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16.06.1997  00:00 Uhr

-Titel

  Govi-Verlag

Pharmazeutische Betreuung : Erfahrungen in den Niederlanden

  In allen entwickelten Industriestaaten versuchen Apotheker mit der Einführung von Pharmazeutischer Betreuung ihren berufsspezifischen Beitrag zum Therapieerfolg von Patienten zu vergrößern. Dabei hat die Implementierung tendenziell in den Ländern eine größere Chance, in denen Themen der Sozialpharmazie und der klinischen Pharmazie bereits fester Bestandteil der Aus- und Fortbildungsinhalte sind, wie in den Niederlanden seit Anfang der 70er Jahre. Die bisherigen Erfahrungen der holländischen Kollegen bei der Praktizierung einer Pharmazeutischen Betreuung der Patienten kann nicht zuletzt helfen, das berufliche Selbstverständnis der Apotheker auch in Deutschland zu konsolidieren und erfolgversprechende Strategien für die Zukunft weiter zu entwickeln und umzusetzen.

Der Stammvater von Pharmaceutical Care, der amerikanische Professor Dr .Charles D. Hepler, beschreibt schon 1989 zusammen mit Professor Dr. Linda Strand Pharmaceutical Care als "die verantwortliche Teilnahme an der Arzneimitteltherapie mit dem Ziel die Lebensqualität von Patienten zu verbessern". Einige wichtige und in jüngster Vergangenheit häufig zitierte Charakteristika für die praktische Durchführung einer Pharmazeutischen Betreuung sind:
  • ein zeitlich klar definierter Startpunkt für die Betreuung eines Patienten in Form eines ausführlichen Eingangsgesprächs ("intake"),
  • die möglichst lückenlose Dokumentation von relevanten Patientendaten,
  • die professionelle strukturierte Identifizierung, Lösung und Prävention von arzneimittelbedingten Problemen,
  • die kontinuierliche Begleitung des Patienten inklusive der regelmäßigen Evaluation des erreichten Betreuungs- und Therapieergebnisses und
  • die mit Arzt und Patient geteilte Verantwortung für einen optimalen Therapieerfolg.

Dies sind für deutsche Apotheken wohl unbestritten neue Arbeitsbereiche, deren Realisierung auf umfassende strukturelle, organisatorische aber auch persönliche Veränderungen angewiesen ist. Auch in den Niederlanden ist Pharmaeutical Care nicht in letzter Konsequenz verwirklicht. Sowohl die Qualität der pharmazeutischen Beratung als auch die ersten bereits auf breiter Basis eingeführten Schritte einer kontinuierlichen Pharmazeutischen Betreuung fußen jedoch auf einer solideren Grundlage.

Fünf grundsätzlich differierende Strukturmerkmale können möglicherweise den stärkeren Umsetzungsgrad in unserem Nachbarland erklären.

1. Die Organisation des Apothekenwesens

  • Holländische Apotheken verfügen über einen größeren Patientenstamm von durchschnittlich 8000 bis 10.000 Patienten.
  • OTC-Arzneimittel und das Randsortiment werden in den Niederlanden vorwiegend durch Drogerien vertrieben und spielen in den Apotheken kaum eine Rolle.
  • Die Assistenten (teils vergleichbar mit deutschen PTAs) dürfen selbständig und auch in Abwesenheit eines Apothekers Arzneimittel herstellen und dispensieren.
  • 97 Prozent der Patienten haben schon allein durch die niedrige Apothekendichte eine Stammapotheke.

2. Information und Datenzugang

3. Datentechnische Möglichkeiten

  • Alle niederländischen Apotheken führen computergestützte Medikationsdateien für verschriebene Arzneimittel, deren Software zusätzlich in der Lage ist, medikationsüberwachende Funktionen zu unterstützen.
  • Manche weiterentwickelten Softwareprogramme erstellen Medikationsprofile eine graphische Darstellung der angewendeten Arzneimittel über einen bestimmten Zeitraum im Überblick.
  • Ein relativ neues Angebot der Softwarehäuser umfaßt die elektronische Speicherung sogenannter Patientendossiers.

4. Ärzte in Holland

Hausärzte übernehmen als sogenannte "Gatekeeper" eine koordinierende und kontrollierende Funktion in der Therapie von Patienten und überweisen gegebenenfalls an Spezialisten. Mittlerweile ist die pharmakotherapeutische Beratung von Hausärzten durch Apotheker Standard.

5. Ausbildungsinhalte in Holland

Für eine rasche und breite Weiterentwicklung der deutschen Apotheken ist der Blick auf die Niederlande möglicherweise sehr hilfreich. Im Bewußtsein des dort erreichten Vorsprungs können für Deutschland folgende Gebiete ausgemacht werden, die unserer Meinung nach einer baldigen Veränderung bedürfen: die bundesweite Einführung von Medikationsdateien in jeder Apotheke, die Förderung der Kooperation zwischen Arzt und Apotheker beziehungsweise allen Heilberufen, die Änderung der Aus- und Fortbildungsinhalte und eine Umgestaltung der Organisationsstruktur von Apotheken.

Sowohl die Einstellung der Patienten, die in den Niederlanden von "ihrer" Apotheke bei weitem mehr Beratungsleistung voraussetzen und einfordern als auch die bessere Kommunikation mit Ärzten zeigen, daß soziale Strukturen durchaus wandelbar sind und vornehmlich auf den gemachten Erfahrungen und der jeweiligen Gewohnheit fußen. Vor diesem Hintergrund könnte man die nächsten fünf Jahre auch als Herausforderung betrachten, Patienten, Ärzte, die Gesellschaft Pharmaceutical Care und dessen Nutzen aktiv erleben und internationalisieren zu lassen.

Für eine effiziente Entwicklung von Pharmaceutical Care in Deutschland und
Europa sollte aus den Fehlern und Erfolgen aller gelernt werden. Aus diesem
Grunde stehen bereits weitere Projekte des PCNE (Pharmaceutical Care Network
Europe) und des EuroPharm Forum der WHO kurz vor ihrer Realisierung. Die Universität Groningen leitet zum gegenwärtigen Zeitpunkt zwei Studien zum Nachweis des Nutzen von Pharmaceutical Care: Erstens eine Studie zur Pharmazeutische Betreuung älterer multimorbider Patienten, die sogenannte OMA- Studie, die nach gleichem Muster in Deutschland durch die Fachgruppe Arzneimittelepidemiologie/Sozialpharmazie der Humboldt Universität als Pilotprojekt in Berlin und nun auch mit modifiziertem Ansatz in Westfalen-Lippe durchgeführt wird. Und zweitens eine Studie zur Pharmazeutischen Betreuung von Asthmatikern, die sogenannte TOM Asthma-Studie, die gegenwärtig auch durch die ABDA in Hamburg gestartet wird.

Ebenfalls wird auch schon zum jetzigen Zeitpunkt jede Apothekerin und jeder Apotheker nutzbringende Hinweise und Überlegungen aus der Praxis zur Weiterentwicklung der Pharmazeutischen Betreuung liefern können und sollte diese auch zukünftig vermehrt mit Kollegen diskutieren. Die Autoren hoffen jedenfalls, hierfür Anreize und eine Diskussionsgrundlage geschaffen zu haben.

PZ-Titel von Jan Willem Foppe van Mil, Almut Müller-Jaeger, Marion Schaefer und Theodorus Tromp, Bonn

       

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