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Bleivergiftungen auf der Spur

18.07.2005
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Ayurveda

Bleivergiftungen auf der Spur

von Gustav Drasch*, München

Einige ayurvedische Arzneimittel können bei korrektem Gebrauch eine Bleivergiftung hervorrufen. Wie ein konkreter Fall zeigt, muss vor Produkten mit den Aschen Naga bhasma und Trivanga bhasma gewarnt werden, da sie toxische Mengen des Schwermetalls enthalten können.

*) In Zusammenarbeit mit Gabriele Roider, Institut für Rechtsmedizin der LMU München, Norbert Felgenhauer und Robert Willi, Toxikologische Abteilung, II. Medizinische Klinik, Klinikum rechts der Isar der TU München, Julia Egert, Internistische Klinik Dr. Müller, München.

Alternative Heilmethoden sind beliebt und so werden auch ayurvedische Arzneimittel heute vermehrt in Deutschland angewandt. Allerdings sind in der Literatur immer wieder Bleivergiftungen durch ayurvedische Arzneimittel beschrieben worden (1-3). Mangels Angaben über die deklarierten Inhaltsstoffe lässt sich zumeist nicht beurteilen, ob es sich dabei um bleihaltige Verunreinigungen der Arzneimittel (etwa aus dem Herstellungsprozess) gehandelt hat, um Verwechslungen oder Fehldosierungen oder um eine ganz bewusste Verabreichung bleihaltiger Arzneistoffe in toxischer Dosierung.

Vergiftungsweg aufgeklärt

In einem allerdings gut dokumentierten Fall fuhr eine 36-jährige Frau mit ihrem Lebenspartner nach Indien, um sich dort wegen einer unklaren Fertilitätsstörung behandeln zu lassen. Ein ayurvedischer Arzt verordnete das Arzneimittel Profert™ der Firma Aloba Herbal Healthcare, Bangalore, Indien, das in zwei getrennten Zusammensetzungen als Profert-M (»male«) und Profert-F (»female«) im Handel ist. Zurück in Deutschland nahm das Paar diese Arzneimittel weiter in der verordneten Dosis von vier Kapseln pro Tag ein. Nach circa fünf Wochen entwickelten sich bei der Frau Obstipation und Bauchkoliken. Bei einer stationären Klärung fand sich eine Anämie (Hämoglobinwert 9,7 g/dl) sowie eine ausgeprägte basophile Tüpfelung der Erythrozyten. Den hieraus differenzialdiagnostisch entstandenen Verdacht einer Bleivergiftung konnten Toxikologen mit der Bestimmung der Bleikonzentration im Blut (77,5 µg/dl) bestätigen.

Nach Absetzen der ayurvedischen Medikation und Gabe des Chelatbildners DMSA (Dimercaptobernsteinsäure) in einer Dosierung von 1200 mg/Tag oral über fünf Tage, gefolgt von 800 mg/Tag oral über weitere 14 Tage sank die Blutbleikonzentration kontinuierlich auf 27 µg/dl. Die Chelattherapie verlief nebenwirkungsfrei, die primären Beschwerden, vor allem die abdominellen, nahmen während der Dauer der Behandlung langsam ab, so dass die Frau bei Therapieende beschwerdefrei war. Eine Nachuntersuchung rund einen Monat später zeigte allerdings einen erneuten Anstieg der Blutbleikonzentration auf 50,5 µg/dl, der vermutlich durch eine Umverteilung nach Beendigung der Chelattherapie bedingt war, so dass die Frau in einem weiteren Zyklus mit DMSA behandelt werden musste.

 

Stufen einer Bleivergiftung Nach oraler Aufnahme löslicher Bleiverbindungen werden vom Erwachsenen circa 10 Prozent des Bleis im Magen-Darm-Trakt resorbiert. Blei ist ein typisches Speichergift, seine Halbwertszeit im Blut liegt bei 20 Tagen, in Weichgeweben bei 40 Tagen und im Knochen bei 10 bis 20 Jahren (7). So kann es wie im vorliegenden Fall zu einer Kumulation des täglich aufgenommenen Bleis im Körper kommen.

Die Hintergrundbelastung mit Blei nimmt in Industrienationen jedoch seit Jahren ab. Sie liegt bei uns heute im Mittel unter 5 µg/dl Blut (8). Bei Frauen im gebärfähigen Alter und Kindern wird ab einer Konzentration von 10 µg/dl (HBM-I-Wert) eine Abklärung der erhöhten Bleibelastung empfohlen. Ab HBM-II (15 µg Blei/dl für Frauen und Kinder) können längerfristig Intoxikationserscheinungen nicht ausgeschlossen werden (9). Etwa ab 25 µg/dl blockiert Blei verschiedene Enzyme der Hämsynthese. Eine Anämie tritt ab Blutbleikonzentrationen von circa 50 µg/dl auf. Bei dieser Bleibelastung kommt es auch zu abdominellen Krämpfen sowie zu motorischen Störungen (etwa zur so genannten Fallhand), charakteristischerweise ohne sensible Beeinträchtigung. Die schwerste Form der Bleivergiftung, die Blei-Enzephalopathie, eine schwere Erkrankung des Zentralen Nervensystems, wird bei Erwachsenen in der Regel erst ab Bleikonzentrationen von 80 µg/dl beschrieben. Sie konnte im vorliegenden Fall durch die rechtzeitige Erkennung und Behandlung der Vergiftung vermieden werden. Weiter führt Blei zu einer Schädigung der Niere und zu Bluthochdruck. Darüber hinaus hat Blei eine teratogene Wirkung (7).

  

Grund für die Vergiftung war die »female«-Version des ayurvedischen Arzneimittels, in der sich nach Mikrowellenaufschluss mit HNO3 in einem geschlossenen System 15 mg Blei pro Kapsel fanden. Wurde der Kapselinhalt lediglich in 1N Salzsäure zwei Stunden bei 35 °C geschüttelt, so ging fast der gesamte Bleianteil (14,7 mg) in Lösung, was im Magen ähnlich gewesen sein wird. In den Profert-M-Kapseln wurden dagegen nur 0,002 mg Blei pro Kapsel nachgewiesen. Erwartungsgemäß lag die Bleikonzentration im Blut des männlichen Partners mit 0,9 µg/dl im unauffälligen Bereich.

Metall-Aschen als Inhaltsstoffe

Dem äußeren Aspekt nach waren die Profert-Kapseln absolut professionell pharmazeutisch hergestellt: Sauber und gleichmäßig gefüllte Steckkapseln, in Streifen verblistert und verpackt in sauber bedrucktem Hochglanz-Umkarton mit zahlreichen Angaben zu Inhaltsstoffen, Herstellerdaten und Chargennummer. Unter den zahlreichen deklarierten Inhaltsstoffen befand sich auch 50 mg Trivanga bhasma. Hierbei handelt es sich um eine Mischung aus Vanga bhasma (Zinnasche), Jasada bhasma (Zinkasche) und Naga bhasma (Bleiasche). Diese werden durch Umsetzung der Metalllegierung mit Zugabe von Pflanzen hergestellt (Vorschrift siehe Kasten). Dadurch entstehen Salze, die in Salzsäure löslich sind.

 

Herstellung von Trivanga bhasma Gereinigtes Trivanga (eine Legierung aus gleichen Teilen Blei, Zinn und Zink) wird auf einer Eisenpfanne erhitzt (10). Während es schmilzt, wird gepulvertes Cannabis sativa und Papaver somniferum in kleinen Mengen darüber gestreut und mit einem Eisen-spatel umgerührt. Dieser Prozess wird fortgeführt, bis das geschmolzene Trivanga in ein Pulver (= jaarita trivanga) umgewandelt ist. Das jaarita trivanga wird mit frischem Presssaft von Aloe barbadensis drei Stunden lang vermischt. Daraus werden flache Scheiben geformt und gut getrocknet.

Die Scheiben werden in flache Tongefäße gegeben und deren Ränder mit den Deckeln mit einer Paste aus Ton und Stoff fest verklebt, bevor sie zur Calcinierung des Inhalts in einen gemauerten Ofen eingebracht werden. Dieser ist zur Hälfte mit Kuhdung gefüllt, worauf das verschlossene Gefäß und dann weiterer Kuhdung kommt, der daraufhin angezündet wird. Dieser Prozess wird siebenmal wiederholt. Die Farbe des gewonnenen Trivanga bhasma ist blass gelb. Die Dosierung beträgt 125 mg.

 

Der deklarierte Inhalt erklärt somit die in den Kapseln gefundene Bleimenge von 15 mg. Denn die verordnete und eingenommene Tagesdosis von vier Kapseln enthält 60 mg Blei und damit fast das 1000fache der derzeitigen mittleren täglichen oralen Bleiaufnahme in Deutschland (0,075 mg) und das über 100fache des von der WHO 1989 empfohlenen Grenzwertes (PTWI-Wert) von 0,5 mg/Tag (4). Insgesamt hat die Frau auf diese Weise über etwa fünf Wochen 2,1 g Blei zu sich genommen.

Arzneimittel werden in der ayurvedischen Medizin nach völlig anderen Kriterien ausgewählt als in der westlichen Allopathie. Die toxische Wirkung von Blei ist allerdings bereits seit dem klassischen römischen Altertum bekannt, als Blei ein beliebtes Gebrauchsmetall war. Besonders unverständlich erscheint die Verwendung von bleihaltigen Arzneimitteln bei Fertilitätsstörungen zu sein, da die teratogene Wirkung von Blei bestens bekannt ist. Blei fand früher in Europa häufig »erfolgreich« als Abortivum Anwendung, allerdings oft auch mit massiven bis tödlichen Vergiftungen der Mutter (5).

