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Mit der Zeit gegen den Strom: Museum rettet Apotheke

21.07.1997
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Mit der Zeit gegen den Strom: Museum rettet Apotheke

    "Sieben Schichten Farbe hat meine Tante Ina abgebeizt, bevor das Holz zum Vorschein kam" sagt Gertrudis Symann, Apothekerin in der Schwanen-Apotheke in Bad Münstereifel. Ihre Apothekeneinrichtung aus dem Jahr 1806 ist nach soviel liebevoller Pflege heute in bestem Zustand.

Nach Jahren der Unsicherheit, was aus dem Schmuckstück werden würde, hatte die Apothekerin diese Woche eine gute Nachricht für die Redaktion der Pharmazeutischen Zeitung: Die Schwanen-Apotheke samt Einrichtung bleibt erhalten. Sie ist seit dem 7. Juni 1997 ein Apothekenmuseum und zugleich das erste in Nordrhein-Westfalen, das auch in der Architektur mit den historischen Tatsachen übereinstimmt.

Wer nämlich das frischgebackene Museum in der Werther Straße besichtigt, gehört zu den ungezählten Besuchern, die seit 1806 über die Schwelle des Hauses getreten sind. Heute als Liebhaber schöner Gegenstände, alter Möbel, und pharmazeutischer Gerätschaften, vor 191 Jahren als Kunde von Theodor Bresgen, dem Gründer der Schwanen-Apotheke. Napoleon regiert zu dieser Zeit Westfalen und damit auch Münstereifel, es sind noch sechs Jahre bis zum Rußlandfeldzug. Auf dem Rückzug soll Napoleon im Apothekengebäude übernachtet haben.

Theodors Sohn Franz-Josef übernimmt die Schwanen-Apotheke 1834; Deutschland steht mit der Gründung des Zollvereins im selben Jahr als noch junge Wirtschaftsmacht am Beginn des Industriezeitalters. Ein Jahr später fährt die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth, Märzrevolution und Reichsgründung stehen noch bevor. Zu dieser Zeit denkt man in Münstereifel vor allem über die Erhaltung der Stadtmauer nach. Sie ist heute noch intakt, weshalb das Schienennetz vor dem Stadttor in einem Sackbahnhof endet.

1864 übernimmt Carl-Theodor Bresgen die Schwanen-Apotheke. Unter seiner Führung überlebt sie drei Kriege (Preußen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich), die gesamte Regierungszeit Otto von Bismarcks und Kaiser Wilhelm I. Kaiser Wilhelm II. Ist noch an der Macht, als 1906 Laurenz Bresgen Schwanen-Apotheker in Bad Münstereifel wird. Er bringt das Familienunternehmen durch die letzten Jahre des Wilhelminischen Zeitalters, durch die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und zwei Weltkriege, bis Tochter Ina 1948 seine Nachfolge antritt.

Trotz Wiederaufbau und Wirtschaftswunder verzichtet Ina Bresgen auf die Modernisierung der Offizin. Sie erkennt den Wert der kunstvoll gestalteten Rokkokodecke und des soliden Eichenholzmobiliars. Schließlich läßt sie alle Farbschichten, die unter vier Apothekergenerationen auf das kostbare Holz aufgetragen wurden, entfernen und bringt so das Innere in den heutigen Zustand.

1974 übernehmen Gertrudis und Theodor Symann die Schwanen-Apotheke. Bis 1994 bleiben sie in den alten Räumen und verzichten bis zuletzt auf überladene Regale und einen vollgestellten Handverkaufstisch. Im Dienst des guten Geschmacks holen die Symanns und ihre Mitarbeiterinnen das Gewünschte aus dem ersten Stock herab. Nur so können die schönen, aber heute unzweckmäßigen Standgefäße stilvolle Ergänzung der historischen Einrichtung bleiben. "Das war immer viel Gerenne und oft auch unpraktisch, aber wir haben es gerne gemacht", erinnert sich die Apothekerin.

Auch lehnt die Familie den Einbau feuerhemmender Sicherheitstüren ab, deren zu kurz gekommener Optik viel honigfarbenes Eichenholz bätte weichen müssen. "Die Behörden haben immer ein Auge zugedrückt, weil wir Teil der Stadtgeschichte sind und die Apotheke schon so lange im Familienbesitz ist. Bei Besitzerwechsel wäre sie sicher geschlossen worden" Und dann? Eine Eisdiele, eine Boutique, ein Schuhgeschäft? Die schöne Einrichtung wäre einem fremden Zweck zugeführt worden.

Trotzdem wird 1994 aus wirtschaftlichen Gründen der Apothekenbetrieb in neue Räume verlegt. "Hier in der Fußgängerzone gibt es keine Parkplätze, da kommen viele Kunden gar nicht erst her", sagt Gertrudis Symann, "und als dann vor dem Stadttor in verkehrsgünstiger Lage eine Apotheke aufmachte, sahen wir keinen Ausweg mehr."

Im Januar 1996 kauft der Förderverein für Denkmalpflege das 400 Jahre alte Gebäude mit der Apothekeneinrichtung von 1806. Die Nordrheinwestfalenstiftung ermöglicht Kauf und Renovierung des Hauses. 420 Standgefäße aus Familienbesitz und Dauerleihgaben des Deutschen Apotheken-Museums Heidelberg gehören nun zur Einrichtung. Spenden - auch aus jüngerer Zeit - werden gerne genommen.

Adresse:Apothekenmuseum Bad Münstereifel, Werther Straße 13, 53902 Bad Münstereifel

Öffnungszeiten: Di.-Fr.: 14 bis 17 Uhr, Sa.: 10 bis 16 Uhr und So.: 11 bis 16 Uhr

PZ-Artikel von Regina Sauer, Frankfurt

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