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Schweiz kein Vorbild für Deutschland

11.05.1998  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

Schweiz kein Vorbild für Deutschland

Die Situation der Apotheken in der Schweiz ist sicher kein Vorbild für deutsche Apotheken. Trotzdem können die deutschen Apotheker von ihren Schweizer Kollegen lernen, wie auf negative Einflüsse, zum Beispiel Versandhandel oder Dispensierrecht der Ärzte beziehungsweise einem dirigistischen Preisbildungssystem, zu reagieren ist. Das war das Ergebnis des Infotainments während des Wirtschaftsforums des Deutschen Apothekerverbandes in Baden-Baden, das unter der Moderation des ABDA-Geschäftsührers Dr. Paul Hoffacker zum Thema "Apotheke in der Schweiz: gleiche Probleme, gleiche Lösungen?" mit Repräsentanten des Schweizerischen Apothekervereins und dem geschäftsführenden Vorstand des DAV stattfand.

Das Profil des schweizerischen Gesundheitswesens zeigte sich aufgrund des konsequenten Föderalismus und des Liberalismus sehr undurchsichtig. Die nationale Ordnung folge, so Dr. Christian Ruetz, Leiter der Abteilung Marketing und Kommunikation im Schweizerischen Apothekerverein, dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners. Letztendlich seien die einzelnen Kantone für die Gestaltung des Gesundheitswesens zuständig. Deshalb gebe es auch keine verbindliche Arzneimittelpreisverordnung, vielmehr würden die Preise nach dem Prinzip des Gentleman's agreements festgelegt und könnten nicht eingeklagt werden. Die letzte Preissenkungsrunde habe viele Produkte auf 40 Prozent des ursprünglichen Preises gedrückt. Da die Herstellerabgabepreise nicht parallel gesenkt wurden, mußten die Apotheker diese Arzneimittel jetzt teurer einkaufen als sie sie verkaufen könnten.

Die Apotheke sei dadurch in eine Schieflage geraten. Die Erträge ständen nicht mehr im Einklang mit dem Aufwand der Apotheker, kommentierte Dr. Max Brentano-Motta, Präsident des Schweizerischen Apothekervereins, die augenblickliche Situation der Apotheken in der Schweiz. Er hoffe auf Änderung im Abgeltungswesen durch das von den Apothekern mitentwickelte neue System der leistungsorientierten Abgeltung der Apotheker. Danach soll sich der Arzneimittelabgabepreis in der Zukunft aus einer Medikamentenpauschale (64,4 Prozent), einer Kapitalmarge (12,9 Prozent), einer Patientenpauschale (5, Prozent), einer Rezeptpauschale (10, Prozent) und einer Zahlungspauschale (6,6 Prozent) zusammensetzen. Damit hoffen die Schweizer Apotheker die Quersubventionierung (teure Arzneimittel subventionieren niedrige Arzneimittelpreise) aufzuheben. Gleichzeitig soll dem Bestreben der Krankenversicherungen, etwa mit Versandhandel Rosinenpickerei zu betreiben, der Boden entzogen werden.

Die Chance, dieses neue Preisbildungssystem verbindlich zu machen, wird von Brentano als gut bewertet. Die Apotheke soll nach den Vorstellungen der Schweizer Apotheker ein Gesundheitszentrum werden. Das Arzneimittel dürfe kein Konsumgut mehr sein, sondern müsse öffentlich als Sozialgut definiert werden. Rabatte auf Arzneimittel, meist bei Großpackungen, wie sie in der Schweiz zum Teil in Kettenapotheken gewährt würden, oder Aktionspreise sollten von Apotheken nicht mehr als Werbemittel eingesetzt werden. Geworben werden sollte ausschließlich mit der pharmazeutischen Dienstleistung. Daß darüber durchaus unterschiedliche Auffassungen in der Schweizer Apothekerschaft herrschen, belegte Dr. Theo Voegtli, Landapotheker aus Aargau und Präsident des dortigen Apothekervereins. Daneben ist er Gründungsmitglied von Pharmtop, einer Apothekenkette, die nach "Best-Western-Konzept" das Marketing verstärken und durch Grundangebote schneller preiswerte Arzneimittel anbieten will.

Dispensierrecht der Ärzte

Ein weiteres Negativum für die Apothekerschaft der Schweiz sei das uneingeschränkte Selbstdispensierrecht der Ärzte in einigen Kantonen. Ruetz: "Die Schweizer Apotheker definieren aufgrund dieser Tatsache die Partnerschaft Arzt/Apotheker oft folgendermaßen: Ärzte sind die Partner, uns schafft's!" In vier Kantonen haben die Apotheken das Arzneimittelabgabemonopol. Dort funktioniert die Zusammenarbeit der Ärzte mit den Apothekern in Qualitätszirkeln. Die Chance, das Dispensierrecht der Ärzte in der Schweiz abzuschaffen, sieht Brentano nicht, weil in einigen Kantonen die Ärzte das Abgabemonopol hätten und 90 Prozent des Arzneimittelmarktes bestimmten. Da würde auch das Hauptargument gegen das Dispensierrecht nicht fruchten: Dispensierende Ärzte hätten im Gegensatz zur Apotheke keinen Überblick über die Arzneimittel, die ihre Patienten einnähmen. Ein weiteres Argument gegen das Dispensierrecht sei, so Brentano, daß die Gesamtkosten für einen Patienten bei Selbstdispensation durch den Arzt höher seien als bei nicht dispensierenden Ärzten. Zwar folgten die neuen Gesetze wie Krankenversicherungsgesetz, Kartellgesetz und nationales Heilmittelgesetz den Argumenten der Apotheker. Sie müßten aber noch verabschiedet werden, was allerdings erwartet würde. Wie aber die Kantone dieses Gesetz rechtlich umsetzen werden, sei eine andere Frage.

Versandhandel

Der Kanton Solothurn nimmt eine besondere Stellung im Gesundheitswesen der Schweiz ein. Wie die Präsidentin des Kantonalen Apothekervereins, Regula Studer, definierte, ist Solothurn das Land der unbegrenzten pharmazeutischen Möglichkeiten. Hier hat sich unter anderem ein Versandhandel unter der Trägerschaft einer Krankenversicherung etabliert, der mit 25 Millionen Franken Startkapital aufgebaut wurde, öffentliche Wirtschaftsfördermittel in Anspruch nehmen konnte, weil er 100 Arbeitsplätze versprach (aber nur 22 verwirklichte) und keine Steuern zahlt. Der Spareffekt von 15 bis 20 Prozent, der versprochen wurde, so Stefan Wild vom Schweizerischen Apothekerverein, sei nie belegt worden, würde aber immer wieder in den Medien zitiert. Eigene Berechnungen hätten gezeigt, daß wahrscheinlich mehr Kosten verursacht würden. Die Akzeptanz bei der Bevölkerung, besonders bei den chronisch Kranken, wird von den Schweizer Kollegen als schlecht bezeichnet. Allerdings können sie keine Zahlen präsentieren. Andererseits sei dieser Versandhandel nur in der Verbindung mit einer Krankenversicherung möglich geworden. Wäre er wirtschaftlich wirklich lukrativ, hätten sich sicherlich längst private Anbieter etabliert.

PZ-Artikel von Hartmut Morck, Baden-BadenTop

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