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Mobiltelefonge: Die biologische Wirkunghochfrequenter Strahlung

29.06.1998
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Govi-Verlag

Mobiltelefonge: Die biologische Wirkung hochfrequenter Strahlung

Seit einigen Jahren stehen schwache elektromagnetische Felder unter Verdacht, den menschlichen Organismus zu schädigen. Immer mehr Menschen besitzen Mobiltelefone, vor allem Handys, bei denen die Antenne als Sende- und Empfangseinheit nicht vom restlichen Gerät räumlich getrennt ist. Ihre zunehmende Verbreitung löst immer wieder Diskussionen um eventuelle gesundheitliche Risiken für Benutzer und Passanten aus.

In über 10.000 Studien untersuchten Forscher in den vergangenen Jahren den Einfluß elektromagnetischer Felder auf den Organismus. Wer die aktuellen Forschungsergebnisse studiert, sollte sich zunächst vergewissern, welche Art der Strahlung untersucht worden ist.

Als Übertragungsmedium bedient man sich in der modernen Nachrichtentechnik elektromagnetischer Wellen zum Informationstransport. Schallwellen bewegen sich in der Luft mit einer Geschwindigkeit von circa 300 Meter pro Sekunde. Da sich elektromagnetische Wellen aber in Lichtgeschwindigkeit ausbreiten, erfolgt die Kommunikation über eine Funkverbindung quasi in Echtzeit. Per Mikrofon erzeugt der Sender zunächst Schallwellen, die dann in elektromagnetische Wellen transformiert werden. Nach der Übertragung zum Empfänger wird das Funk- wieder in ein Schallsignal umgewandelt.

Wirkungen auf menschliche kultivierte T-Lymphozyten

Eine Vielzahl von Stoffwechselvorgänge im menschlichen Organismus werden durch zelluläre Signalübertragung gesteuert. Diese Übertragung beginnt häufig an Zellmembranen und führt schließlich zur Aktivierung oder Deaktivierung eines Zielgens. Dieser Informationstransfer steht im Verdacht, durch elektromagnetische Felder (EMF) beeinflußt zu werden. Meist bilden Calcium-Ionen und second messager wie cAMP ein wichtiges Glied in der Übertragungskette.

Ein Forscherteam vom Physiologischen Institut der Universität Bonn versuchte deshalb den Einfluß von EMF auf die intrazelluläre Calciumkonzentration von kultivierten entarteten T-Lymphozyten zu bestimmen und zwar in den für Telekommunikationzwecke relevanten Bereichen von 900 und 1800 MHz. Die intrazellulären Konzentrationen wurden dabei mit Hilfe eines fluoreszierenden Calciumindikatorfarbstoffes gemessen. Die Intensitäten bestimmten die Forscher dabei mit einer quantitativen computergestützten Bildanalyse.

Die Auswertung erfolgte auf zwei Arten: Einerseits bestimmten die Wissenschaftler die Zahl der Zellen, die in den verschiedenen Phasen der Experimente Ca2+-Oszillationen zeigten. Andererseits verfolgten sie den zeitliche Verlauf der intrazellulären Ca2+-Konzentration für jede Gruppe über alle Zellen gemittelt.

Die Ca2+-Oszillationen in den unterschiedlichen Gruppen zeigten keine auffälligen Unterschiede bei den Experimenten mit 900 MHz. Bei der Exposition in einem 1800 MHz-Feld wurde eine höhere Aktivität beobachtet. Ob es sich bei den Verschiebungen um ein zufälliges Ereignis, ein Artefakt des Versuchsaufbaus oder um einen wirklichen Einfluß des EMF handelte, konnten die Wissenschaftler nicht abschließend beantworten. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen EMF und der Konzentration war nicht nachweisbar.

