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Betriebsordnung hemmt nicht dieWeiterentwicklung

08.06.1998  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

Betriebsordnung hemmt nicht die Weiterentwicklung

Keine Bestimmung der Apothekenbetriebsordnung steht einer Weiterentwicklung der Apotheke zum Gesundheitszentrum entgegen. Das betonte BAK-Präsident Dr. Hartmut Schmall in seiner Eröffnungsrede zum 36. Pharmakon am 7. Juni in Meran. Der Bundesrat habe 1994 zwar einer Änderung der Betriebsordnung zugestimmt, und die Regierung aufgefordert, zu prüfen, inwieweit die Ordnung von Detailregelungen befreit und auf Rahmenvorgaben beschränkt werden könne. Bei der Frage, welche Regelungen einer solchen Entwicklung entgegen stehen, hätte sich der Länderrat jedoch bedeckt gehalten.

Nach Meinung Schmalls gibt es sicherlich einige Kolleginnen und Kollegen, die in diesem Zusammenhang an die Abschaffung des Labors denken. Ob sich so Kosten einsparen und zusätzlich gewonnener Raum und Personal besser nutzen ließen, stellte er jedoch in Frage. Nur die Kosten für den Unterhalt des Labors entfielen. Die Grundinvestition für die Einrichtung sei ja schon längst getätigt worden, da die Apotheke ansonsten gar nicht hätte eröffnet werden dürfen.

Das Labor müsse außerdem immer in Verbindung mit der Rezeptur gesehen werden. Im Durchschnitt fertige eine Apotheke jährlich rund 1200 Rezepturen allein zu Lasten der GKV an. Die Abschaffung des Labors bedeute zwangsläufig, daß diese nicht mehr angefertigt werden dürften, da keine Prüfung der Ausgangsstoffe mehr möglich sei. Selbst wenn die Ärzte auf die Rezeptur verzichteten, würde sich die Frage nach der Notwendigkeit eines Labors nicht von selbst lösen, betonte Schmall. "Wie erklären wir denn unseren Patienten, daß wir nicht 100 g Brennessel- oder Kamillentee abfüllen dürfen?" Für den BAK-Präsidenten ist es fragwürdig, wie man seinen Kunden ausschließlich Fertigpräparate empfehlen kann, wenn diese preiswerter im Supermarkt zu haben sind. "Wir stellen uns ein schlechtes Zeugnis aus, wenn wir nicht unsere ureigenste Aufgabe, die Arzneimittelversorgung vollumfänglich wahrnehmen", sagte Schmall.

Apotheker dokumentiert seine analytische Kompetenz

Auch eine Herstellung von Arzneimitteln ohne vorherige Prüfung der Ausgangssubstanzen hält der BAK-Präsident für inakzeptabel. Die Überprüfung der Stoffe sei gelebter Verbraucherschutz, und dieser dürfe nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. Zusätzlich dokumentiere der Apotheker mit der Prüfung auch seine naturwissenschaftliche und analytische Ausbildung. Gerade die sei es, die dem Pharmazeuten eine vom Arzt differierende Sichtweise über Wirkung und Eigenschaften der Arzneimittel ermögliche. Gäbe es ferner in deutschen Apotheken keine Laboratorien mehr, würde auch der vorgeschriebene Anteil der analytischen Ausbildung in der Approbationsordnung reduziert. Damit geht ein weiteres Kerngebiet apothekerlicher Kompetenz verloren, so Schmall.

Auch Regelungen, die einzelne Apotheken mit der Belieferung von Rezepturen beauftragen, die dann ein Labor unterhielten, sei nicht realisierbar. Schließlich müßte eine flächendeckende Versorgung gewährleistet werden. Die Diskussion über einen postalischen Versand der Rezepturen verbiete sich von selbst.

Schmall ist der Meinung, daß die Abschaffung des Labors außerdem zu einer Generaldebatte über die Arzneimittelpreisverordnung führt. Das Preisbildungssystem basiere schließlich auf einer Mischkalkulation, in der auch die Kosten für die Prüfung von Arzneimitteln enthalten sind.

Bei der Änderung der Apothekenbetriebsordnung kann sich der BAK-Präsident jedoch vorstellen, daß einschlägige Anlagen, die die vorrätig zu haltenden Prüfsubstanzen und –geräte beschreiben, entfallen. Der Apotheker sollte lediglich verpflichtet werden, nur für die tatsächlich anfallenden Prüfungen entsprechende Geräte und Substanzen bereitzuhalten. Dann muß seiner Meinung nach allerdings gewährleistet sein, daß bei Bedarf die fehlende Ausstattung kurzfristig beschafft werden kann.

Nebensortimentsklausel fragwürdig

Ablehnend äußerte sich Schmall gegenüber der Aufgabe einer Positivliste für apothekenübliche Waren entsprechend § 25 der Apothekenbetriebsordnung. Standespolitikern würde zwar häufig vorgeworfen, "sie seien ewig von gestern, hingen an alten Zöpfen und verhinderten notwendige Entwicklungen, die Gestaltungsspielraum ermöglichen". Im Falle des Nebenssortiments erkenne er jedoch keinen Fortschritt, wenn dieser durch eine Generalklausel beschrieben würde. Außer man definiere den Schritt der Apotheke in Richtung drug store. Dieser sei jedoch weder von Politik noch von den Apothekern gewollt.

Nach Schmalls Meinung erinnert die Klausel an die Quadratur des Kreises: "Einerseits will der Staat für das apothekenübliche Sortiment den uneingeschränkten Beibehalt des Status quo, andererseits will er aber eine Klausel, die ihn im Zweifelsfall davon entbindet, bei Abgrenzungsfragen tätig zu werden." Dieser schwarze Peter solle dann den Kammern zugeschoben werden. Schmall glaubt, daß sich die Aufsichtsbehörden der lästigen Querelen um das Erscheinungbild der Apotheken und ihres Nebensortiments entledigen wollen.

Der BAK-Präsident forderte jeden einzelnen Apotheker auf, durch Einrichtung seiner Apotheke, durch die Warenpräsentation, durch die Zusammensetzung sowie den Umfang seines Nebensortiments und durch sein Dienstleistungsangebot, "die Waage auf der Seite Heilberuf zu belasten". Der Berufstand selbst bestimme, welches Bild die Gesellschaft von ihm habe.

Beratung schon vor der Arzneimittelverordnung

Beratung und Information bleiben Dreh- und Angelpunkt der apothekerlichen Tätigkeit. Als fachlich versierter Ansprechpartner trage der Apotheker in der Selbstmedikation eine ganz besondere Verantwortung. Die zeitsparende Alternative, Arzneimittel direkt zu erwerben, wird für Patienten interessanter, sagte der Präsident. "Unser Vorteil gegenüber Anbietern von Dumpingpreismedikamenten ist und bleibt die Sachkompetenz, und die müssen wir aktiv einbringen." Dieses Know-how sei aber gleichermaßen auch bei der Verordnung einzubringen. Die Hamburger Asthmastudie zeige sehr deutlich, wie wichtig der Apotheker als Therapiebegleiter sei. Die Kooperation mit dem Arzt müsse jedoch schon vor der Behandlung durch den Arzt einsetzten.

Hier sei jedoch gegenüber den Ärzten noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Das könnte beispielsweise durch Verordnungsanalysen geschehen. "Wenn wir den Ärzten nicht sparen helfen, werden es andere tun", betonte Schmall. Er erinnerte in diesem Zusammenhang an die im SGB V vorgesehenen Möglichkeiten zum Abschluß von Strukturverträgen. Würden solche Strukturverträge geschlossen, wäre die Apothekerschaft einmal mehr passiver Erfüllungsgehilfe, dessen Tätigkeit sich auf die Abgabe von verordneten Arzneimitteln beschränke.

PZ-Artikel von Ulrich Brunner, Meran
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