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Haben Sie ihre Karte dabei?

22.06.1998
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Govi-Verlag

Haben Sie ihre Karte dabei?

"Wir haben wirklich einen Glücksgriff getan. Mit relativ moderaten Investitionen haben wir in der Beratung von Arzt und Patient einen echten Fortschritt realisiert." Begeisterung spricht aus den Worten des Thüringer Kammerpräsidenten Dr. Egon Mannetstätter, wenn er von seinen Erfahrungen mit Patientenkarten berichtet. Mit dem Einverständnis der Patienten speichert er deren Arzneimitteldaten im apothekeneigenen Computer.

Vor genau einem Jahr haben er und seine Tochter Antje Mannetstätter die Patientenkarte in ihren beiden Apotheken eingeführt. Dabei haben sie bewußt den Zeitpunkt der drastischen Zuzahlungserhöhungen genutzt, um Kunden auf den Nutzen der Karte hinzuweisen. Wird jede Zuzahlung gespeichert, so kann am Jahresende ein sauberer Sammelbeleg ausgedruckt werden. Ebenso kann der Apotheker sofort informieren, wenn die Zuzahlungen die Härtefallgrenze erreicht haben. Pluspunkt für den Patienten: Er kann sich von der Kasse sofort befreien lassen und muß für den Rest des Jahres keine Zuzahlung mehr leisten.

Doch den eigentlichen Nutzen der patientenbezogenen Datenspeicherung sieht Mannetstätter in der verbesserten Beratung und Betreuung seiner Kunden. Das haben viele offenbar auch so verstanden. Etwa 1 000 Kunden der Hirsch-Apotheke haben seither schriftlich ihr Einverständnis erklärt, daß "ihre" Apotheke Arzneimitteldaten speichern und für die Interaktionsprüfung nutzen darf. Schätzungsweise ein Drittel der Thüringer Kollegen pflegt ebenfalls diese Art der Kundenbetreuung.

Während das Rezept gescannt wird, läuft automatisch der Interaktionscheck auf der Basis der ABDA-Datenbank. Angesichts der Fülle möglicher Wechselwirkungen werden der Schmalkaldener Apotheker und sein Team nur bei praktisch relevanten Interaktionen aktiv. Im Klartext: Sie rufen den Arzt direkt an, informieren ihn über die Wechselwirkung und diskutieren Alternativen. "Dabei muß man sehr vorsichtig sein", gibt Mannetstätter zu bedenken, doch: "Viele Ärzte haben jetzt den Nutzen unseres Eingreifens eingesehen." Etwa ein- bis zweimal pro Tag können auf diesem Weg Arzneimittelprobleme zum Nutzen des Patienten gelöst werden. Ein Beispiel: Die gleichzeitige Verordnung von Eisensalzen und Doxycyclin. Da das Kation durch Komplexbildung die antimikrobielle Wirkung des Tetracyclins einschränken kann, muß eventuell dessen Dosis erhöht oder Eisen vorübergehend abgesetzt werden. Arzt und Apotheker konnten dies gemeinsam klären.

Der Offizinapotheker ist begeistert von den neuen Möglichkeiten, die ihm die Technik erlaubt: "Erstmals sind wir Apotheker in der Lage, bei der Medikation gegenüber dem Arzt mitzureden, da wir die gesamte, auch die zurückliegende Arzneitherapie überblicken können. Wir sind sogar im Vorteil, weil wir alle Verordnungen verschiedener Ärzte für einen Patienten kennen und zudem noch dessen Selbstmedikation berücksichtigen können."

Natürlich gibt die Karte auch bei der Selbstmedikation mehr Sicherheit, da der Apotheker den Kunden vor Unverträglichkeiten zwischen Selbstmedikations- und rezeptierten Arzneien rechtzeitig warnen kann. Mannetstätter erinnert sich an einen Patienten, der wegen eines grippalen Infektes Aspirin® Brause verlangte. Der Check zeigte die rote Karte: Der Patient spritzte Enoxaparin. Das Schmerzmittel könnte die gerinnnungshemmende Wirkung des Heparins verstärken und die Blutungsneigung erhöhen. Mit Paracetamol wird diese Gefahr vermieden.

Stört die Computerabfrage nicht das Kundengespräch? In Stoßzeiten sei der routinemäßige Check manchmal lästig, gibt Mannetstätter zu. Doch er ist ganz Heilberufler: "Die Aufgabe des Apothekers ist es zu beraten und zu informieren. Soviel Zeit muß immer sein."

Der Wermutstropfen? Man bräuchte mehr Zeit, um die gewonnenen Daten noch besser auswerten zu können, meint der Apotheker. Zum Beispiel für eine umfassende pharmazeutische Betreuung einer Zielgruppe. Mannetstätter denkt an junge Diabetiker oder an Hochdruckpatienten. Man könnte die Entwicklung des Blutdruckes unter verschiedenen Medikationen verfolgen, deren Verträglichkeit dokumentieren und gemeinsam mit dem Arzt eine maßgeschneiderte Hypertonietherapie entwickeln. Interessant wäre auch, die Verordnungen auf Privatrezepten zu analysieren. Erfahrungen und Hinweise aus der Praxis könnten zudem mit Daten untermauert werden und in die ABDA-Datenbank zurückfließen.

Der Thüringer Apothekerpräsident hätte die A-Card bevorzugt; "doch die gab es damals nicht". Die Speicherung der Daten direkt auf der Karte sieht er als vorteilhaft für sehr mobile Patienten; wer häufig den Ort wechselt, könne in jeder Apotheke fundiert beraten werden. Andererseits binde die apothekeneigene Karte den Patienten an die Apotheke. Insofern sei sie ein Marketinginstrument, sagt Mannetstätter, der im gleichen Atemzug die Gewährung eines Rabattvorteils und die Werbung dafür als unethisch und irreführend scharf anprangert.

Kommt die Smart-Card, will er zweigleisig fahren. "Für Stammkunden werde ich die Daten zusätzlich in meinem Computer speichern, denn für eine echte pharmazeutische Betreuung brauchen wir die Daten im eigenen Haus - und viel Zeit."

PZ-Artikel von Brigitte M. Gensthaler, ErfurtTop

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