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Meßlatte ganz oben

20.07.1998  00:00 Uhr

-Editorial

Govi-Verlag

Meßlatte ganz oben

von Thomas Bellartz
Chef vom Dienst

Gleich nach der Fußball-WM ist Frankreich zum Mekka des Radsports avanciert. Ungewöhnlich nur, daß die Frankfurter Allgemeine Zeitung statt von der Tour de France oder der Tour der Leiden zunächst von "Krummen Touren" berichtet. Und dies gleich neben dem Leitartikel auf Seite eins.

Die Tour de France sei "wie eine Apotheke auf Rädern ins Rollen gekommen" heißt es da. In der "Tour-Apotheke" sei alles zu haben: Amphetamine als Aufputschmittel, Anabolika als Kraftmacher, Erythropoietin zur Steigerung der Ausdauer.

Der Apotheker aus deutschen Landen nimmt dies zur Kenntnis und schüttelt den Kopf ob solch unverantwortlichen Umganges mit Arzneistoffen und Arzneimitteln. Der Teamchef der - neben der deutschen Telekom-Truppe - favorisierten Mannschaft sitzt ebenso in Untersuchungshaft wie der Mannschaftsarzt. Der Masseur des französischen Teams hatte 400 Ampullen mit Arzneimitteln über die belgisch-französische Grenze schaffen wollen - und war dabei dem Zoll in die Hände gegangen. Bescheid gewußt hatten übrigens alle: Teamchef, Mannschaftsarzt und die Fahrer selbst!

Unter den Ampullen waren allein 150 mit Erythropoietin gefüllte Fläschchen. Mit dieser Menge hätte man, bestätigte auch der Arzt des deutschen Teams, eine ganze Woche lang 50 Dialysepatienten auf hohem Niveau versorgen können. Solche Mengen werden ohnehin nur von Dialysestationen eingekauft! "Besorgt" wurden die leistungssteigernden Mittelchen durch einen belgischen Apotheker. Besorgt war der freilich nicht...

Überall im Sport wird gedopt. Dies gelte für 99 Prozent aller Radsportprofis, wird da behauptet. Ein Schweizer Radprofi soll nach der unkontrollierten Einnahme von Perfluorcarbon unlängst nur knapp dem Tod entronnen sein. Erfolg ist käuflich, für Sponsoren und die Medien sogar meßbar und damit das Maß der Dinge. Der Preis spielt in jeglicher Beziehung keine Rolle mehr. Auch wenn der Preis, den der Athlet zahlen muß, doch unbezahlbar sein sollte: Die Gesundheit bleibt auf der Strecke, und mit ihr auch der Athlet - nach dem Erfolg. Während wir die Siege und Rekorde eines triumphierenden Radrennfahrers, unserer Leichtathleten, Boxer oder auch Fußballer und Rennfahrer bejubeln, fragen wir uns, welche Präparate ihnen möglicherweise zugeführt sein mögen, um Topleistungen überhaupt erst möglich zu machen.

In einer Leistungsgesellschaft werden Gesetze außer Kraft gesetzt. Moral, Ethik, Fairneß und Gesundheit sind nicht mehr als schmückendes Beiwerk. Der Leistungsdruck und seine Folgen sind vielfältig. Wieviele Eltern "dopen" ihre Kinder zu besseren Noten? Wieviele Karrieristen schwören auf Aufputschmittel jenseits von Kaffee und Tabak?

Schlimm ist, daß es helfende Hände zuhauf gibt; personifizierte Gewissenlosigkeit im Umgang mit Medizin und Pharmazie. Hier zeigt sich, wie wichtig nicht nur Kontrollen sind, sondern wie sehr auch die fundamentale Ausbildung zum Beispiel der deutschen Apotheker gebraucht wird. Die Meßlatte muß in einem grenzenlosen Europa in Medizin und Pharmazie ganz oben liegen. Dort, wo Grenzen verwischt werden, sind gerade in einer leistungsorientierten Gesellschaft klare Aussagen gefordert. Klare Aussagen für einen hohen Standard in Europa, einen Standard, wie ihn die deutschen Offizinen bieten. Eine klare Aussage aber auch zu den vermeintlichen Idolen, die - unter Zuhilfenahme welcher Mittel auch immer - nicht nur sich, sondern auch einer Gesellschaft schaden, der sie als Vorbilder dienen sollten. Top

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