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Reisemedizinische Auffrischung

03.08.1998
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-Medizin

Govi-Verlag

Reisemedizinische Auffrischung

Das Reisefieber ist ungebrochen. Leider gilt das auch im wörtlichen Sinne. Reisekrankheiten werden nicht weniger, die Beratung darf nicht vernachlässigt werden. Das Forum Reisemedizin* lud zu einer Fortbildungsveranstaltung unter der Leitung von Dr. Bernward Fröhlingsdorf, Bremen, und Dr. Hans-Dieter Nothdurft, München, nach Bremen ein.

Durchfall bleibt die Erkrankung unter der Fernreisende am häufigsten leiden. Wichtig ist die Prophylaxe: Eiswürfel, Leitungswasser, ungekochtes Obst und Gemüse sind zu meiden. Patienten, die Protonenpumpenhemmer einnehmen, sind stärker gefährdet. Von Antibiotika zur Prophylaxe wird ebenso abgeraten wie von Wismut-Präparaten. Einige Autoren beschreiben einen protektiven Effekt von Hefezubereitungen (Saccharomyces cervisiae); der klinische Nutzen ist aber noch nicht gesichert.

Eine Diarrhoe klingt nach zwei bis fünf Tagen meist von alleine ab. Im Falle einer Therapie sind Elektrolyt- und Flüssigkeitsersatz die wichtigsten Maßnahmen. Ein Glucose-Zusatz verbessert die Resorption. Gibt es keine Medikamente vor Ort, können Cola und Salzstangen hilfreich sein.

Steigt das Fieber über 38,5°C oder ist der Durchfall blutig, muß unbedingt eine qualifizierte Diagnostik erfolgen, damit erregerspezifisch therapiert werden kann. Bei Shigellen sind Antibiotika wie Gyrasehemmer indiziert. Loperamid ist kontraindiziert. Bei einer Protozoen-Infektion sollte Metronidazol gegeben werden, ein Amoebenabszeß muß allerdings ausgeschlossen werden. Fieberhafter Durchfall kann auch Anzeichen für eine Malaria-Infektion sein.

Apotheker sollten Tropenreisenden, die sich weit entfernt von medizinischen Einrichtungen aufhalten, zur Selbstbehandlung bei hochfieberhafter Diarrhoe einen Gyrasehemmer als Einmalgabe (z.B.500 mg Ofloxacin) empfehlen.

FSME-Prophylaxe

Die wichtigsten FSME-Endemiegebiete liegen in Österreich, Rußland, den baltischen Staaten sowie in Deutschland südlich der Mainlinie. Personen, die in diese Regionen reisen, ist eine aktive Immunisierung mit Totimpfstoff zu empfehlen. Zu beachten ist jedoch, daß der FSME-Impfstoff von Chiron-Behring (Encepur®) für Allergiker mit einer Überempfindlichkeit gegen Gelatine und Hühnereiweiß kontraindiziert ist. Der Kinderimpfstoff wurde vom Markt genommen. Das Präparat der Firma Immuno (FSME-Immun®) ist auch für Kindern geeignet. Für die postexpositionelle Prophylaxe steht als Passivimpfstoff ein spezifisches Immunglobulin zur Verfügung, das aber mit einem Nebenwirkungsrisiko belastet ist. Dr. Jochen Süss, Berlin, berichtete, daß einige Experten deshalb generell die Aktivimpfung gegen FSME empfehlen.

Im Erkrankungsfall gibt es keine spezifische Therapie gegen die FSME-Viren. In Osteuropa infizierten sich in den letzten Jahren mehrere Personen an pasteurisierter Ziegenmilch. Auch andere Säugetierarten bilden ein Erregerreservoir für FSME-Viren ohne selbst zu erkranken.

