Pharmazeutische Zeitung online

Am RSA scheiden sich die Geister

06.07.1998  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

Am RSA scheiden sich die Geister

Der Risikostrukturausgleich (RSA) zwischen den Krankenkassen ist umstritten. Während Kassenvertreter in dem Finanztransfer die Grundlage für einen fairen Wettbewerb sehen, will ihn der Gesundheitsökonom Professor Dr. Peter Oberender, Bayreuth, so schnell wie möglich abschaffen.

Oberender hält die Kriterien zur Berechnung des RSA für vollkommen willkürlich. Die Einflußgrößen auf den Beitragssatz seien nicht vollständig bekannt, und es gebe keine eineindeutigen Kausalbeziehungen zwischen Beiträgen und Struktur des Versichertenkollektivs, sagte er auf einer Veranstaltung von Handelsblatt und Euroforum am 29. und 30. Juni in Frankfurt. Es sei unmöglich, strukturbedingte von anderen Einflußgrößen zu trennen.

Der Bayreuther Ökonom befürchtet, daß der RSA Krankenkassen zu unwirtschaftlichem Verhalten ermuntert. Effizient arbeitende Kassen werden seiner Meinung nach benachteiligt. Das Resultat des RSA sei eine Einheitskasse.

Ein wirklicher Wettbewerb der gesetzlichen Krankenkassen sei nur möglich, wenn der RSA abgeschafft werde, was nach Oberender nur eine Frage der Zeit sei. Er favorisiert einen "Wettbewerb der Kassen um Mitglieder und Leistungserbringer". Voraussetzung dafür sei ein Kontrahierungszwang und Diskriminierungsverbot. Eine Krankenkasse muß jeden aufnehmen, der Mitglied werden möchte.

Zweite Voraussetzung für einen offenen Wettbewerb um die bestmögliche Versorgung sei die Möglichkeit, Verträge mit einzelnen Leistungserbringern abzuschließen, also eine Abkehr von dem Grundsatz "einheitlich und gemeinsam". Danach dürften sich Krankenkassen einzelne Ärzte, Krankenhäuser oder Apotheker herausgreifen, die Leistungen zu Lasten der Kasse erbringen dürfen.

Knieps: RSA ermöglicht Wettbewerb

Viele Vertreter der Krankenkassen teilen Oberenders Meinung nicht. So sieht Franz Knieps, Leiter des Stabsbereichs Politik im Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK), den RSA nicht als Hemmnis für Wettbewerb, sondern als dessen Grundlage. Der RSA garantiere die Grundprinzipien einer solidarischen Krankenversicherung.

Vor seiner Einführung habe eine faktische Ungleichbehandlung von Arbeitern und Angestellten bestanden. Arbeiter, die fremdbestimmt den Ortskrankenkassen zugewiesen wurden, hätten einen deutlich höheren Beitragssatz bezahlen müssen als Angestellte. In einem freien Wettbewerb der Kassen habe die AOK ohne den RSA keine Chance, da sie eine ungünstigere Mitgliederstruktur habe als etwa die Betriebskrankenkassen oder die Technikerkrankenkasse.

Falsch sei Oberenders Behauptung, der RSA belohne unwirtschaftlich arbeitende Kassen, denn Berechnungsgrundlage seien nicht die Ausgaben einer Versicherung, sondern ausschließlich die Risikostruktur der Mitglieder. Dadurch verhindere der RSA auch einen Wettbewerb um junge, gesunde Menschen und helfe somit, unnötige Ausgaben für Marketing zu vermeiden.

Knieps erwartet, daß der RSA in den nächsten Jahren nicht angetastet wird. Nach seiner Aussage streben die Spitzenverbände der Gesetzlichen Krankenversicherung ein Moratorium an, in dem der RSA für die nächsten vier Jahre in seiner bestehenden Form festgeschrieben werden soll.

Regionale Aspekte berücksichtigen

Schützenhilfe erhielt der AOK-Funktionär von Professor Dr. Jürgen Wasem, München. Er plädiert ebenfalls dafür, den RSA beizubehalten und so die Risikoselektion im Wettbewerb zu verhindern. Ihm fehlen in der Berechnung allerdings regionale Aspekte. Heute werde der Finanztransfer zwischen den Kassen bundesweit berechnet. Dies führe zu Wettbewerbsunterschieden zwischen regional und überregional agierenden Kassen, sagte der Gesundheitsökonom.

In Regionen mit einem hohen Preisniveau - und damit auch hohen Gesundheitskosten - haben regional agierende Krankenkassen, etwa die Ortskrankenkassen und Innungskrankenkassen, einen Nachteil gegenüber deutschlandweit agierenden Kassen, sagte Wasem. Sie erhalten zwar Ausgleichszahlungen aus dem RSA, doch reiche dies angesichts der überproportional hohen Kosten nicht aus, um den Beitragssatz national operierender Konkurrenten zu halten (besonders hoch seien die Preise in Berlin und Hamburg).

Letztere können durch einen bundeseinheitlichen Beitragssatz auch in Hochpreisregionen einen günstigen Tarif anbieten. Umgekehrt verhält es sich in Gebieten, in denen das Preisniveau niedrig ist. Dort liege der Vorteil bei den regional operierenden Kassen.

Wasem schlägt deshalb regionale Beitragssätze und eine regionale Berechnung des Risikostrukturausgleiches vor. Alternativ zum regionalen RSA sei auch ein bundesweiter mit intraregionalen Ergänzungen denkbar, um einen echten Wettbewerb zwischen den Krankenkassen zu ermöglichen.

Kassen fordern Vertragsfreiheit

Während sich die Vertreter der Krankenkassen mit dem Wettbewerb in der GKV nicht ganz leicht tun, geht er ihnen auf der Seite der Anbieter nicht weit genug. So forderte der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Innungkrankenkassen, Rolf Stuppardt, mehr Vertragsfreiheit. Wie bereits von Oberender angeregt, möchte er mit einzelnen Leistungsanbietern Verträge abschließen.

Der Kassenfunktionär erwartet, daß die Möglichkeit Einzelverträge abzuschließen, Ärzte und Krankenhäuser zu mehr Effizienz zwingt und damit die Behandlungskosten reduziert. In diesem Punkt scheint unter den Krankenkassen ein weitgehender Konsens zu bestehen, denn auch der Vorstandsvorsitzende des BKK-Landesverbandes Bayern, Gerhard Schulte, und Dr. Eckart Fiedler, Vorstandsvorsitzender der Barmer Ersatzkasse, wollen von der gesetzlichen Verpflichtung zu einheitlichen und gemeinsamen Verträgen weg - angesichts ihrer Marktmacht ein nachvollziehbarer Wunsch, denn Leistungsanbieter müßten die Konditionen der Kassen wohl in den meisten Fällen bedingungslos akzeptieren.

PZ-Artikel von Daniel Rücker, FrankfurtTop

© 1997 GOVI-Verlag
E-Mail:
redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa