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Leitlinien für die Zukunft selbst bestimmen

25.08.1997
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-Politik

Govi-Verlag

Leitlinien für die Zukunft selbst bestimmen
PZ-Interview

Der Generalangriff auf die klare ordnungspolitische Trennung zwischen ambulanter und stationärer Arzneimittelversorgung durch die Bundesratsinitiative des Landes Berlin vom 6. Mai 1997 auf Änderung des Apothekengesetzes, die Angriffe auf den Vertriebsweg öffentliche Apotheke und auf die Arzneimittelpreisverordnung als Säulen der beruflichen Tätigkeit - das waren bisher die drei schwerwiegendsten Themen 1997 für die Apothekerschaft. Zuletzt hat der Deutschland-Bericht der OECD mit seiner Forderung nach Kettenapotheken das geltende System in Frage gestellt. Was bringen nach diesen Vorkommnissen die letzten Monate dieses Jahres, wollten wir von ABDA-Präsident Hans-Günter Friese wissen.

PZ
: Wie schätzen Sie die gesundheitspolitische Großwetterlage eine?

Friese: Die Bundesregierung und die parlamentarische Mehrheit haben mit der dritten Reformstufe im Gesundheitswesen Wege zu mehr Flexibilität geebnet. So sind die Partnerschaftsmodelle eine Möglichkeit zu mehr Gestaltungs- und Vertragsfreiheit, die dem Patienten nutzen soll. Große Bedenken haben wir, ob dies auch bei den Strukturverträgen gelingt, weil die Möglichkeit nicht auszuschließen ist, daß Verträge zu Lasten Dritter abgeschlossen werden und sich ein Bonus/Malus-System zwischen Kassen und Ärzte zum Schaden der Beitragszahler herausbildet. Die Empfehlungen der KV Hessen lassen diesen Schluß zu. Es kann nicht angehen, daß sich Kassen und KVen auf Verträge einigen, die den Arzneimittelhersteller und Apotheker ausschließen und damit ein wichtiges Kapitel für den Patienten, nämlich seinen Anspruch auf eine qualitativ hochstehende Arzneimittelversorgung übergehen.

Qualitätssicherung und Kostenkontrolle werden auch in Zukunft maßgeblich die Diskussion um die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens in Deutschland bestimmen.

PZ: Wie beurteilen Sie den Zusammenhalt der ABDA, der angesichts der anstehenden Probleme wichtiger als je zuvor erscheint?

Friese: Die Apothekerschaft steht vor großen Herausforderungen. Nicht nur der allgemeine Leidensdruck, sondern gerade auch die Einsicht in weiten Teilen der Kollegenschaft, daß diesen Herausforderungen in erster Linie mit Kreativität und pharmazeutischer Kompetenz begegnet werden muß, läßt die Apotheker noch enger zusammenrücken, was ich dankenswerterweise, meist ermutigend und dadurch zusätzlich motivierend, über Briefe und Telefonate erfahren darf.

Der gerade veröffentlichte OECD-Bericht belegt einmal mehr, daß vermeintlich oder tatsächlich notwendige Veränderungen im Gesundheitswesen nahezu ausschließlich unter ökonomischen Aspekten diskutiert werden. Die dadurch möglicherweise eintretende, qualitativ schlechtere Arzneimittelversorgung der Patienten und Kunden wird entweder fahrlässig oder absichtlich verschwiegen. Diese Vorgehensweise von "interessierten Kreisen" gilt es zu entlarven: Vorrang vor ökonomischen Gesichtspunkten muß die qualitativ gute, pharmazeutische Arzneimittelversorgung haben. Lamentieren hilft nicht: Über die von dem Patienten und Kunden täglich erlebte Praxis müssen wir beweisen, daß unser Arzneimittelversorgungssystem bedingt durch den heilberuflich tätigen Apotheker eben besser ist.

Die Berufsorganisationen, sprich Apothekerkammern und Apothekerverbände, sind dabei aufgefordert, den Kollegen an der Basis Hilfestellungen anzubieten. Dabei ist eine sinnvolle Aufgabenteilung zwischen ABDA, BAK und DAV sowie den Landesorganisationen notwendig. Meinungsverschiedenheiten müssen im demokratischen Meinungsbildungsprozeß erörtert werden.

PZ: Arzneimittel ist keine Ware an sich, sondern verlangt immer nach Beratung. Was tut die Selbstverwaltung, um die pharmazeutische und im eigentlichen Sinn des Wortes soziale Qualifikation des Apothekers à jour zu halten, wie rüstet sich der Berufsstand für die bevorstehenden Aufgaben?

Friese: Kammern und Verbände leisten in den einzelnen Ländern ganze Arbeit, um den Apotheker vor Ort über Fort- und Weiterbildungskurse in pharmazeutischer und wirtschaftlicher Hinsicht verstärkt zu qualifizieren. Kommunikationsseminare zum Beispiel sind nur ein Teil des Angebots, um die wertvolle psychosoziale Komponente der Apotheke zu gewährleisten. In diese Richtung zielen auch die großen Fortbildungskongresse der Bundesapothekerkammer in Davos, Meran und Westerland sowie das Wirtschaftsforum des DAV in Baden-Baden. Die Teilnehmerzahlen beweisen, daß die einzelne Apothekerin und der einzelne Apotheker die Verpflichtung zur Fortbildung, die in den Heilberufsgesetzen festgeschrieben und das Hauptelement der Weiterentwicklung eines freien Berufes ist, ernst nehmen.

In diesem Jahr wird außerdem in Düsseldorf anläßlich des Deutschen Apothekertages die Ausstellung Expopharm erstmalig mit einem Kongreß gekoppelt. Damit wird ebenfalls belegt, daß es nicht ausreicht, die Ware, das Arzneimittel, zu kennen, sondern daß das Arzneimittel nur mit der Beratung eine Einheit wird und beides zusammengehört.

Die Mitgliedsorganisationen der ABDA und weite Teile der Apothekerschaft haben erkannt, daß über Zukunftsprojekte in die Weiterentwicklung unseres Berufsbildes investiert werden muß, um auch in den nächsten Jahren den Anforderungen der Gesellschaft gerecht werden zu können. Wer nämlich nicht handelt, wird behandelt!

PZ: Auf was müssen sich die Apotheker einstellen, wenn es - verschiedenen Meinungsumfragen zufolge - zu einem Regierungswechsel rot/grün kommt?

Friese: Es ist aus meiner Sicht falsch, wenn sich die Politik der ABDA nach den jeweils Regierenden ausrichten würde. Die ABDA wird sich in Gesprächen mit den Parteien und deren Orientierungen auseinandersetzen. Für mich ist aber viel wichtiger, daß die Apothekerschaft selbst aktiv in die Politik eingreift und gegenüber der Politik ihre Vorstellungen einer zukunftsorientierten Arzneimittelversorgung vertritt, egal, welche Farbe die Regierung hat. Wichtig ist mir auch, selbst die Leitlinien für die Zukunft der Apotheke zu bestimmen als es der Politik zu überlassen, was sie mit den Apothekern vorhat. Der Deutsche Apothekertag in Düsseldorf wird einmal mehr die Gelegenheit bieten, diese Leitlinien substanziell auszubauen, damit sie für die Politik noch besser nachvollziehbar sind.

Die Fragen stellte Hartmut Morck, EschbornTop

 

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