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Vorsicht bei Rohmilch, Fleisch und Sojakeimen

06.07.1998  00:00 Uhr

-Medizin

Govi-Verlag

Vorsicht bei Rohmilch, Fleisch und Sojakeimen

Erkrankungen durch Lebensmittel nehmen weltweit zu. In Deutschland sind Salmonelleninfektionen seit dem großen Ausbruch 1992 nicht mehr auf das Ausgangsniveau abgesunken. Die Behörden rechnen mit 100.000 Erkrankungen pro Jahr. Stark ansteigend sind die "übrigen Formen" der Enteritis infectiosa, darunter besonders Campylobacter-Infekte, berichtete Dr. Paul Teufel vom Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) auf einer Pressekonferenz anläßlich des Weltkongresses für Lebensmittelinfektionen in Berlin.

"Den wahren Grund für den Anstieg der Infektionen kennen wir nicht" sagte Teufel. Wahrscheinlich kommen viele Ursachen zusammen: die Anpassungsfähigkeit der Erreger, die bessere Erfassung, die Globalisierung des Handels mit Lebensmitteln, der weltweite Tourismus, aber auch das veränderte Ernährungsverhalten. Frisch ist in - viele Lebensmittel werden nicht mehr richtig durcherhitzt und stattdessen gekühlt angeboten. Listerien beispielsweise könnten sich so besonders gut vermehren, sagte Teufel.

Er warnte vor rohem Fleisch wie Carpaccio oder Tatar. Keime und Sprossen von künstlichen Nährböden könnten, Meldungen aus den USA zufolge, EHEC-Bakterien (enterohaemorrhagische Escherichia coli) übertragen. Nur Kochen töte den Erreger effektiv ab, Waschen nutze meist wenig (manche Bakterien sind sogar im Pflanzengewebe zu finden). Rohmilch oder Vorzugsmilch sei nicht gesünder als pasteurisierte Milch, sie müsse in jedem Fall abgekocht werden.

Der Verbraucher sei überhaupt stärker in die Pflicht zu nehmen. Hauptursachen für eine Ansteckung im privaten Haushalt sind auch mangelnde Kühlung, unzulängliche persönliche Hygiene oder Kreuzkontaminationen (zum Beispiel, wenn erst rohes Fleisch und dann Obst auf demselben Brett geschnitten werden).

Vorsicht ist besonders bei Kleinkindern geboten, ergänzte Dr. Irene Lukassowitz, Pressesprecherin des BgVV. EHEC-Bakterien sind für sie besonders gefährlich. Schwerste Nierenerkrankungen, lebenslange Dialyse oder Todesfälle können Folgen einer solchen Infektion sein. Die weitaus häufigeren Salmonellen- und Campylobacter-Infektionen verursachen überwiegend Durchfall, Todesfälle sind eher selten.

Damit stellt sich aber auch die Frage, wie die finanziellen Mittel zur Bekämpfung dieser Infektionen verteilt werden. Sind 100.000 Salmonellenerkrankungen schwerwiegender als einige tödliche EHEC-Infektionen? Risk assessment heißt das Stichwort in den Zeiten knapper Gelder. Welche Maßnahmen kosten wieviel? Nützen wieviel? Wie werden die vorhandenen Mittel sinnvoll und angemessen eingesetzt? Jeder Schritt, erklärte Dr. Ewen Todd, Kanada, von der Herstellung bis zur Verwertung müsse dahingehend geprüft werden.

Insgesamt heißt es aber aus dem BgVV: "Das Niveau der Lebensmittelsicherheit in industrialisierten Ländern ist hoch." Lebensmittelinfektionen sind hier nicht "die großen Killer", sagte Teufel. Anders in den Entwicklungsländern: Hier sind sie bei Kindern unter 4 Jahren eine der Haupttodesursachen. Die Überwachungs- und Erfassungssysteme seien sehr unterschiedlich, meinte Professor Rodney Cartwright, England. Genaue Zahlen gebe es noch seltener als in den Industrienationen. Das sei aber kein Grund, nicht zu handeln: "Wenn wir die Daten nicht haben, heißt das nicht zwangsläufig, daß wir nichts dagegen tun können", sagte er und forderte schon in der Schule Unterricht in Grundlagen der Hygiene. Institutionen wie das BgVV oder die Carl-Duisberg-Gesellschaft unterstützen zudem die Weiterbildung im Fach Lebensmittelhygiene. Japan, das 65 Prozent seiner Nahrungskalorien importiere, sei in der Kooperation besonders engagiert, sagte Dr. Fritz Käferstein von der World Health Organisation.

PZ-Artikel von Stephanie Czajka, BerlinTop

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