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"Die Apotheker haben sichanden Service gewöhnt"

28.07.1997
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-Politik

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"Die Apotheker haben sichan
den Service gewöhnt"

Ein dreijähriges Kind hat seit fünf Wochen Fieber und Erbrechen. Die Leberwerte sind erhöht. Eine Woche bevor die Symptome einsetzten, hatte es die zweite Hepatitis-B-Impfung erhalten. Kann es sich um eine Impfreaktion handeln? Sollte man die dritte Impfung verabreichen? Mit solchen oder ähnlichen Fragen wird die regionale Arzneimittel-Informationsstelle der Apotheke am Brüderkrankenhaus St. Josef täglich konfrontiert.

Hier läuft seit dem 1. Januar dieses Jahres ein zunächst auf zwölf Monate befristeter Modellversuch der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. Kammermitglieder können Auskünfte zu Arzneimitteln einholen. Die Einrichtung in Paderborn unter der Leitung von Ulrike Teerling ist für rund 1550 Apotheken aus den Regierungsbezirken Arnsberg und Detmold zuständig. Eine weitere regionale Arzneimittel-Informationsstelle hat die Apothekerkammer Westfalen-Lippe in der Apotheke des Prosper-Hospitals in Recklinghausen eingerichtet.

Apothekerin Ulrike Teerling beginnt mit der Recherche. Sie startet den Computer und die Medline-CD-ROM und gibt ihre Suchbegriffe ein: Hepatitis-B-Impfstoffe, Nebenwirkungen und Toxizität, natürlich alles auf Englisch. Das Ergebnis: 121 Literaturstellen. Teerling muß also stärker eingrenzen, um die spezielle Frage zu beantworten. Sie gibt die Suchbegriffe Lebererkrankungen und Ätiologie ein. Kombiniert mit den vorherigen Stichwörtern ergeben sich daraus drei Literaturstellen, unter anderem ein Brief im Lancet von 1995. Dort wird von einem Fall berichtet, bei dem nach einer Impfung eine akute Hepatitis-B-Infektion auftrat. Sofort läßt Teerling den Artikel kopieren - der Lancet gehört zur Standardliteratur der Krankenhausapotheke. Beim Lesen stellt sich allerdings heraus, daß der Patient, um den es sich handelte, nicht zum Antikörpertest erschienen war, so daß es sich eventuell auch um einen Non-Responder handeln könnte. Auch die anderen gefundenen Artikel weisen auf diesen Einzelfall hin. Also forscht Teerling weiter.

Zugang zu Datenbanken

Zur Ausstattung der Arzneimittel-Informationsstelle gehört nicht nur die Medline-CD-ROM und ein Archiv wichtiger deutscher und internationaler Fachzeitschriften wie Lancet, New England Journal of Medicine und JAMA. Die Apotheker haben über das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) in Köln auch Zugang zu Online-Datenbanken wie der Literaturdatenbank Embase. Drugdex von Micromedex dagegen, das in der Paderborner Arzneimittel-Informationsstelle als CD-ROM vorliegt, ist eine Faktendatenbank. Außerdem nutzt die Arzneimittel-Informationsstelle eine eigene Dokumentation, in der indikationsbezogen und arzneimittelspezifisch Publikationen abgelegt sind. Zur Ausstattung gehört auch die ABDA-Datenbank. Besonders bei Fragen zu Warnhinweisen oder Rückrufen arbeitet das Paderborner Team mit der Arzneimittel-Informationsstelle der ABDA in Eschborn zusammen.

Um weitere Informationen in dem Fall des geimpften Kindes zu erhalten, ruft Teerling nun beim Hersteller des Impfstoffes an. Auch dort sind die in der Anfrage beschriebenen Symptome als Nebenwirkungen einer Hepatitis-B-Impfung nicht bekannt - das gleiche Ergebnis liefert eine Anfrage beim Robert-Koch-Institut (RKI). Der Hepatitis-B-Fall ist nun abgeschlossen. Die Recherche hat keinen Zusammenhang zwischen der Impfung und erhöhten Leberwerten ergeben. So lautet die Empfehlung: "Man sollte bei dem dreijährigen Kind zunächst überprüfen, ob es sich bei der Erkrankung um eine Hepatitis- oder andere Virusinfektion handelt. Die erhöhten Leberwerte und auch die anderen Symptome stehen wahrscheinlich nicht in Zusammenhang mit der Impfung. Wenn die Leberwerte wieder normal sind, sollte man die dritte Impfung verabreichen, um eine Langzeitimmunisierung gegen Hepatitis B sicherzustellen. Das Vorgehen liegt aber natürlich im Ermessen des Arztes."

