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Moderate Reaktion auf höhere Zuzahlungen

07.07.1997
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-Politik

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Moderate Reaktion auf höhere Zuzahlungen

    "Es ist so. Uns bleibt im Prinzip nichts anderes übrig, als zu zahlen", so die allgemeine Stimmung in Deutschlands Apotheken. Am 1. Juli hat der Gesetzgeber die Zuzahlung auf Medikamente erneut erhöht. Seitdem sind je nach Packungsgröße neun, elf beziehungsweise dreizehn DM pro Medikament fällig.

Resignation macht sich unter deutschen GKV-Versicherten breit. Aggressive Reaktionen in der Offizin sind eher die Ausnahme. Nach Ergebnissen einer nichtrepräsentativen Umfrage der Pharmazeutischen Zeitung bei Apothekerinnen und Apothekern fügen sich die Kunden meist in ihr Schicksal. Vor allem die ältere Generation überraschten die höheren Zuzahlungen kaum. Hinweise in Schaufenstern, persönliche Ansprache durch den Apotheker oder Arzt, Handzettel, aber auch eine intensive Berichterstattung in den Medien informierte vor allem regelmäßige Apothekengänger rechtzeitig. "Nur die, die gerade mal zufällig ein Medikament verschrieben bekommen haben, regen sich mitunter furchtbar auf", so der stellvertretende Leiter einer Apotheke im Taunus. Oft würden Patienten die Frage stellen, was das Medikament ohne Rezept koste. Noch seien einige Kunden nicht ausreichend darüber aufgeklärt, daß sie nur den Preis des Arzneimittels zahlen, wenn dieser unter dem Anteil liegt. Um sich den Gang zum Arzt zu sparen, versuchten Patienten außerdem, Medikamente, die billiger als die Zuzahlung sind, ohne Rezept zu bekommen.

Kommt es dennoch zu heftigen Unmutsäußerungen der Patienten, so weist das pharmazeutische Personal meist auf die Zuständigkeit der Krankenkassen hin: "Ich ziehe mir diesen Stiefel nicht an und sage ganz klar, wo das Geld hingeht. Das funktioniert gut, den Ärger so umzulenken", berichtete eine Apothekerin aus Niederhöchstadt. Die Apotheker geben außerdem Hinweise zu Härtefall- und Überforderungsklauseln, weil sie bemerkt haben, daß viele ihrer Patienten nicht ausreichend darüber informiert sind. Um die Abrechnung der Zuzahlungskosten am Jahresende zu erleichtern, bieten viele Apotheken Quittungshefte oder eine Kundenkarte an, mit der die gezahlten Anteile registriert werden. Die meisten Apotheken haben bereits Mitte Juni mit der Aufklärung ihrer Kunden begonnen. Die Plakate und Thekenaufsteller der ABDA hätten dabei gute Dienste geleistet. In einigen Betrieben wurden zusätzlich Handzettel bereitgehalten.

Apothekerverhände informieren

Umfassendes Material stellten auch die meisten Landesapothekerverbände ihren Mitgliedern zur Verfügung. Dort registrierten die Mitarbeiter der Geschäftsstelle dann in den meisten Fällen spezielle Fragen der Apothekerschaft zu Härtefallklauseln und Zuzahlungen auf Hilfsmittel. Beim Apothekerverband Nordrhein können sich Mitglieder sogar über eine eigens eingerichtete Hotline informieren. Nach Angaben von Geschäftsführer Uwe Hüsgen seien sogar regelmäßig Patienten in der Leitung, um sich über komplizierte Sachverhalte aufklären zu lassen. "Das sind dann meistens Fragen, die der Apotheker nicht mehr beantworten kann", so Hüsgen.

Die 20prozentige Zuzahlung auf Hilfsmittel führte in zahlreichen Betrieben zu Verunsicherungen. So herrsche unter der Apothekerschaft zum Beispiel Unklarheit darüber, ob für Kompressionsstrümpfe auch bei Schwangeren eine 20prozentige Zuzahlung zu leisten ist, berichtete Wolfdieter Brinkmann vom Saarländischen Apothekerverein. Häufiger als Anfragen aus der Apotheke sind allerdings Anrufe von Fernsehsendern und Zeitungsredaktionen, erklärte Friedrich-Wilhelm Wagner, Geschäftsführer des Berliner Apothekervereins. Meist müßten falsche Pressemeldungen korrigiert werden.

Über Umsatzrückgänge wagten die Mitarbeiter der befragten AV-Geschäftsstellen noch keine Prognose. Ein allgemein rückläufiger Trend könne nicht ausschließ1ich den neuen Zuzahlungen angelastet werden. Der Beginn der Ferienzeit sowie das Sommerloch würden sicherlich auch eine Rolle spielen. Endgültige Aussagen seien frühestens mit Ablauf des Monats möglich. Sicher sei nur, daß es Apotheken in sozial schwächeren Regionen stärker treffen würde, hieß es dazu aus Berlin und Mecklenburg-Vorpommern.

Für die meisten Patienten bleibt alles beim alten

Gerade chronisch kranke Patienten, für die Medikamente lebensnotwendig sind, lösen ihre Rezepte auch weiterhin regelmäßig in der Apotheke ein, so der Trend in den Offizinen. Die meisten Kunden sind sauer auf die verantwortlichen Politiker, wollen aber den Arzneimittelbedarf nicht auf Kosten ihrer Gesundheit einschränken. "Wenn ich ein Rezept habe, dann löse ich es auch ein", sagte ein junger Vater. Auch den nötigen Gang zum Arzt wollen die meisten Patienten künftig beibehalten, um ihre Gesundheit nicht zu gefährden. Anders sieht es bei Bagatellerkrankungen aus. Hier sei der Leidensdruck entscheidend, berichtet eine 28jährige Rechtsanwaltsgehilfin. Für einen Schnupfen wolle sie sich künftig nicht mehr ins Wartezimmer setzen, sondern direkt in die Apotheke gehen. Bei freiverkäuflichen Produkten, wie Vitaminpräparaten, sieht es anders aus. Einige Patienten wollen künftig Geld sparen, indem sie diese Artikel in Supermärkten kaufen.

PZ-Artikel von Ulrich Brunner, Eschborn

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