Dass das Wissen um die toxische Wirkung von Blei auch in der ayurvedischen Medizin vorhanden ist, zeigt etwa ein Artikel von Jaiswal et al. (6), der in einer ayurvedischen Fachzeitschrift erschienen ist. In dieser Arbeit wurde mit völlig ungeeigneten Methoden versucht, die Unbedenklichkeit von Naga bhasma (Bleiasche) tierexperimentell nachzuweisen. Statt jedoch die zu erwartenden Veränderungen durch Blei, etwa den Hb-Wert, neurologische Störungen oder teratogene Wirkungen zu untersuchen, wurde lediglich festgestellt, dass eine Gabe von Naga bhasma keine grob pathologischen und histologischen Veränderungen an den Organen von Ratten hervorruft, was auch nicht zu erwarten ist. Es wurde nicht einmal überprüft, ob das Blei resorbiert wurde, etwa durch Untersuchungen der Bleikonzentration in den Organen der getöteten Tiere.

Tipps für den Apothekenalltag

Für den Apotheker ist es schwierig, die Unbedenklichkeit ayurvedischer Fertigarzneimittel abzuschätzen, zumal die seltenen Inhaltsangaben meist in Sanskrit gehalten sind. In klassischen Handbüchern wie dem Hager sucht man diese Sanskritnamen jedoch vergeblich und selbst Wörterbücher zur Übersetzung ins Englische sind nicht vorhanden. Laut Professor Dr. Rahul Peter Das vom Institut für Indologie und Südasienwissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sind viele ayurvedische Sanskritnamen zudem mehrdeutig und daher kaum genau zu übersetzen. Sehr hilfreich ist hier das Internet mit Suchmaschinen wie Google. Hier ist für Sanskritnamen zumeist die englische Übersetzung, oft auch der lateinische Name (meist Pflanzennamen) zu finden. Eine umfangreiche Übersetzungsliste bietet zum Beispiel www.unaniherbalist.com/caha.htm, für deren Richtigkeit die Autoren allerdings keine Gewähr übernehmen können.

Zusammenfassend muss vor einer Abgabe ayurvedischer Arzneimittel, die Naga bhasma oder Trivanga bhasma enthalten, dringend gewarnt werden. Aus Gründen der Patientensicherheit gilt dies auch für ayurvedische Arzneimittel, deren Inhaltsstoffe nicht oder nur unvollständig deklariert sind. Bei vollständig deklarierten Arzneimitteln sollte aus Sicherheitsgründen immer durch Übersetzung der Inhaltsstoffe deren Unbedenklichkeit abgeklärt werden.

 

Laut Angaben im Internet vertreibt Chandra Bhagat Pharma Pvt. Ltd., Mumbai, Indien, unter dem identischen Namen »Profert-F« ein Präparat, das eine völlig andere Zusammensetzung hat (Inhaltsstoff: Gonadotropin).

 

Literatur

  1. CDC (Centres for Disease Control), Lead Poisoning Associated with Ayurvedic Medications ­ Five States, 2000-2003. MMWR 53 (2004) 582-584.
  2. Saper, R. B., et al., Heavy metal content of ayurvedic herbal medicine products. JAMA 292 (23) (2004) 2868-2873.
  3. Weide, R, et al., Chronische Bleivergiftung durch ayurvedische Heilpillen. Dtsch med Wochenschr 128 (2003) 2418-2420.
  4. Müller, J., Weigert, P., Bleigehalt in und auf Lebensmitteln. Bundesgesundheitsamt (Hrsg) ZEBS-Hefte 2 (1990).
  5. Lewin, L., Die Fruchtabtreibung, 4. Aufl., Springer-Verlag Heidelberg (1925).
  6. Jaiswal, S. K., Kumar, M., Jha, C. B., Toxicity of Naga bhasma ­ An experimental Study. Sachitra Ayurved 52 (2000) 729-733.
  7. Drasch, G., Metalle und Verbindungen. in B. Madea & B. Brinkmann (Hrsg.) Handbuch der gerichtlichen Medizin, Springer-Verlag Berlin, Band 2, (2003) 198.
  8. Krause, C., et al., Umweltsurvey 1990/92 Band 1a: Studienbeschreibung und Human-Biomonitoring. Deskription der Spurenelementgehalte in Blut und Urin der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland. Umweltbundesamt (Hrsg.), Berlin (1996).
  9. Kommission »Human-Biomonitoring« des Umweltbundesamtes Stoffmonographie Blei ­ Referenz- und Human-Biomonitoring-Werte (HBM). Bundesgesundhbl 39 (1996) 236-241.
  10. The Ayurvedic Formulary of India, part I, first edition, Ministry of Health and Familyplaning, Department of Health, Government of India, New Delhi (1978) 186-187.

  

Für die Verfasser:
Professor Dr. Gustav Drasch
Institut für Rechtsmedizin der LMU
Frauenlobstraße 7a
80337 München
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