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Conotoxine machen Schmerz zur Schnecke

31.08.1998
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-Pharmazie

Govi-Verlag

Conotoxine machen Schmerz zur Schnecke

Kegelschnecken sind Räuber. Die meisten Arten der Gattung Conus lauern in den Korallenriffen des Indopazifiks und attackieren ihre Opfer, kleine Fische, mit giftigen Harpunen. Die Beute wird von Krämpfen geschüttelt und sinkt dann gelähmt zu Boden. Die Nervengifte dieser heimtückischen Unterwasserjäger, kleine Eiweißmoleküle aus 20 bis 30 Aminosäuren, beschäftigen seit einigen Jahren auch die pharmazeutische Industrie.

Es war ein Außenseiter, die Neurex Corporation, der sich von den neuen Conotoxinen wirtschaftlichen Erfolg versprach. Das kalifornische Biotechnologieunternehmen hoffte auf neue Schmerzmittel. Auch Medikamente, die die Nervenzellen bei Schlaganfällen oder Schädel-Hirn-Traumen vor dem Untergang schützen, schienen möglich.

Die Forschung an den Schneckengiften beginnt sich nun auszuzahlen: Auch wenn noch immer Verluste im zweistelligen Millionenbereich anfallen, Neurex ist mittlerweile arriviert und hat einen Börsenwert von etwa 700 Millionen US-Dollar. Die Fusion mit der irischen Pharmagruppe Elan, einem Spezialisten für innovative Arzneiformen, soll die Märkte außerhalb Amerikas erschließen helfen. Das Unternehmen bringt einen Wirkstoff mit in die Ehe, der die Behandlung schwerer Schmerzzustände revolutionieren könnte. Ziconotide oder SNX-111, ein Peptid aus 24 Aminosäuren, blockiert gezielt eine bestimmte Gruppe von Calciumkanälen, die nur in Nervenzellen vorkommen. Die Schmerzbotschaft erreicht das Gehirn nicht.

Vor allem Krebspatienten im Endstadium könnte der Schmerzblocker aus dem Gift der Kegelschnecke Conus magus noch lebenswerte Monate schenken. Sie wären nicht mehr auf hohe Opiatdosen angewiesen, die die Kranken oft in einen Dämmerzustand sinken lassen. Auch Patienten, die manchmal ohne ersichtlichen Grund an chronischen Schmerzen leiden und in speziellen Schmerzambulanzen häufig vergeblich Rat und Hilfe suchen, bekämen eine neue Chance auf eine lebenswerte Zukunft.

"100- bis 1000fach wirksamer als Morphin", befand "Der Spiegel" und führte das neue Medikament als Beispiel an für innovative Heilmittel aus dem kaum erforschten Genreservoir der Ozeane. Tatsache ist, Ziconotide hat in einer kürzlich abgeschlossenen klinischen Studie an 111 Patienten, zumeist Krebskranken mit schwer beherrschbaren Schmerzen, seine Wirksamkeit bewiesen. Auch wenn Opiate versagt hatten, das Mittel half. Allerdings, trotz überzeugender Wirksamkeits- und Verträglichkeitsvorteile: Ziconotide wird die ungeliebten Opiatanalgetika nicht ersetzten können, denn die Therapie ist aufwendig und teuer. Der Peptidwirkstoff kann nicht oral verabreicht werden. Erst die intrathekale Anwendung direkt am Rückenmark gewährleistet die optimale Wirkung. Neurex baut deshalb auf ein Bündnis mit dem Medizingerätehersteller Medtronic. Der liefert ein implantierbares Pumpensystem, das eine komfortable Anwendung von Ziconotide ermöglicht.

Dauerschmerzen bei Neuropathien, etwa ein anhaltendes Brennen in Armen und Beinen, das durch nichts zu vertreiben ist, sind offenbar ein weiterer Markt für das Schneckentoxin, jedenfalls nach den Zwischenergebnissen einer zweiten Studie an bisher 250 Patienten. Paul Goddard, Vorstand von Neurex, hofft darauf, Ziconotide spätestens Mitte 1999 vermarkten zu können. Im Wege eines Einzelimports stünde das Präparat dann auch deutschen Schmerzpatienten zur Verfügung.

PZ-Artikel von Win Chit Oo, Martin Baumgärtner, Erlangen
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