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Bundesausschuß: Potenzmittelnicht auf Krankenschein

03.08.1998  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

Bundesausschuß: Potenzmittel
nicht auf Krankenschein

Der Bundesausschuß Ärzte und Krankenkassen hat erstmals nach der Gesundheitsreform eine für Patienten und Leistungserbringer im Gesundheitswesen bindende Entscheidung getroffen - wenn der Bundesgesundheitsminister zustimmt: Alle Arzneimittel zur Behebung der erektilen Dysfunktion dürfen von den Krankenkassen nicht erstattet werden. Außerdem: Die Anhörungsfrist über die neuen erweiterten Arzneimittel-Richtlinien läuft bis zum 14. August. Dann werden weitere Arzneien nicht mehr auf Kosten der Krankenkassen verordnet werden dürfen.

Bisherige Angriffe gegen den Entwurf der Arzneimittel-Richtlinien, die vor allem von den Verbänden der Pharmaunternehmen geführt wurden, hat der Bundesausschuß massiv zurückgewiesen. In einer öffentlichen Erklärung betonte Ausschußvorsitzender Staatssekretär a. D. Karl Jung,nur das Wirtschaftlichkeitsgebot sei noch mehr als bisher konkretisiert worden. Eine wirtschaftliche Verordnungsanleitung aber führe automatisch zu Verordnungseinschränkungen.

Ausgeschlossen würden lediglich Arzneimittel, bei denen entsprechend dem Gebot der Wirtschaftlichkeit ein vergleichbarer Behandlungserfolg auch durch andere Maßnahmen erreicht wurde. Ebenfalls sei zu prüfen, ob die Arzneiverordnung dem Erfordernis der Wirksamkeit und Qualität entspreche.

Jung: "Solche Abwägungen waren zu treffen bei Venentherapeutika zur topischen und systemischen Anwendung, bei festen Kombinationen von Rheumamitteln und entzündungshemmenden Stoffen. Dies gilt für Rheumamittel zur äußeren Anwendung und für Mittel zur Behandlung von Sportverletzungen. Gleiche Überlegungen sind bei Antidementiva (Nootropika) zu treffen." Immerhin: Bei den letzteren muß ein erfolgsdokumentierter Therapieversuch von 12 Wochen eine weitere Behandlung begründen. Unter den Ausschluß fallen topische Antihistaminika und andere Wirkstoffe.

Das seien keine weiteren Verordnungsausschlüsse und -einschränkungen, sondern Konkretisierungen, so der Bundesausschuß Ärzte und Krankenkassen. Der Arzt erhalte lediglich ein neues und übersichtliches Instrument für seine Verordnungen.

Wegen der wahrscheinlich schon im September vorliegenden europäischen Zulassung von Viagra hat der Bundesausschuß bereits jetzt einen Beschluß gefaßt. Danach sind alle Arzneimittel zur Behandlung der erektilen Dysfunktion und Mittel, die der Anreizung und Steigerung der sexuellen Potenz dienen, nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen zu verordnen. Das gilt auch für Mittel, die bisher schon verordnet wurden. Die Wirksamkeit des Mittels Viagra wird zwar als gegeben vorausgesetzt. Aber: "Nach der Definition des Krankheitsbegriffes setzt eine den Versicherungsfall auslösende Krankheit unter anderem einen regelwidrigen Körper- und Geisteszustand voraus, der behandlungsbedürftig ist."

Bei erektiler Dysfunktion handelt es sich aber lediglich um ein Symptom, dessen vielfältige Ursachen sowohl im psychischen als auch im organischen Bereich liegen und Begleit- oder Folgeerscheinung einer Krankheit, aber auch des natürlichen Alterns sein kann. Ebenso kann sie, als Nebenwirkung von Medikamenten auftreten." Das Wirtschaftlichkeitsgebot lasse sich dabei nicht sachgerecht handhaben. Die erektile Dysfunktion werde von den Betroffenen subjektiv sehr unterschiedlich bewertet. Hier trete der private Lebensbereich prägend in den Vordergrund.

PZ-Artikel von Rainer Vollmer, Bonn
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