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Dr. Grandel GmbH: Ein Saatkorn, das aufgeht Firmenportrait

21.07.1997
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-Wirtschaft & Handel

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Dr. Grandel GmbH: Ein Saatkorn, das aufgeht
Firmenportrait

  Für das, was die Mühle produzierte und womit sie Bäckereien und Brotfabriken belieferte, für das schöne weiße Feinmehl, interessierte sich der Dr. Grandel überhaupt nicht. Statt dessen experimentierte er mit den Abfällen, die die Mühle als Viehfutter verkaufte.

"Was wollen Sie mit den Keimen?" fragte der Obermüller. "Die schmecken bitter und werden schnell ranzig. Keime sind allenfalls für Viecher gut." "Denen geht es gut dabei und den Menschen immer schlechter", entgegnete Grandel. Das war im Jahr 1936. Ihm war damals schon klar, daß das Wertvollste am Weizenkorn der ölhaltige Keim ist. Nur wurde der zusammen mit den Randschichten in der modernen Hochmüllerei entfernt.

So beschreibt ein altes Merian-Heft über Augsburg die Weitsicht und den Scharfsinn des Firmengründers der heutigen Dr. Grandel GmbH. Mittlerweile schaut das Unternehmen auf 50 Jahre Firmengeschichte zurück, und aus dem einstigen Familienbetrieb ist ein mittelständisches Unternehmen mit 230 Beschäftigten in mehr als 40 Ländern geworden. Der beste Beweis also, daß es sich lohnt, an seiner Vision gepaart mit wissenschaftlichen Erkenntnissen festzuhalten und diese konsequent durchzuziehen. Die Geschäftsführung liegt heute in den Händen des Sohnes, Michael Grandel.

Scharfsinn und Weitblick

Dr. Felix Grandel, Chemiker und Diplomlandwirt, war seiner Zeit voraus: In den 30er Jahren hat noch kein Mensch von "Denaturierung" gesprochen. Diesen Begriff hat der Zeitgeist erst Jahre später nach oben gespült. Grandel war aber bereits überzeugt, daß sich der Mensch durch den Aufschluß von Nahrungsmitteln, also der Denaturierung, ernährungs-physiologisch keinen Gefallen tut. Er wußte, daß im Getreidekeim auf engstem Raum alle für die werdende Pflanze nötigen Nährstoffe enthalten sind: fett- und wasserlösliche Vitamine, Fermente, Pflanzenhormone, Mineralsalze und Spurenelemente. Kein Grund, die Keime ins Tierfutter wandern zu lassen. Vielmehr müssen sie für die menschliche Ernährung erschlossen werden.

In der Pfladermühle in Augsburg, die Grandel 1935 von seiner Mutter erbte, konnte er seiner Experimentierfreude nachgehen. Er entwickelte ein spezielles Fermentierungsverfahren, um den Weizenkeim zu entbittern und für eine gewisse Zeit haltbar zu machen, ohne seinen biologischen Wert zu mindern. Außer den Vitaminen der B-Gruppe ist der Keim randvoll mit Vitamin E. Auch die zellstoffreichen Randschichten des Weizenkorns, die bei der Hochmüllerei fortfallen, rettete Grandel: Weizenkleie liefert Ballaststoffe. Unter der Marke Keimdiät belieferte Grandel ab 1939 Reformhäuser mit Aufbaumitteln.

In den Kriegsjahren mußte Grandel seine Arbeit als Jungunternehmer unterbrechen und konzentrierte sich auf seine Tätigkeit bei einem Forschungsinstitut in Emmerich. Dort leitete er ein Großlabor für Fettchemie und erforschte essentielle Fettsäuren und den Fettstoffwechsel der Haut. Nach dem Krieg wagte er einen Neubeginn und gründete 1947 die Keimdiät GmbH, die er beim Registergericht in Augsburg anmeldete.

Schweinebraten statt Vitamine und Ballaststoffe

Die ersten Jahre gestalteten sich äußerst zäh. Schließlich träumte man in den 50er Jahren lieber von Schweinebraten und Eisbein; mit Ballast- und Vitalstoffen konnte man niemanden so recht locken. Der Aufschwung kam erst nach Abebben der Freßwelle Mitte der 50er Jahre. Der Durchbruch gelang dem Augsburger Unternehmen mit dem Herz-Kreislauf-Tonikum Granoton, einer Emulsion mit Vitamin E und Weizenkeimvollextrakt zur Steigerung der Leistungsfähigkeit. Außerdem im Programm: das Naturheilmittel Phytogran, ein pflanzliches Beruhigungsmittel, oder das Vitalstoffpräparat Molat mit Lecithin, Vitamin B1 und E. Eine Kosmetik-Linie mit Weizenkeimextrakten (Epigran) gesellt sich zum Sortiment.

Um den Absatz der Dr. Grandel-Produkte auf eine breitere Basis zu stellen, kümmerten sich schon bald Tochtergesellschaften um den Vertrieb der Produkte über Apotheken und Kosmetikinstitute. Die Keimdiät wurde über die neuform-Reformhäuser an den Kunden gebracht.

Wachablösung 1977: Der 72jährige Felix Grandel verstirbt völlig überraschend. Sein 23 Jahre alter Sohn Michael hat sein Studium jedoch noch nicht beendet, so daß zunächst Wegbegleiter des Vaters die Geschicke der Firma weiterlenken. 1985 wird der Diplom-Ökonom Michael Grandel zum alleinigen Geschäftsführer benannt. Neuer Kopf, neues Gedankengut: Die Kosmetik-Linie wird forciert, 1994 übernimmt Dr. Grandel von der Stada AG die Apotheken-Kosmetik Shoynear. Die Palette mit Nahrungsergänzungsmitteln - allen voran Acerola - wird erweitert.

Heute umfaßt die Fertigproduktpalette circa 650 verschiedene Artikel, für die insgesamt 3000 unterschiedliche Rohstoffe, Wirkstoffe und Komponenten bereitgehalten oder beschafft werden. Die Logistik wurde verbessert: Früher wurde viel auf Vorrat produziert, heute werden nur noch Ausgangsmaterialien bestellt, die man auch verkauft. Monatlich werden bis zu 100.000 Auftragspositionen abgewickelt und mehr als 10.000 Sendungen verlassen die Werke.

Michael Grandel richtete die Firma international aus: Mit eigenen Gesellschaften in England, USA, Holland, Italien, Österreich und Japan versucht der Geschäftsführer nach eigenen Worten die Risiken zu streuen. Trotzdem setze er auf den Produktionsstandort Deutschland, weil das Label "Made in Germany" weltweites Ansehen genieße. 1990 wird die Dr. Grandel-Gruppe neu geordnet, die GmbH wird zu operativen Holding, was mit einer Kapitalerhöhung von 5 Millionen auf 7 Millionen DM einhergeht. 1996 erwirtschaftete die Dr.-Grandel-Gruppe einen konsolidierten Nettoumsatz von 65 Millionen Mark. Nach stetigem Umsatzwachstum ist dies zum ersten Mal eine Stagnation.

PZ-Artikel von Elke Wolf, Oberursel

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