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Pharmaka sind nicht immer die einzigenAlternativen

25.08.1997
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-Pharmazie

Govi-Verlag

Pharmaka sind nicht immer die einzigen Alternativen
2. Highlight-Kongreß

Noch vor einigen Jahren verglich der Kardiologe Sutherland während einer Tagung der New York Heart Association die Therapie der Herzinsuffizienz mit dem Zurechtrücken von Möbeln auf dem Achterdeck der sinkenden Titanic. Daß diese Metapher inzwischen hinkt, bewies Professor Dr. Gerd Baumann, Kardiologe an der Charité Berlin, in seinem Referat, das er anläßlich des zweiten Highlight-Kongresses der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft und der Pharmazeutischen Zeitung in Wittenberg hielt. Durch neue pathologische Erkenntnisse mache man große Fortschritte, in der medikamentösen aber vor allem in der operativen Therapie.

Bisher gelang es nicht, den Teufelskreis der Herzinsuffizienz mit Pharmaka zu durchbrechen. Aus myokardialen Dysfunktionen resultieren geringer Füllungsdruck und niedriges Herz-Minuten-Volumen. Eine Gegenregulation des Sympathikus und des Renin-Angiotensin-Systems führten zu einer verstärkten Volumenbelastung des Herzens. Häufig stellt Transplantation nach zunehmendem Wirkungsverlust der Pharmaka die einzige Alternative dar. Bei fortgeschrittener Herzinsuffizienz schädigt der verstärkte Angriff körpereigener Catecholamine die ß1-Rezeptoren. Die Kontraktion des Myokard ist gestört, das Herz wird Catecholamin-refraktär. Die Gabe von externen Catecholaminen verstärkt die Rezeptordownregulation. Kardiologen bezeichnen diesen Effekt als Catecholaminspirale. Das uneffektiv arbeitende Herz dilatiert zunehmend. Hohe Wandspannungen und steigender Sauerstoffverbauch sind die Folge. Das Myokard wird trotz intakter Koronarien ischämisch.

Baumann berichtete, daß es auch mit H2-Agonisten nicht gelingt, die Catecholaminspirale zu durchbrechen. Alternativen der medikamentöse Therapie bildeten Phosphodiesterase-III-Hemmer oder sogenannte Calciumsensitizer. Erstere hemmen durch Blockade des Enzyms Phosphodiesterase III den Abbau von cyclischem AMP, das positiv inotrop und chronotrop auf das Herz wirkt. Die neuentwickelten Calciumsensitizer - in den USA steht die Zulassung von Pimobendan bevor - setzen die Affinität der kontraktilen Strukturen des Herzens für Calciumionen herauf.

Trotzdem stellt die Herztransplantation häufig den letzten Ausweg dar. Zwischen 3000 und 3500 Herzen wurden im vergangenen Jahr in der Bundesrepublik verpflanzt. Eine geringe Spendebereitschaft der Deutschen, sowie zahlreiche Kontraindikationen erschweren die Organverpflanzung. Der Arbeitskreis um Baumann suchte deshalb nach Alternativen.

Bei vielen Herzerkrankungen, die mit einer Dilatation einhergehen, bildet der Organismus Antikörper gegen ß1-Rezptoren. Baumann und seine Kollegen entwickelten deshalb eine Methode, bei der diese Antikörper außerhalb des Körpers an einer Membran gebunden werden und das Blut so "gereinigt" in den Kreislauf zurückgeführt wird. Damit hätte man eine deutliche Verbesserung des Krankheitsbild erreicht. Die Methode der Immunadsorbtion funktioniere jedoch nicht bei allen Patienten. Wichtigstes Ziel sei es deshalb, den Herzradius zu verkleinern, um so die Effektivität des Myokards zu optimieren.

Ein krankhaft vergrößertes Herz arbeitet uneffektiv. Die veränderte Ventrikelgeometrie führt zur Bildung von kontraproduktiv arbeitenden Muskelarealen. Dem Berliner Arbeitskreis gelang es, einen chriurgischen Eingriff zu entwickeln. Mit Hilfe eines Elektrokardiogramms werden uneffektive Bereiche des Myokards lokalisiert, dann operativ entfernt und der Durchmesser des Herzens verkleinert. Bis zu zwei Drittel des Muskelgewebes könnten ausgeschnitten werden. Baumann berichtete von 30 erfolgreichen Operationen. Eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität seiner Patienten sei die Folge.

Um bei Akutpatienten während der Reanimation schnellstmöglich das Herz-Kreislaufsystem zu stabilisieren, entwickelte Baumann mit seinen Kollegen eine transcutan applizierbare Herz-Lungen-Maschine. Im Gegensatz zu herkömmlichen Geräten würde hier das Blut mit Hilfe eines Magnetfelds beschleunigt. Bestechendes Argument dieser Neuentwicklung sei die schnelle Bereitstellung, besonders bei Intensivpatienten, so der Kardiologe.Eine wichtige Hilfe bei der Behandlung der akuten Myokarditis stellen externe Pumpsysteme dar. Diese werden an der freigelegten Herzspitze angesetzt. Das Blut wird so aus dem Ventrikel gesaugt und in den Kreislauf ausgeworfen. Mit eindrucksvollen Dias belegte der Referent die Heilungserfolge unter Einsatz dieser neuentwickelten Techniken.

Fazit: Die Titanic sei zwar nicht unsinkbar geworden, aber durch diese mechanischen Hilfen sinke sie nun nicht mehr schlagartig und könne mit abgedichteten Leck noch ihren Heimathafen erreichen.

PZ-Artikel von Ulrich Brunner, WittenbergTop

 

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