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Kontaktlinsen: optische Hilfenauf den Punkt gebracht

31.08.1998
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Govi-Verlag

Kontaktlinsen: optische Hilfen
auf den Punkt gebracht

Die Kontaktlinsen sind nicht nur zwei Stückchen Kunststoff, die das Sehen verbessern. Sie sind Teil eines Netzwerkes physikalischer, chemischer, physiologischer und mikrobiologischer Wechselwirkungen. Kontaktlinsen wirken auf die Augen ein; die Augen wirken aber auch auf die Linsen ein. Aus physiologischer Sicht stellen sie einen Streßfaktor für die Hornhaut dar, und mikrobiologisch betrachtet, sind die Sehhilfen Risikofaktor Nummer 1.

Das Risiko einer Infektion an Lidern, Horn- und Bindehaut liegt beim Kontaktlinsenträger etwa viermal höher als beim Brillenträger; etwa 300mal häufiger wird ein Hornhautgeschwür mit irreversiblen Schäden am Auge diagnostiziert. In erster Linie sind es Fehler bei der täglichen Reinigung und Desinfektion der Linsen sowie ein Überschreiten der begrenzten Tragezeit, die solche Komplikationen auslösen. Eine penible Kontaktlinsenhygiene ist deshalb das A und O.

Harte und weiche Kontaktlinsen beeinflussen die Physiologie und Immunologie der vorderen Augenabschnitte. Die chronische mechanische Irritation und der durch die Linse hervorgerufene Sauerstoffmangel der Hornhaut führen zu feinsten Epitheldefekten. Die Zellteilungsrate der epithelialen Basalzellen ist vermindert. Dies verzögert die Wundheilung und lockert den normalerweise sehr starken Zellkontakt zwischen den Epithelzellen; kurzum: ein idealer Ausgangspunkt für eine Infektion.

Sammelsurium für Ablagerungen

Das im Vergleich zu formstabilen Kontaktlinsen erhöhte Infektionsrisiko weicher Linsen hängt zusammen mit der erhöhten Neigung, Ablagerungen auf der Linsenoberfläche auszubilden. Die Wechselwirkung zwischen dem Tränenfilm und einer weichen Linse beginnt bereits Sekunden nach dem Einsetzen. Der Tränenfilm enthält mehrere Dutzend Proteine. Die Proteinrückstände dienen Bakterien als Nährboden.

Eine bakterielle Infektion, die Augenärzte in letzter Zeit immer häufiger zu sehen bekommen, ist die gigantopapilläre Konjunktivitis. Der Auslösemechanismus ist immunologisch zu erklären. Ursache des Übels ist fatalerweise die Denaturierung der Tränenproteine durch die Hygienemittel. Diese Veränderung macht die Eiweißablagerungen immunologisch aktiv, sie entwickeln Antigencharakter und lösen den Circulus vitiosus einer Antigen-Antikörperreaktion im vorderen Augenabschnitt aus. Die Antikörper überschichten die Proteinablagerungen auf der Linsenoberfläche, Bakterien können sich anheften. Die Papillen auf der Konjunktiva schwellen massiv an. Ähnlicher Fall: Die durch die Enzymreinigung denaturierten Proteinablagerungen begünstigen auch die Adsorption von organischen Verbindungen wie das Konservierungsmittel Chlorhexidin. Diese Protein-Hapten-Komplexe wirken wiederum als Antigene, die Immunreaktionen induzieren. Trotzdem ist die Enzymreinigung unerläßlich bei der Kontaktlinsenpflege.

Lipide lagern sich an alle Kontaktlinsenmaterialien an, besonders ausgeprägt allerdings an formstabile aus Silikon oder Fluorsilikon. Hydrophobe Wechselwirkungen sind dafür verantwortlich. Bei Hydrogellinsen dürften Proteinablagerungen, die die Oberfläche hydrophob machen, eine Rolle spielen. Zwar enthält der Tränenfilm auch Lipide, aber die meisten Lipidablagerungen sind exogener Natur. Meistens gelangen sie ans Auge durch Wimperntusche, Kajalstoffe und Pflegecremes.

Sind Proteinablagerungen erst einmal auf der Linse, wächst die Wahrscheinlichkeit, daß sich pathogene und opportunistische Bakterien und Pilze aufpfropfen. Die bakterielle Kontamination erfolgt meistens im Kontaktlinsenbehälter. Die Innenseite der Aufbewahrungsboxen hat sich als optimales Milieu für Mikroorganismen entpuppt. Viele Bakterien bilden hier ungestört einen sogenannten Biofilm, der sie selbst vor Desinfektionsmitteln und Antibiotika schützt. Der Biofilm ist eine raffinierte Überlebensstrategie der Bakterien, mit der sie sich ein kleines Ökosystem schaffen.

Der Teufelskreis nimmt seinen Lauf, wenn Keime an Proteinablagerungen und schleimigen Zellsekreten hängenbleiben. Elektrostatische Wechselwirkungen, Van-der-Waals-Kräfte, Ladungsunterschiede und von den Mikroorganismen gebildete Polysaccharide schaffen die Verbindung. Calciumionen stabilisieren diesen Komplex. Die beteiligten Zellen verändern sich morphologisch. In der schleimigen Hülle kommt es zu Zellteilungen, weitere Mikroorganismen werden angezogen. Letztendlich ist eine nährstoffhaltige anionische Matrix aus mikrobiellen und exogenen Makromolekülen entstanden, die Mikroorganismen als Einzelzellen und Mikrokolonien enthält. Pseudomonas aeruginosa, Staphylokokken, Streptokokken und Candida albicans sind keine Seltenheit.

