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Kompression plus Ödemprotektiva am effektivsten

02.06.1997  00:00 Uhr

-Medizin

  Govi-Verlag

Kompression plus Ödemprotektiva am effektivsten

  Venentherapeutika sind ins Kreuzfeuer der Erstattungspflicht-Diskussion geraten: Der Arzneiverordnungsreport stuft sie als umstrittene Arzneimittel ein. Und "wenn ein Therapieprinzip erst mal in einer Ecke steht, ist es schwer, es dort wieder rauszuholen", sagte Professor Dr. Dr. Ernst Mutschler auf einem von Schwabe Arzneimittel und Ganzoni ausgerichteten Workshop. Auch die Kompressionstherapie ist erst nach langem Ringen während den Verhandlungen zu den Neuordnungsgesetzen im Pflichtkatalog der gesetzlichen Krankenkassen geblieben. Dabei gibt es klinische Studien, die den Ödemprotektiva und der Kompression gute Noten bescheinigen.

"Je früher kompetent therapiert wird, desto leichter werden Komplikationen vermieden", riet Dr. Eberhard Rabe von der Universitäts-Hautklinik in Bonn. Die Kompressionstherapie gehört zu den Grundpfeilern der Venentherapie, da der "körpereigene Kompressionsstrumpf", die Muskelfaszie, insuffizient geworden ist. In der Akutphase ist der Kompressionsverband Mittel der Wahl, um das Ödem schnell auszuschwemmen. Für die Dauertherapie empfiehlt Rabe den Kompressionsstrumpf. Er untermauerte anhand von Studien die Wichtigkeit dieser Therapie.

So zeigt eine randomisierte prospektive Studie mit 199 Probanden, daß ein Kompressionsstrumpf nach einer tiefen Beinvenenthrombose in 63 Prozent der Fälle ein postthrombotisches Syndrom verhindert. Auch auf die Rezidivneigung bei abgeheiltem Ulcus cruris hat die Kompressionstherapie einen günstigen Einfluß. Das bestätigen zwei Studien von 1991 und 1996, an denen 73 beziehungsweise 56 Probanden teilnahmen. In der 91er Studie lag die Rezidivrate nach fünf Jahren bei 29 Prozent. Zum Vergleich: Bei den Patienten ohne Kompression hatten alle bereits nach 26 Monaten ein Rezidiv. Diese Ergebnisse konnte die 96er Studie bestätigen, in der die Nachbeobachtungszeit 28 Monate betrug.

Die Kompression schafft ein Widerlager zur Muskelpumpe. Daraus resultiert eine erhöhte Rückresorption von Schwellungen. Die Kompression darf aber nicht als Ersatz zum Geh- und Lauftraining angesehen werden. Zudem verkleinert sie den Venenquerschnitt und erhöht so die Fließgeschwindigkeit des venösen Blutes. Zusätzliche Effekte sind eine Erhöhung der fibrinolytischen Aktivität der Venenwand und eine verbesserte Mikrozirkulation. Wichtig: Die Kompression übt auch Druck auf das arterielle System aus. Deshalb stellt die periphere arterielle Verschlußkrankheit eine der wichtigsten Kontraindikationen dar.

Ödemprotektiva: Was können sie, was können sie nicht?

Dr. Curt Diehm, Innere Medizin der Universitätsklinik Heidelberg,schätzt, daß bei etwa 50 Prozent der Patienten "der Strumpf in der Ecke landet". Die Compliance lasse gerade bei Patienten, die den Strumpf zur Prophylaxe tragen müßten, zu wünschen übrig. Die Compliance ist außerdem abhängig vom Schweregrad der Erkrankung und der Jahreszeit. Aufgrund dieser Akzeptanzprobleme sind die Ödemprotektiva für Diehm das zweite Standbein im Therapieregime. Klinische Studien beweisen, daß sie die Symptome der Rückflußstörung bessern können.

Diehm macht die unüberschaubare Zahl von Venenmitteln dafür verantwortlich, daß diese in den letzten Jahren in Mißkredit geraten sind. Viele seien unterdosiert oder enthielten beliebige Kombinationen, die "nicht wirken können". Nur wenige können überzeugende Daten vorweisen. Positiv-Monographien der Kommission E des ehemaligen BGAs liegen nur für Roßkastaniensamenextrakt mit standardisiertem Aescin, Mäusedorn mit standardisiertem Ruscogenin und Steinklee mit standardisiertem Cumarin vor. Tierexperimentelle Untersuchungen und klinische Studien geben auch den Rutosiden (Troxerutin/Oxerutin 1000 mg/Tag) gute Noten. Man schreibt den Venentherapeutika ödemverhindernde, venenkapillarabdichtende sowie -stabilisierende und antiexsudative Effekte zu.

In multizentrischen, placebokontrollierten Studien über 12 Wochen verringerten die Ödemprotektiva in 60 Prozent der Fälle signifikant das Unterschenkelvolumen. Auch subjektive Parameter wie Schmerzen besserten sich (71,4 Prozent). Eine weitere Studie vergleicht die Wirkung mit der von Kompressionsstrümpfen. Der Effekt durch die Medikamente setzte zwar zögerlicher ein, war aber nach den Worten Diehms mit der Kompression vergleichbar. Optimal scheint die Kombination zu sein: Bei Patienten, die an chronischer Veneninsuffizienz litten, erwies sich die Gabe von Ödemprotektiva zusätzlich zur Kompression der alleinigen Kompressionstherapie überlegen. Der Effekt konnte additiv gesteigert werden.

PZ-Artikel von Elke Wolf, Frankfurt        

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