Pharmazeutische Zeitung online

Ernst Georg Stahl und das Pionierwerk derPhlogistontheorie

25.08.1997
Datenschutz bei der PZ

-Titel

Govi-Verlag

Ernst Georg Stahl und das Pionierwerk der Phlogistontheorie

Die Phlogistonhypothese war eine der epochalen Entwicklungsschritte in der Geschichte der theoretischen Chemie und Pharmazie sowie der exakten Naturwissenschaften überhaupt. Mit dieser Hypothese gelang es besser als durch alle früheren übergreifenden theoretischen Konstrukte, die Umwandlungsprozesse in der anorganischen Welt nach einem weitgehend einheitlichen Gesichtspunkt zu erklären.

Die Phlogistontheorie dominierte die Chemie- und Pharmaziegeschichte des 18. Jahrhunderts und regte zu zahlreichen weiteren Forschungen an. Seit den 1770er Jahren wurde die Phlogistonlehre - insbesondere durch die Schriften von Antoine Laurent Lavoisier (1743-1794)- quasi "vom Kopf auf die Füße" gestellt und damit gründlich revidiert.

Die Grundzüge der Phlogistontheorie wurden im Jahre 1697 im dritten Band des chemischen Hauptwerks von Georg Ernst Stahl unter dem Titel "Zymotechnia" entwickelt und in den folgenden Schriften des Autors mehrfach ergänzt und modifiziert.

Stahl wurde am 21. Oktober 1659 in Ansbach geboren und entwickelte bereits als Jugendlicher ein großes Interesse für die Chemie, die damals aber noch nicht als selbständiges akademisches Studium betrieben werden konnte. Daher studierte Stahl zunächst in Jena Medizin, wobei er stark von den iatrochemischen Konzepten seines maßgeblichen Lehrers Georg Wolfgang Wedel (1645-1721) geprägt wurde. Kurz nach seiner Promotion (1684) konnte sich Stahl eigenständigen Vorstellungen widmen und Vorlesungen über theoretische, pharmakologische und chemische Aspekte der Medizin halten. Neben seinem Lehrer Wedel wurde insbesondere die langjährige Freundschaft mit Friedrich Hoffmann (1660-1742) für Stahls Lebenswerk bedeutsam. Beide galten schon in jungen Jahren als die herausragenden Begabungen der sich reformierenden Medizin.

In seinem Frühwerk "Disputatio de passionibus animi" (1684) gab Stahl eine spezifische Definition der "Anima" und schuf damit den wichtigen Begriff und ein Pionierwerk der medizinischen Psychologie, dessen Gedanken später in seiner "Theoria medicina vera" (1707) weitergeführt wurden. Theoretisch und systematisch hochbegabt, kam er schließlich zu der Einschätzung, daß man die Lebensvorgänge in den Organismen und insbesondere beim Menschen nicht nur auf rein chemisch-physikalischem Wege erklären könne, sondern hierfür eine eigenständige Kraft, eben die Anima, annehmen müsse.

Stahl war gleichermaßen als Mediziner, naturwissenschaftlicher Theoretiker und als Chemiker hervorragend und gehörte zu den ideenreichsten Persönlichkeiten der Medizin und Naturwissenschaften des Barocks. In seiner Phlogistonlehre ging er von den Konzepten des Iatromechanikers Johann Joachim Becher (1635-1682) aus, der in seiner Lehre von den "drei Erden" bereits eine gewisse Vereinheitlichung der Stoff- und Formenlehre anstrebte. Nach Stahls Hypothese ist jeder Stoff nur dann und nur so lange brennbar, wie dieser Phlogiston enthält. Alle brennbaren Stoffe sind nach Stahl zusammengesetzt aus einem unbrennbaren Grundstoff und dem Phlogiston. Metalle entstehen demnach durch eine Verbindung der Metallkalke (heute: Metalloxide) mit dem Phlogiston. Somit sah Stahl in den Oxiden die elementaren Stoffe, in den später als elementar erkannten Metallen hingegen die zusammengesetzten Stoffe. Stahl behauptete als überaus methoden- und selbstkritischer Forscher allerdings nicht, das Phlogiston substantiell charakterisiert zu haben.

Es kam ihm vorrangig darauf an, ein einheitliches theoretisches System der Chemie aufzustellen, mithin die "Gleichartigkeit in den Erscheinungen zusammenfassend zu behandeln". Stahls System steht am Beginn vieler Entwicklungslinien, sowohl der Auffindung und Definition der chemischen Elemente wie auch der chemisch-pharmazeutischen Analytik und der theoretischen Chemie. Erst den pneumatischen Chemikern gelang es, den Sauerstoff als Element zu erkennen und zu definieren.

Noch die Pioniere der Gaschemie waren von der Phlogistontheorie ausgegangen und versuchten diese zu beweisen oder zumindest zu verbessern. Erst nach der Entdeckung des Sauerstoffs durch Karl Wilhelm Scheele (1742-1786) und Joseph Priestley (1733-1804) und die theoretischen Konzepte von Antoine Lavoisier wurde die Phlogistontheorie nach und nach von der neuen auf Lavoisier zurückgehenden antiphlogistischen Theorie abgelöst.

Stahl veröffentlichte nach seiner "Zymotechnia" (1697) noch weitere Werke zur Chemie. 1716 wurde er vom König Friedrich Wilhelm I. nach Berlin berufen, wo er noch für fast zwei Jahrzehnte bis zu seinem Tode am 14. Mai 1734 als hochangesehener Leibarzt des Monarchen wirkte. Seine Phlogistonlehre ist bis heute nicht nur von wissenschaftshistorischem, sondern ebenfalls von wissenschaftstheoretischem Interesse, wie auch moderne Wissenschaftstheoretiker (zum Beispiel Kuhn/ Popper) ausgeführt haben.

PZ-Titelbeitrag von Franz Kohl, Freiburg
Top

 

© 1997 GOVI-Verlag
E-Mail:
redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa