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Betroffen: ja, beteiligt: nein

08.06.1998  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

Betroffen: ja, beteiligt: nein

Managed Care ist eine Chance für die Apotheke. Dennoch ist der Berufsstand in den meisten Projekten nicht vertreten. Diese Tatsache stellten die Podiumsteilnehmer des Gesundheitspolitischen Forums am 3. Juni in Heidelberg, zu dem Landesapothekerkammer und -verband Baden-Württemberg sowie die Pharmazeutische Zeitung eingeladen hatten, einhellig fest. Je nach Interessenlage - ob Pharmahersteller, Krankenkasse, Arzt oder Patient - wird den Apothekern unterschiedlich viel Raum zur Mitgestaltung und Mitverantwortung in der Diskussion zugestanden.

Managed Care will hohe Versorgungsqualität zu günstigen Kosten sicherstellen. Eine annehmbare Übersetzung des Begriffs sah PZ-Chefredakteur Dr. Hartmut Morck, Moderator der Runde, in "geführte Betreuung", weil sich die Krankenversicherer anschickten, Kosten- und Therapiepläne zu steuern und zu regulieren. Unbeantwortet sei bisher die Frage geblieben, welche Rolle die einzelnen Beteiligten künftig in vernetzten Managed-Care-Strukturen spielen.

Der niedergelassene Arzt und Gründer des Bundesverbandes Managed Care, Dr. Klaus Meyer-Lutterloh, hält eine Vernetzung vorhandener Strukturen für dringend notwendig. Wer sich nicht beteilige, werde das Gorbatschow-Wort "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", zu spüren bekommen. Schnittstellen müßten zu Nahtstellen werden, so daß die Informations- und Kommunikationsflüsse nicht behindert werden. Wenn ein Netz funktioniert, werden die Patienten optimal versorgt, und Kosten werden eingespart, ist Meyer-Lutterloh überzeugt.

"Strategische und operative Allianzen aufbauen"


Befürchtungen der Apotheker, im System nicht mehr gebraucht zu werden, hält der Arzt für unbegründet. "Bauen Sie auf Ihre Stärken", riet er den Apothekern. Er selbst habe aus einer Verordnungsanalyse, die er mit einem Pharmazeuten diskutiert hat, viel gelernt und empfiehlt diesen interdisziplinären Austausch seinen Kollegen. Im Datenfluß werde auch das elektronische Rezept Einzug finden, so daß Apotheker in der Pharmakotherapie einen Teil der Patientenführung übernehmen könnten. Schulungen für die neue Aufgabe und Verantwortung sollten als zusätzliche Qualifikation nicht gleich von der Hand gewiesen werden. Dies gelte nicht nur für die Leistungserbringer, sondern auch für die Netzpatienten. Es müssen strategische und operative Allianzen aufgebaut werden.

Dem stimmte der Vorstandsvorsitzende des BKK Landesverbandes Bayern, Gerhard Schulte, voll zu. Es gehe einzig und allein um eine Optimierung der Versorgungsabläufe. Das überreiche Angebot an Gesundheitsdienstleistern und enge gesetzliche Vorgaben behinderten die Reformbemühungen der gesetzlichen Krankenkassen. Die dritte Stufe der Gesundheitsreform habe keine durchschlagenden Erfolge gezeigt. Es müßten neue Verträge zwischen Versicherern und Leistungsanbietern her. Hier zeichneten sich aber nur zögerliche Versuche ab.

Daß Apotheker und Apotheken in der Diskussion keine nennenswerte Rolle spielen, ist nach Schultes Worten "ein Erfolg der Politik der Standesführung". Sie habe es verstanden, den Arzneimittelbereich aus den Erprobungsregelungen rauszuhalten. Nur über eine Stärkung der ambulanten Medizin könne die Versorgung verbessert werden, wobei "gute Arzneimittel durchaus Gegenstand von Netzüberlegungen sein werden". Allerdings müsse die Handelsschiene gelockert werden. "Daran wollen wir wackeln". Seehofers beruhigende Worte hätten nur bis zum 27. September Wirkung. Für Schulte besteht kein Zweifel, daß danach - unabhängig vom Wahlausgang - der Versandhandel für Arzneimittel kommt "für die Patienten, die sich der Mühe der Bestellung unterziehen".

Einen Grund, warum "wir seit 30 Jahren immer wieder die gleiche Misere beklagen", sieht der Versicherungsmann in der Tatsache, daß immer auch wirtschaftliche Interessen vertreten und gegen andere Bereiche abgeschottet werden. Da sich für die Apotheker Beratung nicht lohnt - "sie wird nur an das Arzneimittel angehängt" - stellen die Krankenkassen Beratungsapotheker ein. Diese haben nach Schultes Einschätzung die besseren Chancen, in Praxisnetze eingebunden zu werden als niedergelassene Offizinapotheker.

Wirtschaftlichkeit geht Kassen vor Versorgungsqualität


Für den Vertreter der Pharmaindustrie, Rolf Reher, Bayer Vital Leverkusen, war die wirtschaftlich ausgerichtete Argumentation Schultes interessant. Es gehe schließlich nicht darum, wie man Arzneimittel sparen könne, sondern wie die Strukturen effizienter gestaltet werden können. Der Begriff Prozeßoptimierung sei in den Diskussionen offenbar immer noch ein Fremdwort.

Die Bonusverträge in Berlin, Brandenburg und Hessen hält Reher lediglich für einen Beweis von Mismanagement. Sie werden sich für die Krankenkassen als Minusgeschäft erweisen, weil die "teuren Patienten" ins Krankenhaus eingewiesen werden, wodurch sie das System wesentlich mehr kosten als in der niedergelassenen Praxis. "Das System wird sehenden Auges in die Ineffizienz getrieben", so Reher. "Wir brauchen aber integrierte Versorgungsformen - insbesondere für chronisch Kranke".

Integrierte Versorgungsformen - dazu habe Bayer mit der eigenen Betriebskrankenkasse ein Pilotprojekt zur Versorgung von Diabetikern laufen. Der Pharmahersteller praktiziere hier bereits sein neues Selbstverständnis. Er liefert nicht nur das Arzneimittel als Software, sondern auch das Know-how und die Beratung der Kasse in Fragen des Versorgungsmanagements. Der Modellversuch "Focus diabeticus" beinhaltet darüber hinaus Qualitätszirkel für und mit Ärzten. Die Industrie will im Gegenzug strategisch fair eingebunden werden. Apothekern kommt in dem Modellversuch unter anderem die Aufgabe zu, die Compliance der Patienten zu verbessern. Pharmazeutische Betreuung als strukturierte Therapiebegleitung - "das geben die Apotheker hoffentlich nicht auf".

Becker: "Apotheker sind nicht Prügelknaben der GKV"


Managed Care ist nach Ansicht von Fritz Becker, Präsident des Landesapothekerverbands Baden-Württemberg, ein reines Machtinstrument der Kassen mit Kostenspareffekten. Apotheker sehen dagegen in Managed Care ein Instrument zur Verbesserung der Versorgung. Amerikanische Versorgungsmuster dürften nur wohl überlegt ins gewachsene deutsche Solidarsystem transferiert werden. Die allgemeine Misere werde nicht verdrängt. "Sicherlich haben wir Finanzierungsprobleme, aber dies auf hohem Niveau", so Becker.

Wie sorgfältig neue Versorgungsstrukturen vorab durchdacht werden sollten, zeigen erste Erfahrungen mit Modellversuchen. Nach Becker warten alle rund 70 laufenden Modelle auf Erfolgsmeldungen - ganz besonders die "abartigste Form", die Bonusverträge. Sie werden alle mit hohem finanziellem Aufwand, also Beiträgen der Versicherten, am Leben gehalten.

Die Krankenkassen forderte Becker auf, das Angebot der Apotheker anzunehmen: "Die Apotheker sind die Arzneimittelfachleute im System mit Know-how, das sie in das System einbringen könnten". Arzneimittelauswahl, Pharmaceutical Care, Drug Monitoring, Intensivberatung seien beispielhafte Angebote zur Effizienzsteigerung im Gesundheitswesen. Die Arzneimittellogistik auf hohem Niveau sei selbstverständlich. "Wir sind bereit, unseren Beitrag zur Zukunftssicherung der GKV zu leisten, nicht zum Nulltarif und auch nicht als Prügelknabe von GKV und anderen Leistungserbringern".

PZ-Artikel von Gisela Stieve, Heidelberg
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