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Riesen-Finanzspritze für englischen NHS

20.07.1998  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

Riesen-Finanzspritze für englischen NHS

Der staatliche britische Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) erhält für die kommenden drei Jahre einen Sonderetat von umgerechnet rund 63 Milliarden DM. Der von Schatzkanzler Gordon Brown jetzt angekündigte Sonderetat ist wegen seines Umfanges einzigartig in der 50jährigen NHS-Geschichte. Verbandssprecher aller Gesundheitsberufe bezeichneten das zusätzliche Geld als warmen Regen, der dringend benötigt werde.

Eine Auswirkung für die britische Apothekerschaft: Orale Kontrazeptiva werden auch weiterhin vom NHS erstattet. Ursprünglich plante Gesundheitsminister Frank Dobson für diesen Herbst den Ausschluß diverser oraler Kontrazeptiva von der Erstattungsfähigkeit.

Die pharmazeutischen Hersteller im Königreich lobten die Entscheidung. Sprecher der großen Apothekerverbände äußerten sich ebenfalls positiv. "Jedes Pfund, daß zusätzlich für die Gesundheitsversorgung ausgegeben wird, ist willkommen", so eine Sprecherin der Royal Pharmaceutical Society (RPS) zur PZ in London.

Der Anstieg der Rezeptgebühren wird nach Angaben des Gesundheitsministeriums in den kommenden drei Jahren nicht höher als die jeweilige Inflationsrate ausfallen. Dies dürfte nach Meinung der RPS dazu führen, daß Patienten öfter zu verschreibungspflichtigen Medikamenten und seltener zu OTC-Präparaten greifen. Für Dutzende von verschreibungspflichtigen Präparaten gibt es in Großbritannien heute bereits verschreibungsfreie Alternativen. Der Gesetzgeber fördert seit Jahren stärker als zum Beispiel der deutsche Gesetzgeber das Switching ethischer Medikamente auf OTC-Statuts.

Britische Apotheker verdienen laut RPS mehr an OTC-Medikamenten als am Beliefern von NHS-Rezepten. Insofern dürfte sich das Einfrieren der Rezeptgebühr eher nachteilig auf die wirtschaftliche Lage der Apotheken im Königreich auswirken. Trotzdem begrüßt die Apothekerschaft den Sonderetat. "Wir sind kein egoistischer Berufsstand."

Die zwischen 1979 und 1997 regierenden Konservativen unter Margaret Thatcher und John Major hatten den rund eine Million Menschen beschäftigenden NHS finanziell stets am kurzen Zügel gehalten. Dementsprechend veraltet sind die staatlichen Arztpraxen und Krankenhäuser. Experten schätzen den Investitionsbedarf auf mehrere hundert Milliarden Mark.

Neben Krankenhäusern sollen tausende Primärarztpraxen zwischen London und Liverpool modernisiert und medizintechnisch ins 20. Jahrhundert gebracht werden, versprach Brown. Allein der Anschluß ans Internet wird laut RPS auch den Apothekern nutzen, da die Kommunikation zwischen verschreibendem Arzt und Apotheker verbessert werde. Ursprünglich geplante Erweiterungen der Selbstbeteiligung der Patienten sind laut Brown auf Eis gelegt. Auch die für den Herbst angekündigte Ausweitung der Negativliste (Selected List Scheme, SLS) wird vernachlässigt.

PZ-Artikel von Arndt Striegler, LondonTop

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