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Therapie mit Antioxidantien nach derATBC-Studie

18.08.1997  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Therapie mit Antioxidantien nach der ATBC-Studie

Im Unterschied zu den Ergebnissen der CHAOS-Studie und verschiedenen epidemiologischen Untersuchungen förderte die Auswertung der ATBC-Studie neuerlich zutage, daß Vitamin E (wie auch ß-Carotin), zumindest in niedrigeren Dosen, die Anzahl tödlicher ischämischer Herzerkrankungen nicht vermindert. Welche Empfehlungen sind für Vitamin E in der pharmazeutischen Praxis zu geben?

Die ATBC-Studie (Alpha-Tocopherol Beta-Carotene Cancer Prevention Study) untersuchte die Wirkungen von Placebo, täglich 50mg synthetischem a-Tocopherol (Vitamin E), täglich 20 mg ß-Carotin oder der Kombination aus beiden bei Rauchern im Alter zwischen 50 und 69 und einem Herzinfarkt in der Vorgeschichte. Insgesamt wurden 1862 Männer über durchschnittlich 5,3 Jahre hinsichtlich des erstmaligen Auftretens eines schweren koronaren Ereignisses (nicht tödlich verlaufender Herzinfarkt oder tödliche Koronarerkrankung) beobachtet.

Die Studie ergab im wesentlichen, daß Vitamin E tödlich verlaufende Herzinfarkte nicht verhinderte, daß es aber offensichtlich das Risiko eines nicht tödlich verlaufenden Herzinfarktes um 38 Prozent verringerte. Dagegen war die Gabe von ß-Carotin gegenüber Placebo mit einem Anstieg tödlich verlaufender ischämischer Herzerkrankungen um 75 Prozent assoziiert. Bezüglich der Vitamin-E-Wirkung spekulieren die Autoren, daß der günstige Effekt auf nicht tödlich verlaufende Herzinfarkte möglicherweise erkauft werde durch einen allerdings nicht signifikanten Anstieg tödlich verlaufender Herzinfarkte. Gegen diese Mutmaßung spricht jedoch, daß Vitamin E das Risiko von koronaren Ereignissen grundsätzlich reduziert, was jedoch aus nicht genau bekannten Gründen bei der Vermeidung nicht tödlich verlaufender Herzinfarkte deutlicher zum Tragen kommt als bei tödlich verlaufenden.

Die ATBC-Studie unterstreicht die Schlußfolgerung, daß ß-Carotin keinen Wert in der Prävention des Herzinfarktes hat. Dagegen sind Schlußfolgerunqen über die Wertigkeit von Vitamin E in der Therapie der Atherosklerose auf Basis der ATBC-Studie schwierig.

Die CHAOS-Studie zeigt, daß hohe Vitamin-E-Dosen (400 oder 800 I.E. pro Tag) den kombinierten Zielparameter aus nicht tödlich verlaufenden Herzinfarkten und kardiovaskulären Todesfällen um 47 Prozent reduziert. Allerdings war die Risikoverminderung auf die nicht tödlichen Herzinfarkte beschränkt. CHAOS schlußfolgerte, daß alpha-Tocopherol bei Patienten mit bestehender koronarer Herzerkrankung indiziert ist. Dagegen kommen die Autoren der ATBC-Studie zu dem Schluß, daß es durch Vitamin E keinen Beitrag zur Reduzierung des koronaren Risikos gibt.

Die Ursache der kontroversen Schlußfolgerungen liegt möglicherweise im Design der Studien. So wurde Vitamin E in der ATBC-Studie zehnmal niedriger dosiert als in der CHAOS-Studie (50 mg versus circa 500 mg pro Tag). Obwohl die Serumkonzentrationen in der ATBC-Studie um 150 Prozent angestiegen sind, sind diese ein unzuverlässiger Indikator für die Vitamin-E-Verteilung im Fettgewebe des Körpers. Der unterschiedliche Ausgang der Studien kann somit auch dahingehend interpretiert werden, daß auf jeden Fall mehr als 50 mg Vitamin E pro Tag gegeben werden müssen, um einen deutlichen Vorteil bei koranaren Herzerkrankungen zu bringen.

Außerdem wurde in der ATBC-Studie synthetisches alpha-Tocopherol (eine razemische Mischung von alpha-Tocopherolen) eingesetzt, wogegen die CHAOS-Studie natürliches Vitamin E verwendete. Es gibt Hinweise, daß die Wirksamkeit von natürlichem Vitamin E als Antioxidans der von synthetischem überlegen ist und die natürliche Form zusätzliche Wirkungen hat, die nicht mit der antioxidativen Wirkung zusammenhängen.

Weitere Klärung zur Wertigkeit von Antioxidantien zur Prävention von koronarer Herzkrankheit und Atherosklerose werden derzeit laufende, randomisierte Studien erbringen, wie die "Women's Health Study", eine Fortsetzung der "Physicians' Health Study", die "Heart Outcome Prevention Evaluation Study" und die "Heart Protection Study". Bis dahin empfiehlt sich, natürliches Vitamin E in einer hohen Dosis (500 mg/Tag) bei Patienten mit koronarer Herzerkrankung zur Verhinderung eines Herzinfarktes einzusetzen. Vom Einsatz von Vitamin A oder ß-Carotin für denselben Zweck ist dagegen nach neuesten Erkenntnissen abzuraten.

PZ-Artikel von Sabine H. Bodem, Karlstein
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