Hepatitis

Von den zirka 50.000 Hepatitis-B-Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland werden rund 15 Prozent auf Reisen erworben. Gefährdet sind Fernreisende, die in engem Kontakt zur einheimischen Bevölkerung stehen, und Personen, die sich auf Fernreisen einer medizinischen Behandlung - etwa beim Zahnarzt - unterziehen müssen. Das Hepatitis-B-Virus wird parenteral durch Blut, Sperma und Vaginalsekret übertragen.

Nachdem die ständige Impfkommission (STIKO) die Impfung gegen Hepatitis B auf WHO-Empfehlung im Jahre 1995 in den Impfplan aufgenommen hat, werden die Impfkosten für Kinder und Jugendliche von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Erwachsene zahlen ihre Reiseimpfung selbst.

Noch häufiger erkranken Fernreisende an Hepatitis A. Im Gegensatz zur Hepatitis B erfolgt ihre Übertragung fäkal-oral. Chronische Verläufe mit Übergang in Leberzirrhose und Leberzellkarzinom sind nicht bekannt. Twinrix® (SmithKline Beecham) ist ein Kombinationsimpfstoff gegen Hepatitis A und B. Die Grundimmunisierung umfaßt drei Injektionen, wobei die zweite Impfung einen Monat und die dritte Impfung sechs Monate nach der ersten erfolgen sollten. Unter dem Zeitdruck der Last-minute-Buchungen etabliert sich ein Impfschema, bei dem die zweite Impfung schon eine Woche und die dritte Impfung drei Wochen nach der ersten Injektion gegeben wird. Experten beurteilen diese Schnellimmunisierung als suboptimal aber immer noch sinnvoll. Wichtig ist es, auch den normalen Impfschutz, zum Beispiel gegen Diphterie, Polio oder Tetanus, vor jeder Reise zu überprüfen.

Schnelle Diagnose ist bei Malaria wichtig

Rund eintausend Malariafälle werden in Deutschland pro Jahr gemeldet. Zu 70 Prozent wird Malaria tropica diagnostiziert, deren Letalität bei 3,5 Prozent liegt. Hauptimportländer sind Kenia, Ghana, Nigeria und Kamerun. Todesfälle sind durch rechtzeitige Therapie vermeidbar. Die Diagnose erfolgt durch mikroskopischen Erregernachweis im Blut. Neuerdings sind auch serologische Schnelltests im Handel, die aber für Laien nicht geeignet sind und außerdem eine Infektion nicht mit Sicherheit ausschließen. Mit einem Malaria-Impfstoff könne auch in den nächsten fünf Jahren nicht gerechnet werden, sagte Nothdurft. Nach wie vor können sich Reisende nur durch Chemo- und Expositionsprophylaxe schützen (Kleidung, Moskitonetz, Repellents et cetera). Die Zunahme resistenter Stämme von Plasmodium falciparum (Malaria tropica) erschwert Prophylaxe und Therapie. Je nach regionaler Resistenzsituation empfiehlt die WHO verschiedene prophylaktische und Stand-by-Therapien.

Mefloquin sollte bereits zwei bis drei Wochen vor Beginn der Reise eingenommen werden. Treten Nebenwirkungen auf, bleibt dann noch Zeit um auf andere Prophylaktika auszuweichen. Die Dauer der Einnahme ist nicht mehr beschränkt. Treten malariaverdächtige Symptome auf, ist eine Stand-by-Therapie indiziert, insbesondere bei kurzem Aufenthalt im Malaria-Gebiet oder bei individueller Empfindlichkeit gegen die Prophylaktika. Bei Mefloquin-Prophylaxe (Zone C) kann, wenn es doch zur Infektion kommt, gegebenenfalls mit Atovaquon und Proguanil therapiert werden.

*) Folgende Verbände sind am Forum Reisemedizin beteiligt:
Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin, Deutsche Gesellschaft für Infektiologie, Berufsverband Deutscher Internisten, Berufsverband der Allgemeinärzte, Berufsverband der Ärzte für Kinderheilkunde und Jugendmedizin

PZ-Artikel von Halmut Renz, Bremen
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