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Sparmaßnahmen reißen Lücken in die Versorgung

18.08.1997  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

Sparmaßnahmen reißen Lücken in die Versorgung

Seit 1982 gibt es die Marien-Apotheke in Neuravensburg. Sie ist inzwischen ein ebenso wichtiger Bestandteil der dörflichen Infrastruktur wie die Bäckerei und der Metzger wenige hundert Meter weiter unten in der Hauptstraße.

Zwischen Lindau und Wangen, im Landkreis Ravensburg, liegt die 2.500 Seelen zählende Ortschaft Neuravensburg. Die umliegende Gegend ist landwirtschaftlich geprägt. Zur nächsten Apotheke, in Wangen, Kißlegg oder Lindau, müßten die Neuravensburger knapp zehn Kilometer fahren. Aufgrund der geringen Kaufkraft ist Joachim Dempe, Besitzer der Marien-Apotheke, auch auf Kunden aus den benachbarten kleinen Dörfern angewiesen.

Als Dempe vor 15 Jahren nach Neuravensburg kam, wußte er, daß er sich keine goldene Nase verdienen würde. Überzeugt war er aber, daß es einen dringenden Bedarf der hiesigen Bevölkerung gab, "nicht wegen jeder Kopfschmerztablette so weit zu fahren". Unter dem Motto "Lieber hier der einzige, der was für die Bevölkerung tun kann, als sich in Wangen mit einer weiteren Apotheke reinquetschen, die nur den anderen den Umsatz abnimmt" entschloß er sich gerade hier zur Existenzgründung. Mit Erfolg: Bald überstiegen die Umsätze Dempes anfängliche Prognose um das Zweieinhalbfache.

Das Sparprogramm

Im September 1996 stellte der BKK-Bundesverband im Namen aller Spitzenverbände der Gesetzlichen Krankenkassen in neun Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) für das Jahr 1995 eine Budgetüberschreitung von circa 870 Millionen DM fest. Auf die KV Südwürttemberg entfielen davon rund 37,8 Millionen DM. Die regional zuständige KV rief ihre Mitglieder zu drastischen Einsparungen auf. In einem Schreiben der KV Südwürttemberg heißt es dazu: "Wir sehen zur Abwehr der behaupteten Ausgleichsansprüche vorübergehend nur die Möglichkeit, die von der Politik und den Krankenkassen aufgedrängte Differenzierung des Arzneimittelverordnungspotentials gegenüber den Versicherten über die Verordnungsweise der Vertragsärzte dort durchzusetzen, wo Budgetüberschreitungen drohen". Grundlage des Sparprogramms bildet der Arzneiverordnungsreport des Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen (WIdO), der als "umstritten" bezeichnete Arzneimittel prinzipiell als nicht verordnungsfähig einstuft.

Der Sparkurs der KV beginnt im Oktober 1996. Im Gespräch mit der PZ berichtet Dempe von einem Verordnungsnotstand, weil Ärzte teilweise auch auf dringend nötige Medikationen verzichten. Was im WIdO-Report als unwirksam bezeichnet ist, wird nur noch auf Privatrezept verordnet.

Nach Dempes Aussage sind viele Patienten verunsichert. Betroffen seien vor allem diejenigen, die gute Erfahrungen mit Arzneimitteln gemacht haben, deren Wirkung jetzt im WIdO-Report als umstritten eingestuft werde. Nachdem ihnen oft jahrelang diese vom Arzt als wichtig eingestuften Medikamente auf Kassenrezept verordnet wurden, sähen sie sich jetzt mit hohen Kosten für private Verordnungen konfrontiert. Aus Angst vor Regreßforderungen scheuten nämlich viele Ärzte, umstrittene Arzneimittel weiterhin zu Lasten der GKV zu verordnen, so Dempe. Dennoch berichtet nur ein Teil der Patienten in der Marien-Apotheke von Verordnungsverweigerungen ihres Hausarztes.

Die Umsatzeinbrüche sprechen für sich: Durchschnittlich fehlen Dempe von November 1996 bis Mai 1997 mehr als 26 Prozent des entsprechenden Vorjahresumsatzes in der Kasse. Seinen Gesamtumsatzverlust im GKV-Markt für jene sieben Monate beziffert er mit 275.600 DM (brutto), was einem absoluten Rückgang des Rohertrages von knapp 73.000 DM entspricht. Seinen Kollegen im Regierungsbezirk Tübingen fehlen durchschnittlich 196.000 DM (Rohertrag: minus 51.800 DM). Seine Spitzenreiterrolle im Umsatz- und Rohertragsrückgang erklärt sich Dempe vor allem mit der mangelnden Kaufkraft der Landbevölkerung. Mit dem OTC-Markt kann er das Umsatzloch nicht auffangen.

