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Kontroverse um die AMPreisV

08.09.1997  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

Kontroverse um die AMPreisV

Eine Breitseite auf die Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV) ist von verschiedenen Seiten in Düsseldorf auf einer Euroforum-Veranstaltung zum gleichlautenden Thema abgefeuert worden. Ökonomen und Industrielle waren sich darin einig: Die 20 Jahre alte AMPreisV ist dringend reformbedürftig. Das Bundeswirtschaftsministerium, Ärzte und Apothekerschaft bekennen sich zum bestehenden Preisbildungssystem als wesentlichem Merkmal des freien Heilberufs ohne marktwirtschaftliche Konkurrenzmomente.

Professor Dr. Eberhard Wille vom Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim konnte nicht verstehen, warum viele Apotheker am bestehenden System festhalten wollen, obwohl die wirtschaftlichen Perspektiven nicht rosig seien. Ein "leichter Konzentrationsprozeß" wäre gut für die Apotheken, die übrig blieben. Dabei verwies er auf die Tatsache, daß gemäß der statistischen Angaben der ABDA die "typische Apotheke" mit ihrem Umsatz noch hinter der deutschen Durchschnittsapotheke liege. Es gebe keine Gründe für eine Preisbindung der zweiten Hand, wie sie nur noch im Buchhandel und bei den Apotheken existiere. Die Preisbindung werde im OTC-Bereich demnächst zumindest begründungsbedürftig sein. Bei hochwirksamen Arzneimitteln dagegen könne den Patienten ein Preisvergleich nicht zugemutet werden, befand Wille.

Die AMPreisV muß modifiziert, nicht revolutioniert werden, erklärte auch Erich Dambacher, Leiter Marketingservice und Dienstleistungen bei Hoechst Marion Roussel. Die Industrie sei allerdings schon über die Phase des Nachdenkens hinaus. Rationalisierungspotentiale in den Vertriebswegen müßten ausgeschöpft, Handelsstufenaufschläge für hochpreisige Arzneimittel gesenkt und von der Industrie gewährte Rabatte für die Apotheker dann an die Kostenträger weitergegeben werden. Dambacher bezeichnete die AMPreisV als "aktive Mittelstandspolitik" der Bundesregierung. Die baldige Änderung der Verordnung bei teuren Präparaten ohne Kompensation sei die strategische Antwort zur Vermeidung von Versandapotheken und die Absicherung der klassischen Vertriebswege. Je später die Änderung komme, desto schmerzhafter werde sie, so Dambacher.

Der Bundeswirtschaftsminister stehe zu der Verordnung, versicherte Ministerialrat Dr. Peter Klocker. Allenfalls sei eine Modifikation denkbar, indem zum Beispiel die OTC-Arzneimittel aus dem System herausgenommen würden.

Freie Marktwirtschaft mit freier Preisgestaltung forderte die Limburger Apothekerin Dr. Angelika Bleistein. Sie verstehe nicht, warum die Diskussion einer Liberalisierung der AMPreisV Existenzängste bei den Apothekern schüre. Das antiquierte Standesrecht lege dem Berufsstand nur Fesseln an.

Dem widersprach Professor Dr. Rainer Braun, Geschäftsführer Pharmazie der ABDA, mit aller Entschiedenheit. Bleistein argumentiere mit dem Wohl des Patienten, meine aber ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Apotheken. Hier stehe die Kaufmannstätigkeit im Vordergrund, nicht die Motivation und Einstellung eines freien Heilberufs. Dem Pharmazeuten als Heilberufler blieben alle Möglichkeiten zur Dienstleistung, ohne gegen die AMPreisV zu verstoßen. Nur dem Kaufmann müßten alle Wettbewerbsinstrumente zur Verfügung stehen, um sich auf dem Markt durchzusetzen. Freie Marktwirtschaft sei im Interesse der Patienten und der Arzneimittelsicherheit abzulehnen.

Bei den Spitzenverbänden der Krankenkassen sind „die Spannen auf absehbare Zeit kein Thema", versicherte der Vorstandsvorsitzende des BKK-Bundesverbandes, Wolfgang Schmeinck. Die Kassen interessierten sich nur für die Apothekenendpreise. Einer Kompensation im niedrigpreisigen Bereich würden die Kassen in keinem Falle zustimmen, stellte Schmeinck klar. Es sei auch wenig erfolgversprechend, die Diskussion um die Kappung in eine Diskussion um Rabatte umdeuten zu wollen. Am Kassenrabatt "würden wir uns höchst ungern herumfingern lassen".

PZ-Artikel von Gisela Stieve, Düsseldorf
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