Erbgutschädigende Einflüsse

Nicht nur erhöhte Ca2+-Konzentrationen in menschlichen Zellen können durch Hochfrequenzfelder beeinflußt werden. Das Augenmerk einiger Forschergruppen ist auch auf einen eventuell erbgutschädigenden Einfluß von Mobiltelefonen gerichtet. In einem Projekt der Technischen Universität Braunschweig untersuchte eine Wissenschaftlercrew Mutationen in Genen und Chromosomen sowie Veränderungen der Zellprolieferation einer Kanzerogenese in Verbindung mit EMF.

Die Studie wurde mit menschlichem Spenderblut durchgeführt. Da es sich um eine In-vitro-Versuchsreihe handelte, waren direkte Rückschlüsse auf die Gesamtfunktionalität des Körpers nicht möglich. Diesmal kamen HF-Felder von 440, 900 und 1800 MHz zum Einsatz. Testparameter waren Schwesterchromatidenaustausch, Chromosomenaberrationen, Mikrokerne, Prolieferationsverhalten und Mutationen des HGPRT-Locus (Genabschnit der das Enzym Hypoxanthin-Guanin-phosphoribosyl-Transferase exprimiert. HGPRT bildet reversibel aus Inosin oder Hypoxanthin GMP oder IMP.). In insgesamt 90 ausgewerteten Versuchsansätzen fanden die Wissenschaftler keine Hinweise auf feldbedingte Änderungen.

Neue Studienergebnisse

Die Diskussion um ein eventuell erhöhtes Krebsrisiko von Handybenutzern wurde durch eine Anfang Mai 1997 in der Fachzeitschrift Radiation Research veröffentlichte Studie einer australischen Forschergruppe erneut belebt. Das Wissenschaftlerteam fand in einer Langzeitstudie mit transgenen Mäusen ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entstehung von Blutkrebs. Die verwendeten Versuchstiere waren allerdings genetisch so verändert, daß sie schon eine Prädisposition für die Entwicklung von Leukämie besaßen. Das Erbmaterial der Nager enthielt das Gen pim1, welches die Bildung von Tumoren begünstigt.

Die auf diese Weise manipulierten Mäuse entwickelten auch ohne äußere Einflüsse innerhalb von zehn Monaten in 5 bis 10 Prozent der Fälle Lymphome. Im Laufe der Beobachtungszeit diagnostizierten die Forscher bei 43 Prozent der Probanden eine bösartige Erkrankung, in der Kontrollgruppe dagegen nur bei 22 Prozent.

Die verwendete elektromagnetische Strahlung wies eine Frequenz von 900 MHz auf, gepulst mit 217 MHz. Das entspricht dem GSM-Standard (Global System for Mobile Communication) von Mobiltelefonen des D-Netzes. Die Forscher gruppierten die Tierkäfige so um den Sender, daß das Zentrum eines jeden Käfigs 0,65 m von der Antenne entfernt lag. Die Mäuse wurden zweimal täglich jeweils eine halbe Stunde lang bestrahlt. Die eingesetzte Strahlungsintensität von 2,6 bis 13 W/m2 führte bei den einzelnen Tieren zu SAR-Werten zwischen 0,0078 und 4,2 W/kg.

Innerhalb des Beobachtungszeitraums entwickelten die Mäuse unter anderem Erkrankungen der Nieren, der Leber und des Zentralen Nervensystems. Häufigste Todesursache waren allerdings lymphoblastische und nicht-lymphoblastische Lymphome. Hier zeigte sich auch der deutlichste Unterschied zwischen den bestrahlten Tieren und der Kontrollgruppe. Die Ergebnisse wurden an Unterschiede im Alter und Körpergewicht der Mäuse angepaßt. Andere Erkrankungen als konkurrierende Todesursache berücksichtigte man ebenfalls. Die exponierte Gruppe wies danach ein doppelt so großes Risiko für die Entwicklung eines Lymphomes auf wie die der nichtbelasteten Tiere.

Die Bedeutung dieser Studie für den menschlichen Organismus ist bis dato unklar, denn die Mäuse wurden im Weitfeld bestrahlt, welches ihren ganzen Körper erfaßte. Der mobiltelefonierenden Mensch setzt jedoch im Nahfeld nur einen kleinen Teil seines Körpers relevanten Energien aus. Ferner absorbieren beim Menschen nur die Haut, die darunterliegenden Muskeln und das Auge die hochfrequente Strahlung. Dennoch deutet die australische Studie, die übrigens die australische Telefongesellschaft Telestra finanzierte, auf gesundheitlich relevante biologische Effekte im nicht-thermischen Bereich unterhalb der offiziellen Grenzwerte für Mobiltelefone hin.

Das manipulierte Mausgen pim1 wurde zwar beim Menschen noch nicht beobachtet. Die Autoren der Studie boten jedoch als Erklärungsmöglichkeit an, daß die Strahlung allgemein zu einer vermehrten Zellneubildung führte, welche die Wahrscheinlichkeit für Mutationen steigerte. Dieses prinzipielle Steigerungsmuster von Mutationen sei nicht an ein bestimmtes Krebsgen gebunden.

Weitere Untersuchungen sind dringend nötig

Die Medienresonanz auf die Ergebnisse der Repacholi-Studien war gewaltig. Anlaß für zahlreiche öffentliche Instanzen, die australische Studie zu bewerten. So berichtet das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) am 9. Mai 1997 in einer Pressemitteilung: "Das BfS ist der Meinung, daß die Resultate der Untersuchung weitere Grundlagenforschung auf diesem Gebiet verlangen. Insbesondere ist die Frage nach den Wirkungsmechanismen zu klären. Es gibt keinen wissenschaftlich begründeten Anlaß, die bestehenden Grenzwerte zu ändern. Nach wie vor ist ein sicherer Schutz der Bevölkerung auch für empfindliche Personengruppen durch die Grenzwerte der Hochfrequenzabstrahlung gewährleistet." Franjo Grotenhermen kontert im Strahlentelex des Elektrosmog-Report vom 3. Juli 1997: "Natürlich weisen Mäuse und Menschen unterschiedliche Expositionsbedingungen auf. Damit ist aber die Annahme nicht entkräftet, daß das, was bei der Maus eine biologische Wirkung hervorruft, dies nicht auch beim Menschen tut. Nur durch eine - wenn auch eingeschränkte - potentielle Übertragbarkeit ist eine tierexperimentelle Forschung, wie sie durchgeführt wurde, überhaupt sinnvoll. Wäre das Ergebnis anders ausgefallen, hätte man die Studie vermutlich als methodisch hervorragenden Unbedenklichkeitsbeweis für Mobiltelefone angeführt."

Weltweit sind in den letzten 40 Jahren mehr als 10.000 wissenschaftliche Artikel und Berichte zum Thema Elektrosmog veröffentlicht worden. Doch die Ergebnisse der Forschungsarbeiten sind teilweise widersprüchlich oder unvollständig. Die Frage, ob es eine Gesundheitsschädigung durch elektromagnetische Felder gibt und bestehende Sicherheitsvorkehrungen für den Betrieb von Mobiltelefonen verschärft werden müssen, kann noch immer nicht befriedigend beantwortet werden. Um endlich mehr Klarheit über Auswirkungen der Hochfrequenzstrahlung zu gewinnen, plant die EU inzwischen ein europaweites Forschungsprogramm. Ein Aktionsplan, erarbeitet von einer zehnköpfigen Expertengruppe, definiert Reichweite und Prioritäten des Programms. Er wurde bereits Anfang 1997 der Öffentlichkeit vorgestellt. In den nächsten fünf Jahren sollen 50 verschiedene Projekte mit einem Etat von 23,8 Millionen Euro durchgeführt werden.

PZ-Titelbeitrag von Ulrich Brunner, Eschborn Top

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