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Pilze statt Pillen: Ein Apotheker sucht das Weite

23.06.1997
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-Magazin

  Govi-Verlag

Pilze statt Pillen: Ein Apotheker sucht das Weite
Rezension

  Im Feuilleton der Pharmazeutischen Zeitung gibt es heute eine gute Nachricht: Der Apotheker als Romanfigur setzt sich auch 1997 weiter durch. Als Ende 1995 der PZ-Titel "Apothekerin und Apotheker in der zeitgenössischen Literatur" erschien, war dieser Trend schon spürbar, aber es gab das neue Buch von Peter Handke noch nicht. Das im Frühjahr 1997 herausgegebene Werk "In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus" erweitert unserer internationales Romanheldenkabinett um den Apotheker von Taxham bei Salzburg.

Der Apotheker von Taxham ist Pilzkenner und Geruchsmensch. Die Lust an beidem treibt ihn täglich in die Natur hinaus. Im Wald hat er eine Lieblingsstelle. Dort sitzt er bei schönem Wetter, kaut Vesperbrote und liest in einem Ritterroman. Während der Öffnungszeiten seiner Adler-Apotheke, die seit Generationen im Besitz der Familie ist, zieht er sich gern in die Rezeptur zurück und fertigt Arzneien auf Vorrat an - für den Notfall. So vermeidet er es, den ganzen Tag mit Menschen zu tun zu haben. Dieser in kontemplativer Zurückgezogenheit lebende Zeitgenosse wird nun vom Autor in ein Abenteuer verwickelt. Eines Tages verläßt er auf einen Wink des Schicksals hin planlos, aber konsequent Taxham: Vorläufiges Ziel: Santa Fe, eine Stadt am Rand der Steppe.

Natürlich muß ein Romanschriftsteller kein Landvermesser sein, umso nutzloser wäre also die Frage, wo in Europa, speziell ein paar Autostunden hinter Salzburg, diese Steppe sein könnte. Die Namen der am Weg liegenden Städte und Ortschaften klingen international, die meisten davon spanisch. Und weil die Deutschen zwar das reiselustigste Volk von allen sind, sich dann aber in der Fremde unbedingt wie zu Hause zu fühlen müssen, tragen Hotels, Restaurants und Bars die Namen deutscher Großstädte.

Ein paar Autostunden hinter Salzburg Richtung Berge vermuten wir eine französische, italienische oder slowenische Voralpenlandschaft mit sanften grünen Tälern und schwarzweißgefleckten Kühen. Eine Steppe, die mit dem PKW zu erreichen wäre, gibt es in der Mongolei oder in Rußland. Wegen der vielen spanischen Ortsnamen ist die Handke-Steppe aber wahrscheinlich das Hochland von Kastilien.

Man kann im Vermischen geographischer und nationaler Eigenheiten erste Anzeichen von Globalisierung auch in der Literatur sehen, man kann aber genauso gut auf den Gedanken kommen, daß Dichtung und Poesie die Urform der virtuellen Realität sind, um ein weiteres Schlagwort einmal aus ungewohnter Perspektive zu betrachten. Was passiert beim Lesen von Romanen wie: "In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stileen Haus"? Dem Gehirn werden die unwahrscheinlichsten Bilder übermittelt, und das schnurlos vom Medium Buch direkt in den eigenen Kopf hinein - ein wunderbarer Mechanismus, um den die Hard- und Softwarehersteller uns wirklich beneiden können.

Der Apotheker von Taxham sucht und findet vor allem Pilze. Zum Beispiel der Steppenbitterpilz, "gut gegen Kopfschmerzen, Wahngefühle, Süßholzraspeln, Stummheit und Alleinseinsschalheit". Nach Tagen, Wochen des Suchens erlebt es der Wanderer als neu gewonnene Freiheit, schließlich das Suchen aufzugeben.

Solcherlei entlastet kehrt er nach Taxham zurück: Zur Apotheke, zu seinem stillen Haus und zu seinem Ritterroman, nur daß sich zwischen der zuletzt gelesenen und der jetzt frisch aufgeschlagenen Seite ein echtes, ein eigenes Abenteuer ereignet hat.

"Tote darf es in meiner Geschichte nicht geben", sagt der Apotheker von Taxham einmal zu seinem Autor. Am Ende ist außer einem Radfahrer tatsächlich niemand umgekommen, aber es gibt ein paar begrabene Hoffnungen, die im Apotheker fortan nervöse Ruhelosigkeit und unerfüllbare Wünsche ersetzen werden. Die Steppenwanderung des Apothekers ist ein Entschlackungsprozeß, der ihn von allem befreit, "was die Sinne vernebelt", und öffnet "für das Leben und die Gefahr". Die nächste Stufe der Erleuchtung wäre dann, daß der Mann seinen Humor wiederfindet, und das ist bekanntlich die schwerste aller Übungen.

PZ-Artikel von Regina Sauer, Frankfurt
   

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