Pharmazeutische Zeitung online

Weniger in Beton als in Köpfe investieren

02.06.1997  00:00 Uhr

-Politik

  Govi-Verlag

Weniger in Beton als in Köpfe investieren
Pharmacon Meran

  Für ein fortschrittliches Europa als Ergänzung zum Nationalstaat sprach sich Dr. Klaus Hänsch, ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments, vor rund 700 Apothekern in Meran aus. Nur mit einer Europäischen Einigung könne man den Herausforderungen der Zukunft begegnen. Anlaß seiner Rede zur "Zukunft Deutschlands in einem vereinten Europa" war die Eröffnung des 35. Internationalen Fortbildungskongresses der Bundesapothekerkammer (BAK) in dem Südtiroler Kurort.

Hänsch beklagte, daß es in Europa inzwischen ein verändertes Meinungsklima in Form eines neuen Nationalismus gebe. Er denke dabei nicht so sehr an Skinheads,
sondern an eine Art verkleideten Nationalismus in Schlips und Kragen, der sich gegen die Europäische Einigung wehre. Diese ablehnende Haltung gegenüber Europa hält Hänsch für falsch: "Wir brauchen die Einigung Europas, um den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen", sagte er. Ziel sei es, den Frieden zu sichern, die Bevölkerung vor Kriminalität zu schützen und ökologische wie ökonomische Aufgaben wahrzunehmen. Längst seien die einzelnen Nationalstaaten dieser Herausforderung nicht mehr gewachsen.

Fortschritt und Ausbildung

Besonders kritisch sieht Hänsch die deutsche Beschäftigungspolitik. Es sei ein Fehler, immer nur vom Sparen zu sprechen. Weitaus wichtiger sei die Modernisierung in allen Bereichen. Ganz klar sprach sich der Europapolitiker für die Förderung neuer Technologien aus. Technischer Fortschritt und Ausbildung seien geeignete Maßnahmen, um der zunehmenden Arbeitslosigkeit zu begegnen. "Wir müssen weniger in Beton als in Köpfe investieren", sagte er unter dem Beifall der Apotheker. Die derzeitige Fehlentwicklung könne man zum Beispiel daran erkennen, daß der Export von Spitzentechnologien aus Deutschland immer mehr zurückgehe. Außerdem investierten immer mehr deutsche Unternehmen im Ausland. Als Ursache dafür nannte Hänsch neben den Lohnkosten und gesetzlichen Auflagen den Umstand, daß die Genehmigung eines Projekts in Deutschland bis zu zwei Jahre dauern könne.

Thema Euro

Auch auf das Thema Euro kam Hänsch zu sprechen. Bei allem Vorbehalt einer neuen Währung gegenüber müsse man beachten, daß im Europäischen Binnenmarkt allein 40 Milliarden DM jährlich an Transaktionskosten für die zur Zeit 14 verschiedenen Währungen anfielen. Damit sei die Einführung einer einheitlichen europäischen Währung ein Teil des anstehenden Modernisierungsprogramms. Die Einführung des Euros als deutsches Opfer zu sehen, läßt Hänsch nicht gelten. Es sei auch ein nationales Interesse, in den Ländern rund um Deutschland für eine stabile Währung zu sorgen.

Ängste in der Bevölkerung hält Hänsch dennoch für normal. Schließlich sei die Einführung einer neuen Währung immer mit Risiken behaftet. Beim Euro seien die Chancen aber größer als die Risiken. Es sei zudem falsch, die nationale Identität mit einem Geldschein gleichzusetzen. Vielmehr sollten sich die Deutschen mit ihrer Geschichte, der Demokratie und Gerechtigkeit identifizieren.

Bei der Einigung Europas, so Hänsch, dürfe es nicht nur um die Währungsunion gehen, sondern es sei vor allem eine politische Union anzustreben. Ziele seien zum Beispiel der Umweltschutz und der gemeinsame Kampf gegen das organisierte Verbrechen.

Gegen den Versandhandel

Einige Bemerkungen machte Hänsch auch zur Situation der Apotheken in Deutschland. Ganz klar sprach er sich gegen den Versandhandel und für den Arzneimittelvertrieb über die Apotheke aus. Der Versandhandel sei kein Beitrag zur Verbesserung der Volksgesundheit.

Hänsch wies darauf hin, daß die Europäische Union seines Erachtens nicht das Ende des Nationalstaates bedeute. Sprachen, Kulturen und Traditionen blieben erhalten. Europa sei kein Ersatz, sondern eine Ergänzung zum Nationalstaat. "Europa muß eine Wertegemeinschaft sein, in der die Freiheit des einzelnen und die Verantwortung für das Ganze vorhanden sind", so Hänsch.

PZ-Artikel von Monika Noll, Meran    

© 1997 GOVI-Verlag
E-Mail:
redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa