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Depressionen bleiben häufig unerkannt

04.08.1997
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-Medizin

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Depressionen bleiben häufig unerkannt

Rund 10 Prozent der Bundesbürger sind depressiv. Das Lebenszeitrisiko für eine Depression beträgt circa 20 Prozent. Nur ungefähr die Hälfte dieser Störungen wird erkannt. Grund genug für das Komitee für Prophylaxe und Therapie der Depression (PTD), eine stärkere Fortbildung von Allgemeinmedizinern zum Thema Depression zu fordern.

Denn Allgemeinmediziner sind in den meisten Fällen die einzigen Ärzte, die ein depressiver Patient mit seinen nicht immer eindeutigen Symptomen aufsucht. Aus Anlaß seines 20jährigen Bestehens veranstaltete das PTD-Komitee eine Fortbildungstagung in Berlin.

Epidemiologische Studien, so der Vorsitzende des deutschen PTD-Komitees, Professor Dr. Hanfried Helmchen, weisen nach, daß 50 bis 75 Prozent aller Depressionen nicht behandelt werden, weil niemand sie erkennt. Um dem zu begegnen, haben der Weltverband für Psychiatrie (WPA) und das Internationale PTD-Komitee ein videogestütztes Depressions-Ausbildungsprogramm entwickelt, das Professor Dr. Juan José Lopez-Ibor, Generalsekretär des WPA, in Berlin vorstellte. Inhalte sind neben der Epidemiologie, der Pathogenese und den Symptomen vor allem Hinweise zur Diagnose und Behandlung der Depression.

Erfolge eines ähnlichen Trainingsprogramms zeigte eine Studie, die das schwedische PTD-Komitee in den 80er Jahren auf der Insel Gotland durchgeführt hatte. Alle Allgemeinärzte der Insel waren in der Diagnose und Therapie der Depression geschult worden. Im darauffolgenden Jahr war die Suizidhäufigkeit um mehr als die Hälfte zurückgegenangen. Gleichzeitig hatten Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken ab und die Verschreibungen von Antidepressiva zugenommen.

Comorbidität und Suizid


Die Depression ist eine Erkrankung, die in vielen Fällen mit anderen Krankheiten gleichzeitig auftritt. Dazu gehören neben Herzerkrankungen, Rheuma und Infektionen auch Angsterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen. Das erschwert die Diagnose. Außerdem erhöht sich das Suizidrisiko.

In Deutschland sterben mehr Menschen durch Suizid als im Straßenverkehr, sagte Dr. Bernd Ahrens, Oberarzt der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin. Mindestens 40 Prozent der Selbstmörder seien depressiv. Mehr als 20 Prozent der depressiven Patienten hätten einen Suizidversuch hinter sich. Häufig, so Ahrens, sei die Suizidneigung ein Problem der Unterdosierung von Antidepressiva. Besonders trizyklische Antidepressiva würden in vielen Fällen zu niedrig dosiert. Bei der medikamentösen Therapie sei auch zu beachten, daß man dem suizidgefährdeten Patienten nicht ein Mittel zum Suizid an die Hand gebe. Die Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sei daher bei Hochrisikopatienten vorzuziehen. Trizyklische Antidepressiva wirkten wesentlich stärker toxisch.

Pharmakotherapie

Trotzdem sollte man bei erhöhtem Suizidrisiko zusätzlich zu SSRI auch einen Tranquilizer verschreiben, erklärte Professor Dr. Hans-Jürgen Möller, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Universität München. Bei der Auswahl des geeigneten Medikamentes seien neben der Berücksichtigung des Suizidrisikos besonders Nebenwirkungen und Kontraindikationen zu beachten. Vorteil der SSRI seien die im Vergleich zu trizyklischen Antidepressiva geringeren Nebenwirkungen, so Möller. Als Nachteile nannte er neben dem höheren Preis ihre Interaktionen mit Cytochrom P450 und dem daraus resultierenden verlangsamten Abbau von Arzneimitteln, die über P450-Enzyme abgebaut werden. Eine kritiklose Empfehlung von SSRI sei gerade bei älteren Menschen, die in der Regel verschiedene Präparate einnehmen, gefährlich, bestätigte auch Bernd Geiselmann, Oberarzt der Abteilung für Gerontopsychiatrie des Berliner Max-Bürger-Zentrums.

Unabhängig davon, mit welchem Antidepressivum behandelt werde, müsse man besonders beachten, daß die Therapie auch nach der Stabilisierungsphase fortgesetzt werden müsse, um Rezidiven vorzubeugen, sagte Möller.

Interpersonelle Therapie

Aber nicht nur der Pharmakotherapie kommt bei der Behandlung von Depressionen eine große Bedeutung zu, auch die Psychotherapie ist in vielen Fällen sowohl als Alternative zur Medikamentengabe als auch als begleitende Therapie effizient, erklärte Professor Dr. Matthias Berger, Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychosomatik der Universität Freiburg. Besonders bei leichten und mittelschweren Depressionen sei eine alleinige Psychotherapie möglich. Berger favorisierte die Interpersonelle Therapie (IPT), die speziell zur Behandlung der Depression entwickelt wurde. Die Depression wird dabei als eigenständiges Krankheitsbild betrachtet und nicht nur als Befindlichkeitsstörung abgetan. Der Schwerpunkt der Behandlung liegt auf den depressionsrelevanten Symptomen. Bei einer leichten Depression sei aber jede Art der Zuwendung hilfreich, so Berger.

PZ-Artikel von Monika Noll, Berlin
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