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Gesundheitswesen im globalen Wettbewerb

23.06.1997
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-Politik

  Govi-Verlag

Gesundheitswesen im globalen Wettbewerb

  Ebenso wie sich die europäische Industrie im globalen Umfeld behaupten muß, hat sich auch die Gesundheitspolitik dem globalen Wettbewerb zu stellen. Um auf diesem Feld erfolgreich zu sein, brauche Europa den Binnenmarkt, für dessen Erreichung sich aber zum Beispiel nationale Versicherungssysteme als großes Hemmnis auswirkten. Das erklärte EU-Kommissar Dr. Martin Bangemann auf der 33. Jahrestagung des Europäischen Fachverbandes der Arzneimittelhersteller (AESGP) in Budapest. Eines der wichtigsten Instrumente zur Verwirklichung des Binnenmarktes sei die moderne Informationstechnologie. Vorbehalte gegen dieses Instrument, das auch Deutschland weiter konkurrenz- und wettbewerbsfähig mache, müßten umgehend beseitigt werden.

Bangemann räumte ein, daß sich der Prozeß des Zusammenwachsens zwar beschleunigt habe. Bis zur Vollendung sei es aber noch ein langer Weg. Mit dem Binnenmarktgedanken sollen nationale Strukturen aufgebrochen werden. In den neuen Regelungen der GKV-Neuordnungsgesetze sieht der EU-Kommissar die Chance für die Versicherten, mehr Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Der Trend zur Selbstmedikation werde darüber hinaus dynamisiert.

Zum Teleshopping ist das letzte Wort noch nicht gesprochen

Das letzte Wort in Sachen Teleshopping von Arzneimitteln ist nach Bangemanns Darstellung noch nicht gesprochen. Ein Fernabsatz sei aber ohne Werbung nicht denkbar. Insofern mache das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel derzeit den Fernabsatz dieser Ware unmöglich. Es sei aber zweifelhaft, ob es bei der hohen technischen Autonomie des Internets gelingen kann, ein solches globales Medium mit Verboten und Richtlinien zu regulieren. Schließlich würden nationale Regelungen immer zu kurz greifen. Für Bangemann stellt sich die Frage, ob es politisch gewollt sein kann, verantwortungsvolle nationale und europäische Anbieter durch nationale Restriktionen zu benachteiligen und vom Wettbewerb auszuschließen und damit anderen, möglicherweise verantwortungslosen Konkurrenten den Markt zu überlassen. Werbung sei Verbraucherinformation im besten Sinne, so Bangemann.

Eine Grundidee des Binnenmarktes sei es, nationale Strukturen aufzubrechen ohne überstürzte Entscheidungen zu fällen, versicherte Bangemann. Schließlich erzeuge der Wettbewerb der Systeme einen Harmonisierungsdruck, der zu vernünftigen Lösungen führe.

Bangemann erinnerte daran, daß er mit diesen Gedanken beim Wirtschaftsforum des DAV in Baden-Baden die Apotheker nachdenklich gestimmt habe. Nach wie vor sei er davon überzeugt, daß sich der Versandhandel für Arzneimittel nicht explosionsartig entwickeln werde. Von einem Stillstand der Entwicklung könne aber niemand ausgehen. Die Apothekerschaft solle sich mit ihren Kompetenzen einbringen. Derzeit sei die pharmazeutische Beratung in deutschen Apotheken aber mehr eine Forderung als Realität, so Bangemanns persönliche Erfahrung.

Die Selbstmedikation gewinne zunehmend an Bedeutung, so daß die Politik dem Wunsch der Menschen, mehr Eigenverantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen, entgegenkommen muß. Dazu müsse ein klarer Rechtsrahmen geschaffen werden, sowie die Verbraucherinformation und die Markttransparenz verbessert werden.

Ungeachtet der Fortschritte könne aber noch nicht von einem echten Binnenmarkt für Arzneimittel gesprochen werden. "Die Hersteller denken noch immer zumeist in nationalen Grenzen. Die Verbraucher orientieren sich ebenfalls zumeist nur am heimischen Markt", erklärte Bangemann. Eine Zersplitterung des europäischen Arzneimittelmarktes werde langfristig negative Folgen haben mit Blick auf Preise, Qualität der Produkte, F- und E-Aktivitäten sowie die Standortqualität. Die Vollendung des Binnenmarktes im Arzneimittelbereich ist für Bangemann eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Man müsse sehen, daß der internationale Wettbewerb steigt, internationale Allianzen geschmiedet werden und sich immer mehr Forschungszentren außerhalb Europas niederlassen. Damit laufe Europa langfristig Gefahr, bei der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Nutzung und bei den Beschäftigungschancen abgekoppelt zu werden.

PZ-Artikel von Gisela Stieve, Budapest

Grenzenlos
Kommentar

Nationale Verbote, verschreibungspflichtige Arzneimittel übers Internet anzubieten und dafür zu werben, werden immer zu kurz greifen, solange andere internationale Anbieter die grenzenlosen Möglichkeiten des weltweiten Netzes (world wide web) im rechtsfreien Raum oder auf der Grundlage ihrer Rechtsvorschriften für diese Zwecke nutzen. EU-Kommissar Dr. Martin Bangemann will in der Europäischen Kommission die Frage stellen, ob es politisch gewollt sein kann, einheimische Unternehmen durch nationale Restriktionen in ihrer Geschäftstätigkeit zu behindern und vom Wettbewerb auszuschließen. Oder könnte es sinnvoller sein, internationale Empfehlungen für eine verantwortungsvolle Werbung - auch für verschreibungspflichtige Arzneimittel - auszusprechen, die dann auch Maßstab für internationale Regelungen sein könnten?

Dr. Dagmar Walluf-Blume, Leiterin der Fachabteilung Selbstmedikation im Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI), hält eine Erweiterung der Möglichkeiten, für pharmazeutische Produkte zu werben und den Verbraucher darüber zu informieren - mit dem Ziel, die Arzneimittelsicherheit zu gewährleisten und den Wettbewerb nicht zu verzerren - für überdenkenswert. Am Rande der 33. Jahrestagung der AESGP erklärte die Apothekerin, daß zunächst nur in den Pharmaunternehmen selbst der umfassende Sachverstand über ein Produkt vorhanden ist. Zu den Zulassungsunterlagen gehören neben den Unterlagen zur Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit auch die Texte der Fachinformation und der Packungsbeilage. Mit der Erteilung der Zulassung werden auch die Inhalte und Formulierungen dieser Texte genehmigt. Wenn es den Unternehmen möglich wäre, die genehmigten Patienteninformationen auch über verschreibungspflichtige Arzneimittel ins Internet zu stellen, käme dies dem angestrebten Verbraucherschutz ein gutes Stück näher.

Die Europäisierung und Globalisierung schreiten voran. Industrieunternehmen, die nur an den heimischen Markt denken, werden bald nicht mehr mitmischen. Die Apotheker werden aber als Ansprechpartner und Anwalt der Patienten, als Sachwalter der Arzneimittelsicherheit und als Partner der Industrie gebraucht und werden, wie in Budapest wiederholt betont wurde, bei dieser Entwicklung eine Schlüsselrolle spielen. Diese Chance darf meiner Meinung nach nicht verspielt werden.

Gisela Stieve

   

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