIP und dem Weltverband der Mediziner eingesetzte Arbeitsgruppe, die in einem gemeinsamen Statement unter dem Titel "Medicines with respect" einen verantwortlichen Umgang mit Arzneimitteln fordert und alle Techniken ablehnt, die geeignet sind, den unkritischen Gebrauch von Arzneimitteln zu fördern. Das gemeinsame Statement sei ein Meilenstein in der Geschichte der FIP, so Steinbach. Die Zusammenarbeit soll weiter ausgebaut werden, "um das Edikt von Palermo zu modernisieren". Die Pflichten der Pharmazeuten und die der Ärzte müßten wechselseitig neu definiert werden. Die Anwesenheit des Beiratsvorsitzenden des Weltärzteverbandes, Dr. Andres Milton, in Vancouver belegte, daß auch die Ärzte diese Kooperation suchen.

Schließlich räumte Steinbach ein, daß in vielen Teilen der Welt die Pharmazeuten von ihren Idealen noch weit entfernt sind. "Aber Ideale sind wie Sterne: Wir können sie vielleicht jetzt noch nicht erreichen, aber wir müssen es immer wieder versuchen!"

PZ-Artikel von Hartmut Morck, Vancouver
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