Schadensbegrenzung

Der unerbittliche Sparkurs der KV zwingt Dempe zum Handeln. Er setzt sich mit seinen Kollegen und Ärzten aus der Wangener Region zusammen. Die Heilberufler entwickeln gemeinsam einen Standardtext, der den Verordnungen beigelegt wird und die Patienten dazu auffordert, auch künftig Rezepte mit selbst zu zahlenden Medikamenten einzulösen. Mit einer Anzeige in der örtlichen Tageszeitung weisen Apotheker und Ärzte gemeinsam auf die Mißstände der Budgetierungspolitik hin. Die massive Kritik am Sparkurs der KV wird auch im redaktionellen Teil der Tagespresse dokumentiert. Dennoch sind die Krankenkassen nicht bereit, das Budget nach oben zu korrigieren.

Die entsprechend dem WIdO-Report veröffentlichten Richtlinien zur Einsparung von umstrittenen Arzneimitteln unterscheiden nicht zwischen Präparaten mit Zulassung und solchen ohne. Da die Zulassung eines Medikamentes jedoch einen positiven Wirksamkeitsnachweis voraussetzt, setzt sich Dempe für eine Differenzierung zwischen zugelassenen und nicht zugelassenen Fertigarzneimitteln ein. Es sei dem Bürger nicht zuzumuten, mit seinen Steuergeldern eine große Bürokratie der Zulassung zu finanzieren, um später mit dem Widerspruch, die Wirksamkeit sei nicht ausreichend belegt, konfrontiert zu werden. In Schreiben an Apothekerverband und -kammer Baden-Württemberg sowie die KV Südwürttemberg argumentiert Dempe, daß rechtlich kaum etwas dagegen einzuwenden sei, wenn sich der Verordner auf Arzneimittel stütze, bei denen er aufgrund ihrer Zulassung grundsätzlich davon ausgehen könne, daß sie wirksam und wirtschaftlich sind.

Der Lösungsvorschlag für die südwürttembergischen Verordnungsprobleme geht auch der ABDA zu. Dort findet er jedoch als nicht brauchbarer Denkansatz - der Umkehrschluß führe ja dazu, daß jede Arznei ohne Zulassungsnummer nicht mehr verordnet werden könne - keine Unterstützung.

Die "Dempe-Liste"

Dempes Engagement gegen die Diskriminierung anscheinend umstrittener Medikamente ist ungebrochen. Um das Verordnungsvolumen der im WIdO-Report negativ bewerteten Arzneimittel zu bestimmen, durchforstet er mit zwei Apothekerkollegen aus dem Wangener Raum sämtliche Schubladen seines Warenlagers und stuft die Präparate mit Hilfe der teilweise aufgedruckten Zulassungsnummern ein. Es entsteht eine Produkteliste, sortiert nach Indikationen und Vorordnungshäufigkeit, Umsatz und Zulassungsstatus.

Fazit dieser Sisyphosarbeit: 1996 wurden in Südwürttemberg Arzneimittel für 611,3 Millionen DM zu Lasten der GKV verordnet. Bei Verordnungsverzicht auf alle laut WIdO-Report umstrittenen Arzneien hätte es Einsparungen von 130,6 Millionen DM gegeben. Hätte die fehlende Zulassung der Präparate als Kriterium für eine Verordnungsverweigerung gegolten und wären umstrittene Medikamente mit Zulassung weiterhin verschrieben worden, so hätte die GKV in der Region immer noch 99,4 Millionen DM eingespart. Eine Verunsicherung der Patienten durch eine widersprüchliche Einstufung der Wirksamkeit wäre dann aber ausgeblieben.

Die Dempe-Liste findet keine Liebhaber. Zwischen den Ärzten und Apothekern einerseits und den Krankenkassen in der Region andererseits gibt es keinen Konsens. Südwürttembergs Ärzte sind weiterhin gezwungen, den Sparkurs der GKV durch Verordnungsverweigerungen auf Weisung der KV Südwürttemberg einzuhalten.

Inzwischen versucht der aktive Offizinapotheker, die Umsatzverluste der Neuravensburger Marien-Apotheke durch Einsparungen zu kompensieren. Bei den Personalkosten sind seiner Meinung nach die Rationalisierungsreserven ausgeschöpft. Aber inzwischen haben seine Angestellten Sorge um ihre Arbeitsplätze. Auch sie wissen, daß es wirtschaftlich nicht gut um den Betrieb steht.

PZ-Artikel von Ulrich Brunner, Neuravensburg
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