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Poliomyelitis-Schutzimpfung im Wandel

18.08.1997  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Poliomyelitis-Schutzimpfung im Wandel

Eine einschneidende Veränderung der Impfstrategie zum Schutz gegen Kinderlähmung steht in Kürze bevor. Die seit 1961 eingesetzte orale Poliovaccine (OPV) hat sich in Form der Schluckimpfung gegen das Polio-Wildvirus hervorragend bewährt: Seit 1986 ist in Deutschland kein Fall einer Polio-Wildvirus-Erkrankung mehr aufgetreten. Dennoch muß diese bislang so erfolgreiche Impfstrategie überdacht werden.

In der STIKO (Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut) wird schon seit Jahren die Umstellung auf einen zu injizierenden, inaktivierten Polio-Impfstoff diskutiert. In den USA, in Kanada und einigen westeuropäischen Ländern ist diese Umstellung schon vollzogen worden. Der Grund dafür liegt in der Risikobelastung der Schluckimpfung durch die sogenannte Impfpoliomyelitis, von der seit 1986 in Deutschland 17 schwere Fälle registriert wurden.

Das Entstehen dieser vaccine-assoziierten Erkrankung wird folgendermaßen erklärt: Die Schluckimpfung ahmt den natürlichen Infektionsweg der Polioerkrankung nach. Die im Impfstoff enthaltenen abgeschwächten, nicht mehr neuropathogenen Polioerreger vermehren sich im Darm des Impflings und werden über eine Zeit von etwa 4 bis 8 Wochen mit dem Stuhl ausgeschieden. In dieser langen Vermehrungs- und Ausscheidungsphase kann es zu Mutationen der Impfviren mit mehr oder weniger ausgepräqter Neurovirulenz kommen. Sie werden dann ebenfalls mit dem Stuhl ausgeschieden und gefährden Kontaktpersonen des Impflings. Typisches Beispiel für das Auftreten einer Impfpoliomyelitis ist die Erkrankung einer Pflegeperson, die dem frisch oralimmunisierten Säugling die Windeln wechselt, selbst an der Schluckimpfung aber nicht teilgenommen hat.

Angesichts dieser Problematik hat die STIKO folgende Empfehlung zum Poliomyelitis-Schutz erarbeitet (Stand: März 1997): Der die Polio-Schluckimpfung verabreichende Arzt hat den Impfling oder seine Eltern beziehungsweise Sorgeberechtigten auf die Möglichkeit einer Ansteckungsgefahr für Dritte hinzuweisen und über die zur Vermeidung einer Ansteckung gebotenen Schutzmaßnahmen zu informieren. Sofern die Eltern oder Pflegepersonen in den letzten 10 Jahren nicht gegen Polio geimpft wurden, ist ihnen die gleichzeitige, einmalige Gabe von oralem Polio-Impfstoff zu empfehlen.

Für alle Personen mit Immundefekten ist zum Polioschutz die Schluckimpfung nicht mehr indiziert. Es steht für diesen Personenkreis mit IPV (inaktivierte Poliomyelitisvaccine) ein subcutan zu applizierender monovalenter Impfstoff zur Verfügung. Darüber hinaus wird zur Eindämmung des mit der Impfung verbundenen Risikos empfohlen, die routinemäßige Auffrischimpfung mit oraler Poliovaccine letztmalig im 15. Lebensjahr durchzuführen, ausgenommen sind die obengenannten Kontaktpersonen.

Die STIKO zögert, eine generelle Abkehr von der oralen Poliovaccine zugunsten eines injizierbaren Impfstoffs zu empfehlen, weil eine schlechtere Akzeptanz der Impfung befürchtet wird. Schon jetzt ist die Belastung der Impflinge durch nicht weniger als 12 Impfinjektionen erheblich, wenn den Impfempfehlungen der STIKO bis zum 15. Lebensjahr gefolgt wird. Der derzeit erreichte Durchimpfungsgrad von mehr als 80 Prozent muß jedoch erhalten bleiben, um das Auftreten neuer Polio-Endemien sicher zu verhindern. Dies würde jedoch, so befürchten Experten, mit hoher Wahrscheinlichkeit problematisch, wenn eine weitere im Säuglingsalter zu injizierende Impfung hinzukäme.

Der Entwicklung eines Kombinationsimpfstoffes (etwa DTPa-Hib-IPV) kommt insofern eine wesentliche Bedeutung zu. Die Markteinführung entsprechender Impfstoffe ist in absehbarer Zeit vorgesehen. Erst dann ist zu erwarten, daß die STIKO ihre Empfehlungen auf die ausschließliche Verwendung injizierbarer Impfstoffe zum Polio-Schutz umstellt. Bis dahin darf durch die Diskussion um die Polioimpfung keine Verunsicherung des Verbrauchers und damit eine verschlechterte Akzeptanz der Schluckimpfung eintreten, da sonst gefährliche Impflücken entstehen können.

Halmut Renz, Bremen

Vielleicht doch schon früher als erwartet...

PZ. Bereits auf ihrer nächsten Sitzung im November wird die STIKO den Ersatz der Polio-Schluckimpfung durch einen zu injizierenden, inaktvierten Impfstoff beschließen. Das meldet die "Woche" in einer Pressenotiz vom 6. August. Weiter heißt es, die Zulassung von zwei neuen Kombinationsimpfstoffen in Deutschland "steht in Kürze bevor". Sie enthalten neben Standardvaccinen, etwa gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten oder Hepatitis, abgetötete Polioviren; bei der Schluckimpfung wurden abgeschwächte Erreger verabreicht.

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