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Eine Lanze für die Selbsthilfe

18.08.1997  00:00 Uhr

-Medizin

Govi-Verlag

Eine Lanze für die Selbsthilfe

"Es gibt klare psychische Einflüsse auf das Immunsystem. Unbekannt ist allerdings, wie das auf die Krankheit abfärbt", sagt Professor Dr. Uwe Gieler vom Zentrum für Psychosomatische Medizin in Gießen. Eine starke, kämpferisch eingestellte Psyche scheint den Krankheitsverlauf in positiver Weise zu modulieren. Gieler bricht deshalb auch eine Lanze für Selbsthilfegruppen: "Bei Patienten, die in Selbsthilfegruppen ihre Krankheit aufzuarbeiten versuchen, hat man bis zu doppelt so hohe Heilungsraten nachweisen können."

Die Redaktion der Apothekenkundenzeitschrift "Neue Apotheken Illustrierte" lud Mitglieder zahlreicher Selbsthilfeverbände nach Eschborn ein, um über aktuelle Erkenntnisse der Psychoneuroimmunologie zu informieren. Statistische Erhebungen gibt es nach den Worten Gielers bisher wenige. Als Beispiel nannte er eine große US-amerikanische, epidemiologische Studie, die nach dem Erdbeben in San Francisco vor einigen Jahren eine dramatisch angestiegene Herzinfarktrate nachweisen konnte. Auch Fußball-Weltmeisterschaften seien gar nicht gut fürs Herz: Es komme zu vermehrten Angina-pectoris-Anfällen.

Als Bindeglied zwischen Körper und Seele haben Wissenschaftler das Immunsystem ausgemacht. Das Zentralnervensystem kommuniziert mit dem Immunsystem über das endokrine System. Der dreigliedrige hierarchische Regelmechanismus Hypothalamus-Hypophyse-Nebennierenrinde übernimmt hier die Informationsübermittlung. Der Hypothalamus ist letztlich dafür verantwortlich, welche Hormone wann in welcher Menge ausgeschüttet werden.

Ein Blick zurück ins Pharmakologiebuch: Der Hypothalamus aktiviert durch die Ausschüttung von Releasing- oder Release-Inhibiting-Hormonen die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse, Glandula pituitaria), diese reagiert ihrerseits mit der Freisetzung von glandotropen Hormonen. Gleich einem Dominoeffekt wird dadurch beispielsweise die Bildung von Cortisol in der Nebennierenrinde angestoßen. Cortisol bewirkt in der Peripherie die Freisetzung von Zytokinen, die als Botenstoffe des Immunsystems wiederum periphere Immunantworten modulieren.

Der Hypothalamus ist für das Zusammenspiel von endokrinem System und vegetativem Nervensystem verantwortlich. In ihm liegen nämlich übergeordnete vegetative Zentren, die die Aktivität von Sympathikus und Parasympathikus der Hypophyse steuern. Wissenschaftler glauben, daß unter anderem das limbische System Impulse an den Hypothalamus sendet. Im limbischen System werden Erlebnisse bewertet und emotionale Reaktionen ausgelöst.

Manche Menschen produzieren unter Streß verzögert oder vermindert Cortisol oder Prolaktin. Das gelte unter anderem für Neurodermitiker, führte Gieler aus. Er berichtete von einer Studie an seinem Institut mit 30 Kindern. 15 Kinder hatten Neurodermitis, die andere Hälfte war gesund. Die Kinder sollten Märchen erzählen. Dann sagte man ihnen, das Märchen wäre schlecht vorgetragen, sie sollten es noch mal versuchen. Der Streß wurde weiter erhöht, indem die Kinder das Märchen ein weiteres Mal wegen angeblich mangelnder Leistung wiederholen sollten. Messungen nach der Märchenstunde ergaben, daß die Neurodermitiker in der Streßreaktion weniger Cortisol ausgeschüttet hatten als die gesunden Kinder. Dadurch ergibt sich eine veränderte Immunreaktion.

Die Immunologie spielt bei der Neurodermitis eine große Rolle, da die Haut ein Abwehrorgan ist und Immunparameter bei Entzündungen bedeutend sind. Gieler ist sich sicher, daß Streßfaktoren nur dann Einfluß haben, wenn gleichzeitig eine genetische Disposition vorliegt. Umweltfaktoren oder Streß triggern dann die Krankheit. Relativ neu sei die Erkenntnis, daß die Nervenendigungen in der Haut auf den Verlauf der Entzündung entscheidenden Einfluß haben, so Gieler. Die Nervenzellen, etwa sieben pro mm2, haben nämlich direkten Kontakt zu Mastzellen, T-Lymphozyten oder anderen immunkompetenten Zellen. Das beweisen elektronenmikroskopische Aufnahmen. Werden die Nervenendigungen gereizt, wird die Immunkaskade in Gang gesetzt.

Psoriasis und Streß


Während bei Neurodermitis das Histamin im Mittelpunkt des Entzündungsgeschehens steht, wird bei Psoriasis die Substanz P als Übeltäter angesehen. Substanz P ist ein Neuropeptid, das ebenso wie Histamin durch die Vermittlung der Nervenendigungen bei der Mastzellendegeneration ausgeschüttet wird. Experimentell sind nach den Worten Gielers verschiedene Wirkungen nachweisbar: gesteigerte Mitoserate der Lymphozyten, Wirkung auf eosinophile Granulozyten (Allergien) sowie Steigerung der metabolischen Aktivität von neutrophilen Granulozyten und Monozyten.

Ob diese Effekte in vivo tatsächlich so ablaufen, weiß man nach den Ausführungen Gielers bisher noch nicht. Fest stehe aber, daß auch bei der Psoriasis Streßfaktoren eine entscheidende Rolle spielen. So haben zwei Studien mit insgesamt über 350 Teilnehmern ergeben, daß Patienten, die um den Zusammenhang Schuppenflechte/Streß wußten, weniger Rezidive hatten als die, die dem Streß hilflos ausgesetzt waren. Die aufgeklärte Gruppe setzte sich nämlich intensiv mit ihrem Problem auseinander und versuchte, Streß zu vermeiden. Die nicht informierten Patienten waren der Meinung, sowieso nichts dagegen tun zu können.

PZ-Artikel von Elke Wolf, Eschborn
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