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Homocystein als Risikofaktor längst etabliert

21.07.1997
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  Govi-Verlag

Homocystein als Risikofaktor längst etabliert

    Wissenschaftliche Studien beweisen: Ein erhöhter Homocysteinspiegel im Serum ist ein eigenständiger Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen. Damit noch nicht genug, multipliziert es außerdem noch die schädliche Wirkung von Cholesterol, indem es die Oxidation von Low density lipoprotein (LDL) forciert. Ein Workshop anläßlich der Jahrestagung der European Society for Clinical Investigation in Kiel informierte über den neuen kardiovaskulären Übeltäter.

In einer 1991 begonnenen prospektiven Studie wurden 587 Patienten mit koronarer Herzkrankheit beobachtet. Eine Stenose der Koronararterien korrelierte signifikant mit dem Gesamtcholesterol und Lipoprotein (a) - und tendenziell mit der Plasmahomocysteinkonzentration. Außerdem konnte erstmals nachgewiesen werden, daß hohe Homocysteinspiegel die Mortalität signifikant erhöhen. Das relative Risiko für Konzentrationen größer 20 µmol/l Plasma war siebenmal höher als bei Konzentrationen unter 9 µmol/l.

Die Wurzel des Übels ist letztendlich der Metabolismus von Nahrungsmitteln. Aus der essentiellen Aminosäure Methionin wird nämlich durch Demethylierung zunächst Homocystein als toxische Aminosäure gebildet. Besonders Fleisch enthält hohe Mengen an Methionin. Ist der Stoffwechsel intakt, droht keine Gefahr; Homocystein wird umgehend abgebaut. Entweder wird es zu Methionin remethyliert (mit Hilfe von Vitamin B12 und Folsäure) oder in Cystein umgewandelt, wozu Folsäure, Vitamin B6 und B12 benötigt werden. Die Cystathionin-ß-Synthetase fungiert dabei als Coenzym.

Mittlerweile konnte man die als normal geltende Plasma-Homocysteinkonzentration bestimmen. Sie bewegt sich um 10 µmol/l. Von einer Hyperhomocysteinämie spricht man ab 15 µmol/l. Männer haben durchweg höhere Spiegel als Frauen. Bezieht man jedoch nur Frauen nach der Menopause in den Vergleich mit ein, weisen die Frauen höhere Homocysteinspiegel auf. Im Alter steigt die Plasmakonzentration bei beiden Geschlechtern an.

Die Gründe für eine Homocysteinämie liegen zum Teil auf der Hand: Unterversorgung mit den B-Vitaminen Folsäure, B6 und B12; Enzymdefekte, besonders der Cystathionin-ß-Synthetase. In beiden Fällen wird der Homocystein-Abbau gebremst. Ähnliches gilt für gleichzeitige Medikamenteneinnahme (Antiepileptika, NO und Methotrexat). Außerdem können chronisches Nierenversagen, Krebs, Hypothyreodismus und Schuppenflechte zu erhöhten Homocysteinspiegeln führen.

B-Vitamine helfen

Klinische Studien haben gezeigt, daß die Substitution der Vitamine B6, B12 und vor allem der Folsäure den Homocysteinwert senken können. Die aktuellen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung von 150 µg Folsäure am Tag sind dafür allerdings zu niedrig. Es werden mindestens 400 µg benötigt. Außerdem sollten es 2 mg Vitamin B6 und 6 µg Vitamin B12 sein. Entsprechend dosierte Medikamente sind im Handel.

Methotrexat steht im Verdacht, progressive neurologische Störungen auszulösen. Als Hemmstoff der Dihydrofolatreduktase führt es zu einer intermediären Verarmung an 5-Methyltetrahydrofolsäure, welche Homocystein zu seiner Metabolisierung braucht. Nach Methotrexatgabe konnte man im Liquor Oxidationsprodukte von Homocystein (Sulfinsäure, Sulfonsäure) nachweisen. Experimentelle Befunde zeigen, daß diese Substanzen wie der exzitatorische Neurotransmitter Glutamat wirken und NMDA-Rezeptoren aktivieren.

Die Überstimulation von NMDA-Rezeptoren führt zur Überladung der Neuronen mit Calcium, was als Pathomechanismus von Schlaganfall, Epilepsie und neurodegenerativen Erkrankungen diskutiert wird. Die Rescue-Therapie mit Folsäure soll die neurologischen Nebenwirkungen von Methotrexat mindern können.

Artikel von der PZ-Redaktion

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