Arzneimittel und Krankheiten trüben den Durchblick

Eine Arzneimitteleinnahme, egal ob lokal oder systemisch, beeinflußt den Tragekomfort von Kontaktlinsen. Bei der Abgabe entsprechender Medikamente sollte der Apotheker also darauf aufmerksam machen, daß eventuell Unverträglichkeiten auftreten können. Nur darauf hinzuweisen, die Linsen aus den Augen zu nehmen, wenn Ophthalmika eingeträufelt werden, reicht nicht.

Die Tränenproduktion wird neuronal und hormonell gesteuert. Potentielle Übeltäter, die den Tränenfilm qualitativ und quantitativ verändern, sind deshalb vor allem Hormone und Medikamente, die auf Sympathikus und Parasympathikus einwirken. Arzneistoffe, die die Tränensekretion aufgrund ihrer anticholinergen Wirkung hemmen, sind: Antihistaminika (Chlorphenamin, Terfenadin), Parasympatholytika (Atropin, Scopolamin und Derivate), trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin, Clomipramin, Desipramin), Neuroleptika (Phenothiazine), außerdem Acetylsalicylsäure, Diazepam, Phenobarbital und Isotretinoin. Arzneistoffe, die die Tränenproduktion steigern, sind: Muskarinagonisten (Pilocarpin, Neostigmin, Carbachol), Sympathomimetika (Adrenalin, Ephedrin), Antihypertonika (Reserpin, Hydralazin, Diazoxid), Antibiotika (Nitrofurantoin, Sulfathiazol).

Medikamente verändern auch die Qualität der Tränenflüssigkeit. Für das Beratungsgespräch relevant: Gut untersucht ist die Sekretion von Antibiotika und Adrenalin in den Tränenfilm. ASS und Vitamin A werden gleichfalls von der Tränendrüse sezerniert. ASS kann, wenn es im Tränenfilm enthalten ist, von Hydrogellinsen absorbiert werden. Hornhautirritationen können die Folge sein. Bei der Abgabe von ASS-haltigen Medikamenten sollte deshalb der Apotheker darauf aufmerksam machen, daß es zur Unverträglichkeit der Linsen kommen kann. Eventuell ist auf ein Paracetamol-haltiges Präparat auszuweichen.

Mit Corticoiden sind Nebenwirkungen am Auge verbunden, gleichgültig ob sie topisch am Auge oder systemisch verabreicht werden. Sie verengen die Arteriolen. Die vasokonstriktorische Wirkung von Noradrenalin wird potenziert: Die Tränendrüse gibt weniger Sekret ab. Corticosteroide hemmen die Aktivität der Adenylatcyclase, die für die Bildung von cAMP (zyklisches Adenosinmonophosphat) sorgt. cAMP, der second messenger innerhalb der Azinuszellen, setzt nach Aktivierung der Azinuszellen durch sympathische Agonisten die Tränensekretion in Gang. Ein Mangel an cAMP bedeutet eine verminderte Sekretionsrate.

Vielen schwangeren Frauen oder Frauen, die oral verhüten, machen trockene Augen zu schaffen, obwohl sie bisher die Linsen beschwerdefrei toleriert haben. Estrogene halten im Organismus Wasser zurück. In der Hornhaut kann beispielsweise soviel Wasser eingelagert werden, daß sich Dicke und Radien ändern. Folge: eine veränderte Brechkraft und Unverträglichkeitsreaktionen. In höheren Dosen wird vermindert Wasser in den Tränendrüsen sezerniert. Außerdem hemmen die Estrogene Talgdrüsen. Wegen der großen Ähnlichkeit von Meibomschen Drüsen der Lidspalte und Talgdrüsen kann man davon ausgehen, daß auch die Produktion des Meibomschen lipidartigen Sekrets durch Estrogene eingeschränkt wird. In der Schwangerschaft und Stillphase können Pflegemittel oder künstliche Tränen bedenkenlos weiter angewandt werden.

Für den Offizinalltag interessant ist die Tatsache, daß Erkältungskrankheiten häufig von leichten Bindehautentzündungen begleitet werden. Linsen können eine Konjunktivitis noch verstärken, deshalb sollte der Patient während eines grippalen Infekts besser auf die Linsen verzichten. Durch den Anstieg der vorderen Augentemperatur trocknet das hochhydrophile Linsenmaterial rascher aus, die Linse wird starr und saugt sich fest. Dieses Phänomen wird als Tight-Lens-Syndrom bezeichnet und ist der Beginn schwerer Reizerscheinungen.

Selbst bei banalen Symptomen wie Schnupfen oder einem Kratzen im Hals besteht ein erhöhtes Risiko, sich eine Infektion an Lidern, Horn- oder Bindehaut zuzuziehen. Gerade beim Einsetzen und Herausnehmen der Linsen gelangen Krankheitskeime von den Händen ans Auge. Der Erreger von Hals-, Mandel-, Mittelohr- oder Nasennebenhöhlenentzündungen, Streptokokkus pyogenes, kann leicht auf die Augen übergreifen. Außerdem im Beratungsgespräch zu bedenken: Arzneistoffe mit anticholinerger Nebenwirkung (Hemmung der Tränenproduktion) sind in vielen Schnupfen-, Erkältungs- und Schmerzmitteln enthalten.

PZ Titelbeitrag von Elke Wolf, Oberursel
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