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Zu oft, zu viel? Daten zum Alkoholkonsumin Deutschland

17.08.1998
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Govi-Verlag

Zu oft, zu viel? Daten zum Alkoholkonsum
in Deutschland

Deutschland hat beim Alkoholkonsum die unangenehme Spitzenposition an andere abgetreten. Immerhin ist der Pro-Kopf-Konsum an reinem Alkohol seit dem ersten vollständigen gesamtdeutschen Jahr 1991 um beachtliche elf Prozent gesunken. Auf der anderen Seite häufen sich Meldungen über steigende Erkrankungszahlen insbesondere bei Frauen für Krebs im Rachenraum, die auf den Alkohol (und das Rauchen) zurückgeführt werden.

Es geht beim Alkoholkonsum darum, die angenehmen Wirkungen durchaus maßvoll zu nutzen, ohne die schädlichen Folgen in Kauf zu nehmen. Um das zu erreichen, besteht angesichts der im folgenden beschriebenen Entwicklungen offensichtlich noch ein erheblicher Handlungsbedarf.

Wieviel trinken die Bundesbürger?

Nach einem Verharren des Pro-Kopf-Verbrauchs bei der 12-Liter-Marke über 15 Jahre ist in den letzten Jahren offenbar ein Trend in die richtige Richtung in Gang gekommen: Seit 1991 ist der Konsum von 12,2 Liter auf 10,9 Liter im Jahre 1997 gesunken - immerhin ein Rückgang um bemerkenswerte elf Prozent! Speziell beim Spirituosenkonsum war sogar ein Rückgang um rund 19 Prozent, beim Weinkonsum um fast 14 Prozent zu verzeichnen. Auf der anderen Seite erfreut sich Sekt weiterhin leicht steigender Beliebtheit. Etwa die Hälfte des gesamten Alkohols wird als Bier getrunken, jeweils etwa ein Viertel als Wein/Sekt und Spirituosen.

Wieviel trinken die Jugendlichen?

Von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wurden Jugendliche zu ihrem Alkoholkonsum befragt und dabei erstmals in den alten und neuen Bundesländern Zahlen für die Altersgruppe 12 bis 25 Jahre erhoben. Der Anteil derer, die mindestens einmal pro Woche Bier, Spirituosen oder alkoholhaltige Mixgetränke konsumieren, ist bei männlichen Jugendlichen erheblich höher als bei weiblichen. Dies gilt nicht für Wein beziehungsweise Sekt, wo die Anteile, besonders in den neuen Bundesländern, bei den weiblichen Jugendlichen höher sind. Deutliche Ost-West-Unterschiede zeigen sich beim Bierkonsum, wo weibliche Jugendliche im Westen deutlich mehr als im Osten trinken. Umgekehrt trinken im Osten mehr Jugendliche als im Westen alkoholische Mixgetränke und männliche Jugendliche mehr Spirituosen.

In einer Erhebung zum Gesundheitsverhalten von Jugendlichen in Bayern kommt zum Ausdruck, daß mit zunehmendem Alter mehr Jugendliche Alkohol trinken. Offensichtlich ist die Verfügbarkeit alkoholischer Getränke für Jugendliche kein Problem, da ihnen nach eigenen Angaben das Angebot im Gasthaus, in der Disco, im Supermarkt, bei Freunden oder aus dem häuslichen Vorrat zugänglich ist. Bedenklich erscheint auch, auf welche Weise das "Genußmittel" Alkohol zweckentfremdet wird: Bis zu 18 Prozent der regelmäßigen Konsumenten und bis zu einem Drittel der Jugendlichen mit übermäßigem Konsum geben an, den Alkohol zur (vermeintlichen) Problemlösung einzusetzen.

Wieviel trinken die Erwachsenen?

Nach der Repräsentativ-Erhebung des Bundesministeriums für Gesundheit/des Instituts für Therapieforschung von 1995 an 7.800 Erwachsenen im Alter von 18 bis 59 Jahren gaben 16 Prozent der Männer und 28 Prozent der Frauen an, gar keinen Alkohol zu trinken. Ein als gesundheitsschädlich einzustufender Konsum von mehr als 40 Gramm reinem Alkohol pro Tag liegt bei weiteren 16 Prozent der Männer vor. Dieser Grenzwert liegt bei Frauen mit 20 Gramm nur halb so hoch wie bei Männern. 10 Prozent der Frauen überschreiten ihn. Mehr als 60 Prozent (Männer 68, Frauen 62 Prozent) sind als moderate Alkoholkonsumenten einzustufen, das heißt, sie liegen in ihrem täglichen Konsum an reinem Alkohol unter 40 (Männer) beziehungsweise 20 Gramm pro Tag (Frauen).

