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Enzyminhibitor stoppt Glucosebildung

20.07.1998  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Enzyminhibitor stoppt Glucosebildung

Am 31. Oktober 1923 berichtete die Pharmazeutische Zeitung über die Einführung des ersten Insulin-Präparates in Deutschland. 75 Jahre später befindet sich das erste gentechnisch hergestellte Insulinanalogon mit der Bezeichnung HOE 901 in der klinischen Prüfung. Die neue Zubereitung sei ein aussichtsreicher Kandidat für ein 24 Stunden wirksames Basalinsulin, hieß es auf einer Pressekonferenz anläßlich des Insulin-Jubiläums in Frankfurt.

Inzwischen können mit Hilfe der Gentechnologie modifizierte Insuline auf einfachem Weg hergestellt werden. In diesem Forschungssegment arbeite man bei Hoechst Marion Roussel (HMR) speziell an länger wirksamen Insulinen, berichtete Dr. Lutz Hellwig, Produktmanager Diabetes bei HMR. Das biosynthetisch hergestellte HOE 901 weist drei Unterschiede gegenüber Humaninsulin auf: In der A-Kette ersetzt Asparagin an Position 21 das Glycin und die B-Kette ist durch zwei Arginin-Reste verlängert.

Die neue Insulin-Zubereitung liegt bei pH 4 als klare Lösung vor. Weil keine Verzögerungsbestandteile zugesetzt sind, muß der Diabetiker das Präparat vor der Applikation nicht schütteln, so Hellwig. Nach Injektion ins Gewebe bilde HOE 901 aufgrund der pH-Verschiebung eine Kristallstruktur. Diese Kristalle lösten sich dann langsam auf. "Die gleichmäßige, flache Wirkung hält bei einmaliger Gabe 24 Stunden an und es treten keine Überlappungsphänomene auf", sagte Hellwig. Außerdem gebe es Anzeichen für weniger Hypoglykämien, vor allem in der Nacht. Mit der Markteinführung von HOE 901 rechnet HMR im Jahr 2000.

Nach Meinung von Professor Dr. Rüdiger Landgraf vom Diabetes-Zentrum der Universität München verhindern mangelnde Ausbildung und Training des Therapeuten sowie fehlerhafte oder nicht durchgeführte Schulung der Patienten eine optimale Insulinbehandlung. Das gelte insbesondere für das Gros der insulinbedürftigen Typ-2-Diabtiker. "Das beste Insulin kann nicht optimal wirken, wenn Arzt und Patient nicht geschult sind." Die Diabetiker müßten neben einer peniblen Selbstkontrolle ständig ihre Blutzuckerwerte messen. Schließlich seien die defekten ß-Zellen nicht nur Insulinproduktions- und Sekretionsort, sondern auch der Traubenzuckermeßfühler. Seiner Meinung nach werden kontinuierliche Blutglucosemeßsysteme die Insulintherapie revolutionieren. Sie stellten das entscheidende Element bei der Verwirklichung künstlicher ß-Zellen dar.

Die Stoffwechselforschung soll bei HMR auch in Zukunft vorangetrieben werden. Neben der Entwicklung von gentechnisch hergestellten Insulinen versuche man die periphere Insulinresistenz in Muskel- und Fettzellen zu überwinden, sagte Professor Dr. Werner Kramer, Leiter der Abteilung Stoffwechselforschung. Phosphoinositoglykan-Moleküle seien als Mediatoren der Insulinwirkung isoliert und ihre Struktur aufgeklärt worden. Diese Verbindungen wirkten im Gegensatz zu Insulin auch an resistenten Zellen insulinmimetisch.

Neuer Enzyminhibitor

Beim Typ-2-Diabetes ist die Glucoseproduktion in der Leber pathologisch erhöht. Das Enzym Glucose-6-phosphatase katalysiert die Bildung von Glucose aus Glucose-6-phosphat. Der phoshorylierte Zucker entsteht aus Glycogen oder per Gluconeogenese. HMR-Forscher isolierten die Phospathase und klärten ihre Struktur auf. Neben unspezifischen Komponenten enthalte das Enzym auch einen hochspezifischen Glucose-6-phosphat-Transporter, so Kramer. Inzwischen habe man eine Verbindung synthetisiert, die sehr effektiv das Glucose-6-phosphatase-System hemme. Im Tierversuch an Ratten hätten die Forscher die Wirksamkeit bewiesen. Nur die Wirkdauer müsse noch verbessert werden.

PZ-Artikel von Ulrich Brunner, FrankfurtTop

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