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Monistisches System im Krankenhaus?

08.06.1998
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-Politik

Govi-Verlag

Monistisches System im Krankenhaus?

"Das Krankenhaus im 3. Jahrtausend - neue Versorgungsformen plus Wirtschaftlichkeit!?" war das Thema des ersten gesundheitspolitischen und -ökonomischen Diskussionsforums, zu dem die Vereinigte BKK Novitas am 27. Mai 1998 nach Duisburg eingeladen hatte. Der Vorstandsvorsitzende dieser neuen Krankenversicherung, Dr. Alfred Jensen, begründete dieses Angebot mit notwendigem, betriebswirtschaftlichem Denken und Handeln. Dies werde im Gesundheitswesen gerade wegen der sozialpolitischen Aufgaben zu einer Daueraufgabe und gehöre immer wieder auf den Prüfstand.

Einen besonders wichtigen Ansatz biete die stationäre Versorgung, da hier das meiste Geld ausgegeben werde. Kritik übte Jensen an der öffentlich-rechtlich geprägten Struktur der meisten Krankenhäuser, die ein betriebswirtschaftliches Handeln erschwerten. Er plädierte gleichzeitig dafür, die Trägerschaft und Unternehmensführung eines Krankenhauses strikt zu trennen mit dem Ziel, ökonomische und medizinische Erfolge für die Patienten zu erreichen.

Hierfür müsse ein Wettbewerbsrahmen abgesteckt werden. Die Schonzeiten für eigentümliche deutsche Besonderheiten im stationären Bereich seien aufgrund des einsetzenden europäischen Wettbewerbs (siehe jüngste EuGH-Urteile) bald abgelaufen. Jensen sprach die gebündelten Interessen der Bundesländer als Gruppe oder Träger der Krankenhäuser an, gegen die sich die Krankenkassen nur schwer behaupten könnten. Die überkommenen Strukturen müßten einem neuen Wettbewerb in der GKV Platz machen.

Die Gründung der Novitas Vereinigte BKK ab 1. Januar 1997, eine Fusion der ehemaligen BKK von Thyssen Stahl mit 13 anderen BKKs, ist eine Antwort auf die Wettbewerbsforderung, wie Jensen darlegte. Zugleich hat sich diese Krankenkasse für jeden Versicherten geöffnet, die internen Organisationsstrukturen verändert und weiterentwickelt. Über 300 Mitarbeiter in 34 Geschäftsstellen betreuen die 170.000 Versicherten. Die Zielsetzung sei, so Jensen, eine bestmögliche Versorgungsqualität und kürzeste Wege für die Patienten sowie ein sich Kümmern um die kranken Menschen. Diese Bereitschaft erwarte Novitas auch von allen anderen Akteuren im Gesundheitswesen.

Mengenproblem bleibt

Deutliche Kritik an der weiter steigenden Mengenentwicklung im Krankenhaus aufgrund der Gerätemedizin und des medizinischen Fortschritts äußerte der Vorsitzende des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen, Karl Jung, Staatssekretär a.D. Zu beklagen seien eine mangelnde Verzahnung von ambulanten und stationären Leistungen sowie zahlreiche unnötige Doppeluntersuchungen. Jung stellte jedoch zugleich klar, daß eine generelle Öffnung der ambulanten Versorgung im Krankenhaus nicht wünschenswert sein könne und an den Reformbemühungen vorbeigehe. Vor dem Hintergrund des Prestigedenkens der Länder und mangelnder Bedarfsplanung habe sich die Selbstverwaltung der Krankenhäuser als völlig unzureichend erwiesen.

Politik und Staat müßten darüber diskutieren, was von der GKV noch bezahlbar ist, so Jungs dringende Empfehlung. Dies sei allerdings eine schwierige Aufgabe, denn wer soll letztendlich bestimmen, was medizinisch notwendig ist und wo die Grenzen der Wirtschaftlichkeit liegen? Über Pflegesatzverhandlungen seien die gewaltigen Probleme der Finanzierung jedenfalls nicht zu lösen.

Verzahnung im NRW-Gesetzgebungsverfahren


Auch Dr. Hans Sendler, Leiter der Abteilung Gesundheit im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, sprach sich für die Ablösung des dualen durch ein monistisches Finanzierungssystem in den Krankenhäusern aus. Voraussetzung sind hierfür leistungsadäquate Einnahmen, Berechenbarkeit der Finanzerwartungen sowie Unabhängigkeit von fiskalischen Schwankungen, wie Sendler in seinem Referat darlegte. Das in Nordrhein-Westfalen ab 1999 anvisierte durchgängige Preissystem auf Selbstverwaltungsbasis sei ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Die im Gesetzgebungsprozeß befindliche Novelle des Krankenhausgesetzes (KHG-NW-E) sehe darüber hinaus eine Zusammenarbeit der Krankenhäuser untereinander, mit den niedergelassenen Ärzten, dem öffentlichen Gesundheitsdienst, Rettungsdienst, den zuständigen Behörden sowie Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens, den Selbsthilfeorganisationen und den Krankenkassen vor. Ziel sei eine sinnvolle Verzahnung von stationärer und ambulanter Versorgung.

Notfallambulanzen

Einen aktiven Wettbewerbsbeitrag will die Vereinigte BKK Novitas leisten, wie deren Vorstandsvorsitzender Jensen in einem dem Forum vorgeschalteten Pressegespräch berichtete. Die Krankenkasse plant in einem Modellprojekt die Einrichtung von Notfallambulanzen in oder an Kliniken und führt derzeit Gespräche mit zwei Krankenhäusern sowie mit der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung. Die Inanspruchnahme der rund um die Uhr mit Ärzten zu besetzenden Ambulanzen durch Patienten anderer Versicherungen sei durchaus denkbar, dies setze allerdings Verhandlungen voraus. "In echten Notfällen", so begründete Jensen den Vorteil, "steht das Krankenhaus gleich zur Verfügung."

PZ-Artikel von Erdmuthe Arnold, Duisburg
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