Wieviel trinken die Alkoholkonsumenten?

Werden die Trinkmengen nicht auf die gesamte Bevölkerung bezogen, sondern nur auf die tatsächlichen Konsumenten der jeweiligen Getränkeart, findet man erheblich höhere Werte: beispielsweise für Frauen insgesamt im Durchschnitt 3 Gramm reiner Alkohol pro Tag aus Bier; bei Frauen, die überhaupt Bier trinken, sind es aber etwa 12 Gramm.

Alkoholkonsum weltweit

Der holländische "Produktschap voor Gedistilleerde Dranken" trägt jedes Jahr Produktions- und Konsumzahlen für mehr als 50 Länder zusammen. Verzerrungen der Konsumzahlen können durch Schmuggel, Grenzverkehr, zollfreie Verkäufe, Touristenkonsum, Schwarzmarkt, Schwarzbrennerei und Hausproduktion auftreten.

Angeführt wird die Rangfolge von Luxemburg, Portugal und Frankreich mit mehr als 11 Litern reinem Alkohol pro Kopf und Jahr. Der Wert von Luxemburg ist allerdings durch Grenzverkehr nach oben verzerrt. Deutschland liegt mit 10,7 auf dem vierten Platz, gefolgt von der Tschechischen Republik und Dänemark mit 10 Litern.

Ein Problem bei internationalen Vergleichen des Pro-Kopf-Konsums an reinem Alkohol sind die unterschiedlichen Alkoholgehalte von Bier, Wein/Sekt und Spirituosen, die für die Umrechnung auf reinen Alkohol benutzt werden. Dadurch kann die Einordnung in eine Rangfolge unterschiedlich ausfallen.

Gesundheitliche Folgen des Alkoholkonsums

Die Liste alkoholassoziierter Krankheiten, Unfälle und sonstiger körperlicher Folgen ist bedenklich lang. Bisherige Schätzungen liegen bei etwa 40.000 alkoholbedingten Todesfällen pro Jahr in Deutschland. Von der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren werden 2,5 Millionen behandlungsbedürftige Alkoholiker genannt. Für die Kosten alkoholassoziierter Krankheiten liegen gegenwärtig nur unzureichende Angaben vor.

Gibt es eine schützende Wirkung moderaten Alkoholkonsums?

Bei den meisten Studien fand sich ein geringeres Gesamtmortalitätsrisiko für moderat Trinkende im Vergleich zu Abstinenten und ein höheres Risiko für Personen mit hohem Alkoholkonsum. Der protektive Effekt von moderatem Alkoholkonsum auf Herzkrankheiten wird etwa zur Hälfte einer Erhöhung des HDL-Cholesterins im Serum zugeschrieben. Weitere Erklärungsmöglichkeiten liegen in der Beeinflussung der Blutgerinnung und der Thrombozytenaggregation sowie in der antioxidativen Wirkung von Substanzen, die zum Beispiel in Rotwein enthalten sind. Unklar ist, ob die Art des alkoholischen Getränks (Bier, Wein, Spirituosen) einen Einfluß hat und welche Trinkmengen pro Tag oder pro Woche für Männer und Frauen gegebenenfalls empfohlen werden sollten.

Einflußmöglichkeiten auf Konsum und Folgen

Trotz günstiger aktueller Trends ist das deutsche Konsumniveau im internationalen Vergleich nach wie vor hoch; die gesundheitlichen Folgen sind erheblich. Dies erfordert ein wirksames Präventionsprogramm zur weiteren Senkung des Alkoholkonsums.

Die Palette der Möglichkeiten ist umfangreich: vermehrte Aufklärung über den richtigen Umgang mit Alkohol, Verstärkung der konsummindernden Werbung zu Lasten der konsumfördernden, weitere Modifizierung der geltenden Promillegrenzen.

Ein Beschluß der 70. Gesundheitsministerkonferenz (GMK) am 20./21. November 1997 in Saarbrücken zum Aktionsplan Alkohol listet die Risiken durch Alkoholkonsum detailliert auf und fordert Bund und Länder zu entsprechenden Gegenmaßnahmen auf.

PZ-Titelbeitrag von Burckhard Junge, Berlin
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