Meist eindeutiges Ergebnis

Insgesamt rund 170 Anfragen gingen im ersten Halbjahr dieses Jahres in Paderborn ein. Die Anfragen erreichen die Krankenhausapotheke auf einem speziellen Anfragebogen, den die Apothekerkammer im Vorfeld des Modellversuchs an ihre Mitglieder verschickt hat. Beispielsweise beantworten Teerling und ihr Team Fragen wie "Kann die Inhalation von ß-Mimetika die Entstehung von Karies begünstigen?" oder "Wird für Kinder unter zwölf Jahren ein spezieller FSME-Impfstoff benötigt?" In den meisten Fällen ergeben die Nachforschungen ein eindeutiges Ergebnis.

Die regionale Arzneimittel-Informationsstelle geht auf eine gemeinsame Idee des Leiters der Paderborner Krankenhausapotheke Burkhard Backhaus und des ABDA-Präsidenten Hans-Günter Friese zurück, nachdem im Bezirk Nordrhein eine Arzneimittel-Informationsstelle unter der Leitung von Ärzten entstanden war. Friese und Backhaus beschlossen, in Westfalen-Lippe solche Einrichtungen unter der Leitung von Apothekern ins Leben zu rufen, um Offizinen in ihrer qualifizierten Beratung zu Arzneimittel zu unterstützen. Die Mitgliederversammlung der Apothekerkammer stimmte der Einrichtung des Serviceangebotes zu und legte für 1997 ein Budget von 50.000 DM pro Arzneimittel-Informationsstelle fest. Für die Bearbeitung der Anfragen wird keine Gebühr erhoben.

In Paderborn nutzte die Kammer vorhandenes Know-how. Seit sechs Jahren gibt es in der Krankenhausapotheke eine Abteilung für Arzneimittelinformation, die den Ärzten der 14 versorgten Häuser bei Fragen zur Arzneimitteltherapie zur Seite steht. Die Leiterin der Arzneimittel-Informationsstelle, Ulrike Teerling, hat im Mai dieses Jahres ihre Weiterbildung zur Fachapothekerin für Arzneimittelinformation abgeschlossen. Die Weiterbildung beinhaltet auch eine Ausbildung im Bereich Datenbankrecherche und im Aufbau und in der Pflege von Archiven. Außerdem sieht sie eine Erweiterung der Kenntnisse auf den praxisbezogenen Gebieten der Pharmazie wie klinischer Pharmakologie, Pharmakodynamik und Arzneimittelsicherheit vor.

Durchschnittlich 40 Minuten pro Anfrage

In den meisten Fällen spricht die Arzneimittel-Informationsstelle eine Empfehlung aus, wie man in dem konkreten Fall vorgehen sollte. Die Empfehlungen werden zum Beispiel mit Originalarbeiten oder Ausdrucken aus Faktendatenbanken belegt. Wenn es sich um Vergleiche von Arzneimitteln handelt, gibt die Stelle allerdings keine Empfehlungen ab, sondern läßt der anfragenden Apotheke nur das gefundene Material zukommen, um Auseinandersetzungen mit Pharmafirmen zu vermeiden. Die durchschnittliche Bearbeitungsdauer pro Anfrage liegt bei rund 40 Minuten.

Ob und wie die Arzneimittel-Informationsstelle nach Ablauf des Modellversuchs Ende 1997 weitergeführt wird, ist noch unklar. "Man kann diesen Dienst jetzt nicht mehr einstellen", meint Ulrike Teerling dazu. "Die Apotheker haben sich an den Service gewöhnt und werden uns einfach weiterhin ihre Anfragen schicken."

PZ-Artikel von Monika Noll, Paderborn
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