Pharmazeutische Zeitung online

Methadon als ergänzender Weg aus der Sucht

23.06.1997  00:00 Uhr

-Medizin

  Govi-Verlag

Methadon als ergänzender Weg aus der Sucht

  Die Methadon-Substitution ist grundsätzlich zur Behandlung der Opiatabhängigkeit geeignet, sie unterbindet nicht das langfristige Ziel eines Lebens ohne Sucht, und ihre Erfolgsquoten liegen in der gleichen Größenordnung wie die einer Abstinenztherapie. Dies ist das Ergebnis des ersten deutschen Methadon-Erprobungsprogramms, das von 1988 bis 1992 in Nordrhein-Westfalen (NRW) mit 244 Langzeit-Heroinabhängigen lief. Nach erneuter Befragung der Teilnehmer 1996, vier Jahre nach Projektende, wurden die längerfristigen Auswirkungen der medikamentengestützten Rehabilitation jetzt auf einer Fachtagung des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Düsseldorf vorgestellt.

In das Programm einbezogen waren Heroinsüchtige, die im Durchschnitt seit rund 14 Jahren an der Spritze hingen und mindestens zwei erfolglose Abstinenztherapien hinter sich hatten, das Durchschnittsalter betrug 32 Jahre. Für die Nacherhebung im vergangenen Jahr konnten noch 82 Prozent der 244 Programmteilnehmer erfaßt werden. Insgesamt zeigte sich, daß 58 Prozent der Teilnehmer nach wie vor mit Methadon substituiert werden (Haltequote). Ganz ohne Drogen leben heute nur 6 Prozent. Irregulär beendet, beispielsweise durch hohen Drogenbeigebrauch, wurde das Programm von 5 Prozent; 32 Patienten (13 Prozent) sind inzwischen tot. Von 18 Prozent ist der derzeitige Behandlungsstatus nicht bekannt.

"Es ging uns darum, ein zusätzliches Behandlungsangebot zu schaffen, das neben der Abstinenztherapie eine ergänzenden Weg zur gesundheitlichen und sozialen Rehabilitation bei Heroinabhängigkeit weisen konnte", resümmierte der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Dr. Axel Horstmann auf einer angeschlossenen Pressekonferenz. Viele Süchtige hätten die Abstinenzbehandlung verweigert oder seien rückfällig geworden. Durch die Wahlmöglichkeit zwischen Substitutions- und Abstinenztherapie wolle das Land NRW jetzt möglichst viele Süchtige ansprechen. Methadon sei dabei primär zur gesundheitlichen und sozialen Stabilisierung gedacht, betonte Horstmann. Obwohl man inzwischen "auch in Teilzielen denke", sei das "langfristige Maximalziel" nach wie vor die Drogenfreiheit.

Nur rund ein Drittel der einbezogenen Fixer gelten heute als erfolgreich behandelt. In diese Kategorie fallen die 6 Prozent, die inzwischen weder von Heroin noch von Methadon abhängig sind, und die 28 Prozent, die es geschafft haben zumindest vom Heroin wegzukommen. Was so ernüchternd klingt, liegt nach Horstmann in der gleichen Größenordnung wie die Erfolgsquote bei Abstinenztherapie. Als "Teilerfolge" wertet das NRW-Gesundheitsministeriums weitere 12 Prozent, die zumindest phasenweise drogenfrei sind, beziehungsweise persönlich oder sozial stabilisiert werden konnten. Ein Mißerfolg wurde bei 26 Prozent der Projektteilnehmer registriert.

Die Quote der Straftaten sank bei den einbezogenen Fixern von 52 Prozent vor Substitutionsbeginn auf jetzt 16 Prozent. Mit der Substitutionsdauer habe auch der Drogenbeigebrauch abgenommen; das Risiko für Suizid- oder Drogentod liege unter der Substitution rund 15mal niedriger als bei erfolglosem Abbruch, resümierte Dr. Clemens Rösinger von der Rheinischen Landes- und Hochschulklinik. Die berufliche Rehabilitation der Betroffenen sei allerdings insgesamt schlecht: Bei Projektbeginn hatten 31 Prozent einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, inzwischen nur noch 27 Prozent.

Insgesamt habe er nur vier kontrollierte randomisierte Studien gefunden, berichtete Stöhler. Diese hätten die gleiche Tendenz gezeigt wie das NRW-Projekt: Die substituierten Gruppen waren den Kontrollgruppen (Verhaltenstherapie) jeweils im Hinblick auf illegalen Drogenkonsum, Kriminalität und suchtbedingte Mortalität überlegen. Außerdem habe die Recherche eine Abhängigkeit des Therapieerfolgs von der Höhe der Methadondosierung ergeben. Am effektivsten sei offenbar eine "genügend hohe Dosierung" (> 50 mg Methadon/d), kombiniert mit umfangreicher psychosozialer Betreuung, da ein Großteil der Betroffenen auch psychisch krank sei. Als weitere Einflußfaktoren zeigten sich laut Stöhler das Einstiegsalter und die Dauer des Drogenkonsums: "Je früher der Beginn und je länger die Konsumdauer, desto schlechter ist die Prognose."

Um weitere Aussagen zur Kosten-Nutzen-Relation der Methadonsubstituion zu bekommen, wurde im Anschluß an das NRW-Erprobungsprojekt seitens der gesetzlichen Rehabilitationsträger (Renten- und Krankenversicherungs- sowie Sozialhilfeträger) ein eigenes Pilotprojekt zur Methadon-gestützten Rehabilitation gestartet, das Ende März nächsten Jahres ausläuft. Nach seiner positiven Auswertung solle die Methadonsubstitution in Deutschland finanziell abgesichert werden, hieß es in Düsseldorf.

Fest stehe jedoch bereits jetzt, daß qualifizierte Substitutionsbehandlung den Sozialleistungsträgern Ausgaben spare; hinzu kämen Kosteneinsparungen für die Gesellschaft, unter anderem durch den erwiesenen Rückgang der Drogenkriminalität unter Substitution. Allein bei den 8000 derzeit in NRW Substituierten könne man von einer Senkung der Beschaffungskosten um etwa eine halbe Milliarde DM ausgehen.

PZ-Artikel von Bettina Schwarz, Düsseldorf
       

© 1997 GOVI-Verlag
E-Mail:
redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa