Pharmazeutische Zeitung online

Osteoporose: Früh erkennen, flexibel behandeln

18.08.1997  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Osteoporose: Früh erkennen, flexibel behandeln

Früher setzte die Diagnose Osteoporose mindestens eine atraumatische Wirbelfraktur voraus. Nach aktueller Definition ist entscheidendes Kriterium eine signifikant verminderte Knochenmasse mit verschlechterter Knochengewebsarchitektur und erhöhtem Bruchrisiko bei minimalem Trauma.

Die Folgen dieses Begriffswandels: Diagnoseverfahren, die neben der Knochendichte auch die Knochenqualität ermitteln können, gewinnen an Bedeutung. Außerdem empfehlen Orthopäden neue Strategien für die medikamentöse Behandlung.

Ausreichende Calcium- und Vitamin-D-Zufuhr, Bewegung sowie Gymnastik mit Sturzprophylaxe bilden die Basis der Osteroporosetherapie. Zusätzlich stehen osteoanabole Fluoride und antiresorptiv wirksame Arzneistoffe wie die Biphosphonate Etidronat und Alendronat sowie Estrogene, Calcitonine und Calciumsalze zur Verfügung.

Bisher erhalten Patienten, bei denen aufgrund von Lebensalter und Pathogenese ein erhöhter Knochenumbau anzunehmen ist, Antiresorptiva. Sie lassen die Knochendichte leicht ansteigen, bis nach spätestens einem Jahr ein Plateau erreicht ist. Patienten mit vermutlich geringem Knochenumbau erhalten Fluoride, vor allem wenn ein starker osteoanaboler Effekt erforderlich ist. Fluoride wirken langanhaltend osteoblastenstimulierend.

Große internationale Studien bringen diese Therapieempfehlungen ins Wanken: Beide Substanzgruppen erzielten unabhängig von Knochenumbau, Lebensalter und Pathogenese bei allen Osteoporoseformen Therapieerfolge. Deshalb soll die Entscheidung "Wann Biphosphonate, wann Fluoride" nach Meinung von Professor Dr. Johann Ringe vom Klinikum Leverkusen durch den individuellen Befund des Patienten bestimmt werden. Wobei die Erfahrung des Arztes und ökonomische Gesichtspunkte eine Rolle spielen. Zugelassen sind Biphosphonate zur Behandlung postmenopausaler Osteoporose, Fluoride für die Therapie aller Osteoporoseformen.

"Klinische Parameter erleichtern die Entscheidung", sagte Ringe während eines von Opfermann-Arzneimittel veranstalteten Workshops in Baden-Baden. Eine Antiresorptiva-Therapie mit Biphosphonaten mit anschließender Fluoridbehandlung sei sinnvoll bei Patienten mit hohem Knochenumbau wie jüngeren postmenopausalen Frauen oder während einer hochdosierten Corticoidbehandlung. Zehn bis fünfzehn Jahre nach der Menopause sowie während einer niedrig dosierten Corticoidtherapie oder nach Absetzen einer Corticoidtherapie ist ein gemäßigter Knochenumbau zu erwarten. Diese Patienten sollten nach seinen Worten drei bis fünf Jahren Fluoridpräparat und anschließend Calcium und Vitamin-D einnehmen. Bei manifester Osteoporose mit sehr niedrigen Knochendichtewerten konnten 10 bis 20mg Fluoridionen täglich das Frakturrisiko senken. Allerdings hätten bei älteren Patienten mit manifester Osteoporose und mehreren Frakturen auch Biphosphonate positive Effekte gezeigt, schränkte Ringe ein.

Frühe Fluoridgabe sinnvoll


Studien belegen: Eine Fluorid-Frühtherapie kann bei postmenopausaler, männlicher und sekundärer Osteoporose nach Corticoidbehandlung oder Transplantation Osteoporose-Manifestationen mit Frakturen vermeiden. 10 bis 20mg bioverfügbares Fluorid für maximal drei Jahre lassen die Knochendichte der Lendenwirbelsäule im Jahr um 4 bis 6 Prozent ansteigen, während an peripheren Meßorten kaum Veränderungen entstehen, Frakturen kommen seltener vor. Da Monofluorphosphat fast vollständig bioverfügbar ist, kann es niedriger dosiert werden als Natriumfluorid. Empfehlenswert ist eine Kombination mit Calciumsalzen, um die neugebildete Knochenmatrix zu mineralisieren. Ältere Patienten profitieren möglicherweise von zusätzlich 500 bis 1000 I.E. Vitamin D pro Tag.

"Keinesfalls sollte die Fluoridfrühtherapie mit der Sexualhormonsubstitution konkurrierien." sagte Ringe weiter. Vorteile bietet die frühe Fluoridgabe vor allem, wenn bereits eine signifikante Osteopenie vorliegt, weiterhin für ältere Frauen, bei denen der positive Estrogeneffekt auf das Skelett nachläßt, für Patientinnen mit Kontraindikationen oder geringer Compliance für Hormonpräparate sowie für Männer mit Osteopenie oder Osteoporose im Stadium 1.

Knochendichtebestimung unverzichtbar


Die routinemäßige Messung biochemischer Marker des Knochenumbaus eignet sich wegen begrenzter Empfindlichkeit und Spezifität sowie hoher Kosten nicht für die Osteoporosediagnostik in der Praxis. Hier ermöglicht ein Stufenschema, das Anamnese, körperliche Untersuchung, Röntgenaufnahmen, Laboruntersuchungen umfaßt, die Diagnosefindung.

Die Osteodensitometrie ist in den letzten Jahren allerdings in Verruf geraten: Zu viele Geräteanschaffungen, leichtfertige Indikationsstellung und zu häufige Kontrolluntersuchungen ließen die Kosten explodieren. Heute übernehmen die Krankenkassen die Kosten für eine Knochendichtebestimmung nur bei wenigen Indikationen. Der Radiologe Professor Dr. Dieter Felsenberg betrachtet sie jedoch als unverzichtbar. "Die Osteodensitometrie ermöglicht als einzige Methode, das Frakturrisiko einzuschätzen, da die Knochendichte mit dem Bruchrisiko korreliert", erläuterte er.

PZ-Artikel von Birgit Strohmaier, Passau
Top

 

© 1997 GOVI-Verlag
E-Mail:
redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa