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Zur Diskussion gestellt: Mistelextraktein der Krebstherapie

15.06.1998  00:00 Uhr

-Titel

Govi-Verlag

Zur Diskussion gestellt: Mistelextrakte
in der Krebstherapie

Die Empfehlung zur Anwendung der Misteltherapie leitet sich aus dem anthroposophischen Weltbild Rudolf Steiners ab. Sein komplexes Lehrgebäude wird im allgemeinen Sprachgebrauch häufig auf die Betrachtung einer Einheit von Körper und Geist reduziert, was ihm nicht gerecht wird. Geleitet durch die Kraft seiner geschulten Intuition, war es ihm nach eigenen Angaben möglich, die geistige Welt zu erfassen und mit dieser Einsicht eine Erweiterung der Medizin zu formulieren.

So sehen seine Schüler auf der Basis seiner nicht revidierbaren Lehrsätze zum Beispiel in der Tätigkeit ahrimanischer Wesen, ätherische Gesetzlichkeit, also Wucherkräfte des alten Mondes, in den Ätherleib des Menschen während des Schlafes hereinzutragen, Ursachen für Krankheiten. Aufgrund der esoterischen Arzneimittellehre, die den Geist einer Substanz (Spiritualität) zum kausalen Heilfaktor erklärt, hat Steiner der Mistel die Kapazität zugewiesen, Monden-Erdenäther aufzusaugen und die Wirkung des Astralleibes auf die Durchdringung des Ätherleibes zu verstärken.

Flankiert werden soll die Anwendung dieses Heilfaktors durch eine Reihe von Begleitmaßnahmen zur Stärkung des Ätherleibes, deren Kenntnis für eine korrekte Umsetzung der anthroposophischen Postulate notwendig ist. Da die Mehrzahl der Mistelpräparate ihre fiktive Zulassung im gesetzlichen Sonderrahmen der "Besonderen Therapierichtungen" dem Bezug zur anthroposophischen Menschen- und Naturerkenntnis verdanken, ist es ein zwingendes Gebot für Apotheker, Ärzte und Anbieter, diese Extrakte im Einklang mit der Lehre Steiners zu verabreichen und den langwierigen anthroposophischen Schulungsweg zu durchlaufen. Ein Spagat zwischen Anthroposophie und Naturwissenschaft ist nicht statthaft, weil naturwissenschaftliche Grundsätze mit den anthroposophischen Dogmen grundsätzlich unvereinbar sind.

Wird das publizierte Datenmaterial zur Mistelanwendung systematisch nach den Grundregeln klinischer Forschung gesichtet und dann den Werbeaussagen von Anbietern gegenübergestellt, so fällt in der wissenschaftlichen Bewertung eine deutliche Diskrepanz auf. Kritische Analysen können die PR-mäßig weitgestreute Sichtweise einer postulierten Wirksamkeit nicht teilen. Auffallend ist zudem ein Mangel an Präzision und Qualität in vielen einschlägigen Berichten.

Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang ferner die eilfertige Übertragung von häufig anekdotischen Tierversuchsdaten auf den Menschen, ohne bezüglich der Dosierung den offensichtlichen Gewichtsunterschied von Maus und Mensch zu würdigen. Gleichfalls wird jeder in vitro meßbaren Wirkung eines Inhaltsstoffes umgehend werbewirksam eine klinische Wirksamkeit zugesprochen. In dieser Beziehung hat in den aktuellen Werbeaussagen besonders eines der beiden Mistellektine breiten Raum erhalten.

In einem engen Dosisbereich von 1-2 ng/kg Körpergewicht induziert das Galaktosid-spezifische Lektin der Mistel (Viscum album Agglutinin, VAA-I) die Änderung einzelner Immunparameter sowie die Erhöhung der Serumspiegel proinflammatorischer Zytokine. Diese Immunmodulation wird zumindest voreilig, vielleicht leichtfertig mit klinischem Nutzen für den Patienten gleichgesetzt. Da es bisher keine zwingenden Daten für ein Korrelation von zum Beispiel CD4/CD8-Messungen zur klinischen Prognose von Tumorpatienten gibt, sehen Onkologen hierin Äußerungen, die unberechtigt Hoffnung wecken. Daß die lektinorientierte Mistelanwendung keine etablierte, sondern eine experimentelle Therapie darstellt, unterstreicht ein weiterer Gesichtspunkt.

Nicht nur Immunzellen besitzen die Fähigkeit, auf Zytokine zu reagieren. Erhöhung der Proliferation durch zum Beispiel Interleukin-6 ist für Leukämie- und Lymphomzellen überzeugend in vitro und in vivo dokumentiert, so daß einzelne Anbieter von Mistelpräparaten schon von deren Anwendung bei Hämoblastosen abraten. Da jedoch auch Zellen solider Tumore proinflammatorische Zytokine als parakrine Wachstumsfaktoren zu nutzen in der Lage sind, halten wir auf dieser breiten Datenbasis die Anwendung dieser experimentellen Therapieform ausschließlich in streng kontrollierten Studien für ratsam.

Zwei umfangreiche Tierstudien mit Lektinbehandlung nach chemischer Karzinogenese belegen keinen klinischen günstig zu wertenden Einfluß, sondern weisen für Einzeltiere eher auf einen negativen, statistisch jedoch nicht signifikanten Einfluß (multifokale Tumorinzidenz, invasives Tumorwachstum) der lektinvermittelten Immunmodulation. Im eigenen Interesse der Hersteller und als Ausdruck des Patientenschutzes (primum non nocere) sollte die Evaluierung der möglichen Ambivalenz der Wirkung lektininduzierter Zytokine nicht der allgemeinen unkontrollierten Anwendung im laufenden Feldversuch, der aufgrund der Sonderregelung für "Besondere Therapierichtungen" ausführbar ist, vorbehalten bleiben. Die Möglichkeit der Privilegierung solcher Handelsprodukte in der Bewertung des Risikobereiches sollte eingehend analysiert werden.

Bis aus einem Therapievorschlag ein zuverlässiges Instrument der erfahrungsbezogenen, wissenschaftlich fundierten Medizin werden kann, ist ein langer Weg zu durchschreiten. Wunschdenken, Lobbyarbeit oder opportunistische Anpassung an eine (lancierte) Zeitgeistdefinition ersetzen nicht Fakten, die für die fachliche Anerkennung notwendig sind.

PZ-Titelbeitrag von Sigrun Gabius, Rosenheim, und Hans-Joachim Gabius, München Top

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