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Das Haus brennt

02.06.1997  00:00 Uhr

-Politik

  Govi-Verlag

Das Haus brennt
Pharmacon Meran

  Rund 200 Teilnehmer des Meraner Fortbildungskongresses der Bundesapothekerkammer nahmen am frühen Mittwochnachmittag die Möglichkeit wahr, sich über Tendenzen und Gefahren der aktuellen Gesundheitspolitik durch den BAK-Präsidenten Dr. Hartmut Schmall, BAK-Vorstandsmitglied Dr. Franz-Joseph Schulte-Löbbert und den Sprecher der ABDA-Geschäftsführung, Dr. Johannes Pieck, unterrichten zu lassen.

Mit der Feststellung "das Haus brennt" leitete Dr. Hermann Vogel, Vizepräsident der Bundesapothekerkammer, als Moderator die traditionelle berufspolitische Diskussion während des BAK-Fortbildungskongresses ein. Mit dem Berliner Vorstoß, das Apothekengesetz zu ändern, um die Kompetenzen der Krankenhausapotheken auf Ambulanzen und Pflegeheime zu erweitern, werde das bisherige System der sauberen Trennung von stationär und ambulant in Frage gestellt. Dabei gehe es auch um viel Geld. Vogel appellierte an jede einzelne Apothekerin und jeden einzelnen Apotheker, sich aktiv an der augenblicklichen Diskussion zu beteiligen und in der Öffentlichkeit und bei der Politik um Zustimmung für den Standpunkt der Apothekerschaft zu kämpfen. "Sich jetzt passiv gegenüber der Politik zu verhalten, ist genauso gefährlich wie Passivrauchen", sagte Vogel.

Leider leisteten sich noch viel zu viele Apotheker den Luxus des Verdrängens und den Mangel an Sensibilität: Der Grundsatz der Abgabe des Arzneimittels in der Apotheke lasse zum Beispiel eine Werbung für die Zustellung frei Haus nicht zu. Solche Werbung konterkariere die Bemühungen der ABDA, den Versandhandel zu verhindern. Des weiteren gefährde Rabattgewährung die Arzneimittelpreisverordnung und könne nur als "schnelle Mark ohne Verstand" charakterisiert werden. Sollte die Arzneimittelpreisverordnung fallen, existiere auch der freie Heilberuf Apotheker nicht mehr. Vogel reklamierte deshalb bei der Kollegenschaft mehr Sensibilität: "Ein Ruck der Solidarität muß jetzt durch die Kollegenschaft gehen!"

In der Formulierung des Berliner Gesetzentwurfes sieht Pieck außerdem die Gefahr, daß den Ambulanzen für wenige Tage das Dispensierrecht eingeräumt werden könnte. Sollte die Ausweitung der Kompetenzen der Krankenhausapotheken Wirklichkeit werden, erwartet er gewaltige Umsatzeinbrüche für die öffentlichen Apotheken. Auch Pieck interpretiert den Berliner Gesetzentwurf als Systemveränderung. Er bedeute unter anderem auch Fremd- und Mehrbesitz im Bereich der ambulanten Arzneimittelversorgung. Außerdem würde zwangsläufig das jetzige Preisbildungssystem unter Druck kommen. Zur Zeit suche man den Konsens mit Industrie und Großhandel. Auch die Ärzte seien sensibiliert worden. Außerdem werde die ABDA die Einigung mit den Krankenhausapothekern und krankenhausversorgenden Apothekern suchen.

Schulte-Löbbert ging auf das zweites Reizthema "Versandhandel" ein. Trotz des Verbotes in Deutschland würde über Internet ein grenzenloser Versand mit Arzneimitteln unter Mißachtung gesetzlicher Regeln eröffnet. Testkäufe belegten nachhaltig die Gesetzesverstöße bei dem Versandhandel über nationale Grenzen. Arzneimittelsicherheit spiele offensichtlich keine Rolle mehr. Im Kampf gegen den Versandhandel könne die Apothekerschaft nicht auf die Hilfe der Krankenkassen und auch nicht mit der Unterstützung aus Brüssel rechnen. So schließe die europäische Versandhandelsrichtlinie den Versand mit Arzneimitteln nicht ausdrücklich aus und überlasse es den einzelnen Mitgliedstaaten, ob sie den Arzeimittelversand innerstaatlich verbieten. In den Forderungen der Krankenkassen nach dem Versandhandel sieht auch Schulte-Löbbert den Einstieg in eine Systemveränderung.

Bisher habe sich der Gesetzgeber gegenüber den Forderungen resistent gezeigt. Allerdings forderte auch Schulte-Löbbert von der Kollegenschaft mehr Sensibilität: Rezeptsammelstellen, Heimbelieferungen, Einzelzustellungen und Praxisbedarflieferungen würden die Glaubwürdigkeit der ABDA-Forderung nach weiterem Verbot des Versandhandels mit Arzneimitteln untergraben. In der anschließenden Diskussion wurde die Auffassung vertreten, in den eigenen Reihen zunächst Ordnung zu schaffen. Es gebe keinen Grund mehr, Rezeptsammelstellen oder Zweigapotheken zu genehmigen. Auch sollten die Kammern jede Werbeaussage bezüglich der Zustellung von Arzneimitteln berufgerichtlich verfolgen.

Schmall forderte die Apothekerinnen und Apotheker auf, die Kooperation mit den Ärzten in den Arbeitskreisen weiter auszubauen. Er sieht darin den Dreh- und Angelpunkt bei der Umsetzung der ABDA-Thesen. In diesen Arbeitskreisen lasse sich unter anderem auch die Arzneimittelauswahl durch den Apotheker im gegenseitigen Einvernehmen mit den Ärzten regeln. Schmall begrüßte es, daß die Pharmazeutische Betreuung nicht mehr auf Ablehnung bei den Ärzten stoße, sondern, wie begonnene und durchgeführte Studien zeigen, auf eine Kooperation mit den Ärzten gebaut werden könne. Bezüglich der Strukturverträge zwischen Krankenkassen und Ärzten gemäß der Neuordnungsgesetze sei Wachsamkeit angesagt. Die Einbindung der Apotheker sei zwar nicht gelungen. Die Apotheker sollten den Ärzten aber die Beratung anbieten, sonst würden es andere machen. Schmall zog als Fazit, daß die ABDA-Thesen aus dem Jahre 1993 nach wie vor aktuell seien, und forderte alle Kolleginnen und Kollegen auf, sie umzusetzen.

PZ-Artikel von Hartmut Morck, Meran    

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